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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-10-07 · N° 41. (7.10.1880) · p. Seite 346

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 41. (7.10.1880)
Date
1880-10-07
Page
Seite 346 (sequence 4)
Language
German
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Frage in entsprechender Weise zu äußern, erlaube ich mir, folgende Interpellation an den Herrn Minister-Präsidenten zu richten: In Anbetracht, daß in einem gewissen Stadium gewisser Fragen das Stillschweigen geradezu ein politischer Fehler ist — sei es, weil sie sozusagen insgeheim weiter getragen werden, sei es, weil, da man nicht von ihnen spricht, ihnen größere Wichtigkeit beigelegt wird, als sie verdienen; in Nw betracht, daß durch jene Bewegung, welche der Herr Abgeordnete Jstoczy in Fluß gebracht hat, in unserem Vaterlande eine wahrhafte Judenfrage sich zu entwickeln droht; in Anbetracht, daß zufolge der politischen Stellung, welche der genannte Herr Abgeordnete der Regierung gegenüber, einnimmt, daß er ihr stets folgt und sie unbedingt unterstützt, sich beinahe nothwendigerweise namentlich bei den weniger gebildeten Bewohnern des Landes die Ansicht entwickeln muß, daß, was ein solches Mitglied der Regierungspartei thut, mit den Intentionen der Regierung selbst kaum in directem Gegensatz stehen kann, frage ich achtungsvoll den Herrn Minister - Präsidenten und Minister des Innern: 1. Hat er Kenntniß von der Bewegung, welche der Herr Abgeordnete Jstoczy hinsichtlich der Zustandebringung des Verbandes der ungarländischen Nichtjuven in Fluß gebracht hat? Ist der Statutenentwurf dieses Verbandes eingereicht worden? Wenn ja, ist er von der Negierung genehmigt worden? Wenn nicht, uns gedenkt sie zu thun, daß einerseits der Irreführung der öffentlichen Meinung rechtzeitig ein Ende gemacht, andererseits damit das gute Einvernehmen zwischen christlicher und nichtchristlicher Bevölkerung nicht gestört und schon von vornherein das gewaltsame Aufwerfen von Fragen unmöglich gemacht werde, die weder durch die Rothwendigkeit, noch durch die öffentlichen Verhältniffe indicirt sind?"— Der Ministerpräsident Tisza beantwortete die Interpellation, indem er erklärte, daß die Negierung sich durchaus nicht mit der von Jstoczy inaugurirten Bewegung identiftcire. Bisher seien der Regierung noch keine Statuten eines antisemitischen Vereins zur Genehmigung vorge'.egt worden; falls aber nach der Faffung der Statuten der Zweck eines Vereines darin bestehen sollte, zwischen den verschiedenen Klassen der Bevölkerung, den verschiedenen Nationalitäten und Confessionen Zwistigkeiten hervorzurufen, oder falls derselbe mit den Landesgesetzen und der Verfaffung im Widerspruch stehen sollte, würde die Regierung die Genehmigung versagen. So lange eine Bewegung auf theoretischem Gebiete bleibe, reiche die Preffe, event. das Preßgesetz, selbst als Gegenwaffe aus; sobald aber die gesetzlichen Schranken verletzt würden, werde die Regierung von ihrem gesetzlichen Rechte, solche Agitationen zu verhindern, Gebrauch machen. Aus Ungarn. (Or. - Corr.) Kaiser Franz Josef bei seiner vorwöchentlichen Anwesenheit in Fünfkirchen Anlaß genommen, darauf hinzudeuten, daß der Friede unter den Anhängern sämmtlicher Confeffionen seines vielsprachigen Reiches sein innigster Wunsch sei; er hat damit den auch bei uns in jüngster Zeit hie und da aufgetauchten Nersuchen, das friedliche Einvernehmen zwischen Jude und Christ zu stören, die Spitze abgebrochen und öffentlich, wenn auch indirect, seine Mißbilligung hierüber ausgesprochen. Die Antwort des Kaisers auf die Huldigung der katholischen Geistlichkeit enthält unter Anderem folgenden Paffus: „Ich bin überzeugt, daß der katholische Clerus dieser Diözese so wie bisher auch fernerhin seinen Einfluß eifrig dahin geltend machen wird, daß er bei der Festigung der Moral und der Religion, bei der Verbreitung der Segnungen des Glaubens die seiner Fürsorge anvertraute Bevölkerung in brüderlicher Eintracht mit den Bewohnern jeder Confession, in der Treue für Thron und Vaterland und in der Achtung der Gesetze wetteifern." Der Kaiser hat also mit Freude die Gelegenheit ergriffen, um zu zeigen, daß in den maßgebenden Kreisen das unwürdige Vorgehen einzelner Aufwiegler geradezu verachtet und mißbilligt wird. In ähnlicher Weise äußerte er sich dem griechisch-orientalischen Clerus. „Ich empfange Ihre huldigende Aufwartung gern und hoffe, daßSieJhren Einfluß auf Ihre Gläubigen jeder Zeit dazu benützen werden, damit dieselben in brüderlicher Eintracht mit den übrigen Bewohnern, treue Unterthanen des Thrones, treue Bürger des Vaterlandes bleiben." In huldvollster Weise empfing Se. Majestät die Vertreter der israelitischen Gemeinde. Er antwortete denselben: „Gern empfange ich den Ausdruck Ihrer Huldigung und treuen Anhänglichkeit, da Ich überzeugt bin, daß auch Sie Ihre Pflichten für Thron uud Vaterland immer treu erfüllen werden. Versichern Sie Ihre Sender Meiner unveränderlichen Königlichen Huld." Geradezu demonstrativ fuhr Se. Majestät bei der Rundfahrt durch die hellerleuchtete Stadt direkt zum glänzend decorirten und effectvoll beleuchteten Tempel; vor dem Eingang in denselben ließ Kaiser Franz Josef eine Zeit lang halten, um sich die Beleuchtung genau anzusehen. Italien. Rom. Bei dem internationalen hygienischen Congreß in Turin war Rom durch zwei Männer vertreten, deren einer der Profeffor Dr. David Toscano, Sohn des sel. Rabb. Dr. S. Toscano war. Turin, Rom und Mailand haben auf vielen Congreffen, die in den letzten Wochen abgehalien wurden, jüdische Vertreter gehabt. Besonders hervorzuheben ist, daß bei dem internationalen Congreß für Handel und Gewerbe in Brüffel Cav. Oreste Lottes, Industrie-Inspektor, im Aufträge des Ministeriums für Ackerbau und Handel die italienische Regierung vertrat. — Eine Reihe von Ernennungen legt wiederum Zeugnlß von der Strebsamkeit und Tauglichkeit unserer Glaubensgenossen, wie der Unpartheilichkeit der Regierung und Behörden ab. Besonders erfreulich ist, die Erwählung des 29jährigen Deangelis zum Syndikus von Monferrato. Reggio. Die Bibliothek des verstorbenen Rabbiners L a t t e s rn welcher sich auch zwei Manuskripte von bedeutendem Werthe befanden, ist für 500 L. von Dr. Rabbinowitz angrkauft worden. Palästina. Jerusalem, 19. August. Im Aufträge des Berliner Comits's für Errichtung von Waisenhäusern wollte Herr Dr. Herzberg, bisher Director der Ackerbauschule in Jaffa, vier Kinder von den Aschkenasim in sein Haus nehmen, um sie zu verpflegen und zu erziehen. Dr. H. ist als religiöser Mann bekannt und auch der von ihm gewonnene Lehrer, der Bibel, Talmud, Deutsch- und Hebräischschreiben unterrichtet, gehört zu den Strenggläubigen. Als nun kund wurde, daß ein armer Mann seine beide Söhne Herrn Dr. H. zugeführt habe, ließ ihn der Brisker Rabbiner holen und befahl ihm, sofort seine Kinder wieder fortzuholen, sonst würde er der Chaluka verlustig gehen und auch das Aemtchen verlieren, Wafferschöpfer für die Synagoge des R. Jehuda hachoffid zu sein. Beim Versuche, sich zu rechtfertigen, ward der arme Mensch von den Schülern des Brisker Rabbiner tüchtig durchgebläuet und auch die Bücher (natürlich im Jargon), die er zum Verkaufe bei sich gehabt, wurden zerrissen, Daraufhin nahm er die Kinder wieder zu sich, worauf seine zweite Frau — müde auch für die Kinder der ersten das Brod herbeizuschaffen — ihn verließ. Dr. H. will noch etwa 14 Tage warten. Meldeten sich bis dahin keine Zöglinge von den Aschkenasim, dann wird er Sefardim nehmen, dann wird auch das 3. von Deutschen gegründete Waisenhaus nur den Sefardim zu Gute kommen. Der Zelotismus wächst überhaupt zusehends. Selbst den bekannten Herrn I. M. Pines, Agenten der Montefiore-Stiftung, haben sie mit Pasquillen bedacht, die sie an die Straßenecken anhefteten. An der Westwand de- Tempels haben sie ihn unter Schofartönen gebannt und verflucht, und den Na-

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