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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-10-01 · N° 40. (1.10.1880) · p. Seite 339

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 40. (1.10.1880)
Date
1880-10-01
Page
Seite 339 (sequence 5)
Language
German
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339 — ihren Kindern auf einem Kirchhof begraben zu sein. Ob es wahr ist, wie man sich erzählt, daß er vor seiner Taufe den hiesigen jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten namhafte Geschenke zugewiesen, vermag ich nicht mit Bestimmtheit anzugeben. — Die hiesigen jüdischen Kreise sind seit einiger Zeit in lebhafte Aufregung versetzt worden, da sich das Gerücht verbreitet hat, daß ein hiesiger jüdischer Fleischer in seinem Geschäft noch anderes, als rituell geschlachtetes Fleisch zum Verkauf gebracht haben soll. Hoffentlich ist es der Umsicht unseres Rabbiners, dessen Predigten an den hohen Feiertagen allgemein angesprochen haben, bereits gelungen, hierin Remedur geschafft zu haben. In Wiesenfeld, einem Ort in Unterfranken, hat sich ein trauriger Vorfall zugetragen, der lebhaft an die Judenverfolgungen des Mittelalters gemahnt. Ein jüngerer israelitischer Bürger ging Abends mit seiner Frau nach Hause, als er von einer Rotte junger Burschen mit Steinen geworfen wurde. Ter Vater des jungen Israeliten kam hinzu, erwischte noch einen der Burschen und versetzte ihm eine gehörige Tracht Prügel, wobei er einen gefährlichen Mefferstich erhielt. Kurz daraus schaarte sich eine an die zweihundert Köpfe zählende Rotte vor dem Hause des Juden zusammen, brachte ihm eine Katzenmusik und bewarf das Haus derart mit Steinen, daß dieselben sogar in das Zimmer drangen, in welchem der Verwundete lag. Erst das Dazwischentreten des Bürgermeisters verhinderte weitere Exceffe. Als aber andern Tags der gestochene Israelit den Arzt kommen und Anzeige bei Gericht erstatten ließ, wiederholten sich die Exceffe gegen die Juden im Orte, wobei fünfen die Fenster eingeworfen wurden. (Solche Vorfälle zeigen in erschreckender Deutlichkeit, daß die giftige Saat unserer Hetzprediger bei den unteren, rohen Schichten des Volkes auf fruchtbaren Boden gefallen ist und welche Gefahren man heraufbeschwört, wenn man diesem fanatischen, wüsten Treiben, das die niedrigsten Triebe wilder Leidenschaft entfesselt, nicht bald ein dauerndes Ziel setzt.) Klppenheim (Baden), 8. Sept. (Or.-Corr) Am Freitag, den 9. September, wurde hier die neu restaurirte Synagoge in feierlicher Weise eingeweiht und von Neuem seiner Bestimmung übergeben. Aus diesem Anlaffe kam der Bezirksrabbiner Herr I)r. Rawicz aus Schmieheim, das nur Stündchen von hier entfernt liegt, zu uns,; um die Einweihungsfeierlichkeit abzuhalten. Nachdem die Thorarollen aus dem interimistischen Betlokale, woselbst noch das Minchagebet verrichtet wurde, geholt waren, setzte sich der Festzug unter Vorantritt des Rabbiners in Bewegung. In der Synagoge angelangt, stimmte der Synagogengesangverein einen Choral an, und hierauf hielt der Herr Rabbiner die Festrede, der er den Vers aus dem Wochenabschnitte „Ihr steht Alle heute vor dem Ewigen, Eurem Gotte" zu Grunde legte und 1) das Gotteshaus das Jahr über und 2) die Bedeutung deffelben in den gegenwärtigen hohen Festtagen — geistvoll behandelte. Erwähnen wollen wir noch zum Schluffe, daß die Gemeinde die Restaurirung ihrer Synagoge, die, nebenbei bemerkt, auf das Prachtvollste decorirt wurde, der Umsicht ihres Vorstehers, dem Herrn Moritz Durlacher, verdankt, deffen religiöser und wohlthätiger Sinn weit und breit bekannt ist. Oesterreich. Krakau, 16. Sept. (Or.-Corr.) Wenn Sie heute einen Bericht von hier erhalten, so werden Sie gewiß vor allem Berichte über die Kaiserreise in Galizien erwarten. Doch nein! Sie haben sicherlich in den politischen Blättern genug davon gelesen, was arrangiert und gesprochen wurde.*) Sie haben sich gewiß zu Ihrem und Aller Vergnügen überzeugt, daß kein Unterschied in der Confeffion in Oestereich zu bemerken war. So z. B. besuchte der Kaiser hier sowohl die christliche als die jüdische Schule. In beiden Schulen fragte er nach *) Wir unterlassen aus diesem Grunde auch den Abdruck der von vielen Städten Galiziens uns hierüber zugegangenen allzu auskührlichen Berichte. (Red.) allen Verhältniffen in gleicher Weise. Doch muß ich Sie aufmerksam machen, nicht Alles als baare Münze hinzunehmen, was in den Blättern mit jüdischen Lettern hierüber berichtet wurde. Interessant ist die Ansprache, welcher der Kaiser an die Polen richtete. Ein Paffusderselben wurde bereits vom Rabbiner der culturellen Gemeinde verwerthet und als Programm für diese Gemeinde angewendet: Er lautet: „Die Tradition hoch zu halten, und dieselbe mit den Bedürfniffen der Gegenwart in Einklang zu bringen" — nur dadurch könnte der deutsche Tempel Propaganda machen. Die Schroffheit der Extreme müßte abgeschliffen werden, soll einmal Friede werden. Sie sehen, daß die österreichische Politik an Spinoza und an seinen politisch-theologischen Traktat erinnert, und Spinoza wird in neuerer Zeit auch der Mann der Kabbalisten. In Wien wird ein Seminar für jüdische Religionslehrer, errichtet, darüber vieles Heulen und Zähneklappern, unter den Fanatikern. Meines Erachtens ist diese Anstalt zwecklos, in so lange es keine — Religionsschulen giebt. Wozu Hirten ohne Herde? Hier wurde vor einem Jahre von einer Gesellschaft der frommen Partei eine Privat-Religionsschule gegründet; allein der Fanatismus spie so lange Gift und Galle, bis der Vorstand sein Amt niederlegte und die Anstalt ihrem Schik ale überließ. — „Jbri Anochi" dagegen begrüßt in einem schwungvoll geschriebenen Artikel den Plan der Wiener isr. Alliance, ein Lehrerseminar zu errichten, als das Nahen geistigen Morgenrothes für Galizien und Bukowina. Indem das Blatt zum Anschluß an diesen Verein mahnt, der bisher erst 5 Filialen in den genannten Provinzen erlangt hat, weist es auf den Gemeindebund hin, der trotz Lehmann'scher Agitationen in kurzer Zeit so viele Mitglieder gewonnen hat. Aus Mähren, 22. September. Ein Prager Blatt berichtet: Dieser Tage ist ein für die Bereicherung der jüdischen Literatur- und Culturgeschichte wichtiges Werk beendet worden, nämlich die Aufnahme sämmtlicher zugänglicher Inschriften auf dem P r a g er alten israel. Friedhofe in der Josephstadt. Die Idee hierzu ging von dem Vorstande der dortigen Beerdigungs-Brüderschaft aus — und brauchte 5 Jahre bis zu ihrer vollständigen Realisirung. Um die durch das hohe Alter mancher Grabsteine so erschwerte Entzifferung mancher Epitaphien hat sich zuerst der Friedhof-Custos Herr David Podibrad große Verdienste erworben, welcher mehr als 2000 derselben copirte. Die Fortsetzung wurde dann dem Stiftungs- Rabbiner Herrn L. M. P opper übertragen, deffen unermüdlichem Streben es gelungen ist, noch weitere 1000 Inschriften zu Tage zu fördern. Diese sind in jüd. - alphabetischer Ordnung zusammengestellt — und trägt der älteste Grabstein angeblich die Jahreszahl 4366 nach Erschaffung der Welt, gleichbedeutend 605 der christl. Zeitrechnung, der jüngste die Zahl 5547 d. i. 1787. — Von dem bekannten Literaten vr. M. N. F r i e d l ä nd e r, Rabbiner in Kanitz, ist vor kurzem der zweite Theil seiner „Geschichtsbilder" erschienen. In demselben ist der Autor bestrebt, die reifere Jugend wie überhaupt gebildete Laien, die sich für die Geschichte des Judenthums intereffiren, mit dem Leben und Streben der jüdischen Geistesheroen des Mittelaltes vertraut zu machen. (Dieses Buch welches in sehr ansprechender Weise die Lebensbilder der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters mit warmer Begeisterung schildert, kann in der Thal unserer reiferen Jugend als höchst anregende und belehrende Lectüre auf's Wärmste empfohlen werden. Wir werden es im Literaturblatt emer näheren Besprechung unterziehen. Red.) Rumänien. Bukarest, 17. September. (Or.-Corr.) Einer hier erscheinenden periodischen Zeitschrift „Revista stiintifica“ entnehme ich folgende Angaben, die auch für weitere Kreise nicht ohne Jntereffe sein dürften: „0r. Felix veröffentlichte neulich einen allgemeinen Bericht über den öffentlichen Gesundheitsdienst der Hauptstadt

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