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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-10-01 · N° 40. (1.10.1880) · p. Seite 337

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 40. (1.10.1880)
Date
1880-10-01
Page
Seite 337 (sequence 3)
Language
German
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— 337 — ruhig hindurch gehen werden durch diese Krisis, und bitte Sie, sich in diesem Kampfe durch das Bewußtsein trösten zu lassen, daß Ihre Angreifer und Feinde v o n u n s, ihren eigenen Glaubensgenossen, desavuirt werden. Wenn auchconfessionell geschieden, wollen wir doch eines Weges gehen, um diese Ungerechtigkeiten abzuwehren. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß mir ein Jude, der von echter Religiosität erfüllt ist, viel lieber ist, als ein zelotischer Priester!" (Lang andauernder, stürmischer Beifall.) Der Vorsitzende, Herr Albrecht, bringt hierauf folgende Resolution zur Vorlesung, für die der Antragsteller die Unterstützung der Presse erbittet: „Die heute vom protestantischen Reformverein berufene Versammlung erklärt den Versuch, Staatshilfe gegen Staatsbürger, weil sie zufällig als Juden geboren sind, anzurufen, fürunchristlich undunsittlich und warnt alle Staatsangehörigen, durch solche Bestrebungen sich nicht in Haß und Feindschaft hineintreiben zu lassen." Die Resolution wird einstimmig angenommen. Die anwesenden Israeliten enthielten sich tactvoll der Abstimmung. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 20. September. Die heutige Rr. der Magd. Zeit, bringt folgende Erklärung an der Spitze der lokalen Nachrichten: „Die Unterzeichneten, wie wahrscheinlich die Mehrzahl der Wahlmänner in Mgadeburg und Neustadt, erhielten am Sonntag Morgen durch die Post aus Berlin ein Flugblatt zugesandt, unterschrieben: „Die Wahlsection der Antisemiten." (Buchhändler Otto Hentze in Berlin.) Wir fürchten nicht, daß irgend Jemand unseren ehrlichen Wahlkampf mit dieser Schmähschrift, die sich an den s ch l i m m st e n Glaubenshaß wendet, in Zusammenhang bringt. Da uns aber zwischen dem Sonntag Morgen und der Stunde der Wahl kein Mittel zu Gebote stand, öffentlich gegen Form und Inhalt dieses „Aufrufes an die Deutschen und Christen in Magdeburg" zu protestiren und unserer Entrüstung darüber Ausdruck zu geben, so thun wir dies hiermit nachträglich auf das Allerausdrücklichste. Dem Versender der Flugschrift die Versicherung, daß in Magdeburg kein Boden für solche Hetzereien lst. Magdeburg, 20. September 1880. Der Vorstand des nationalliberalen Wahlvereins." (Folgen die Unterschriften.) Berlin. Wir laffen im Anschluß an das in vor. Nr. über die Einweihungsfeierlichkeit des neuen Friedhofes Gesagte nunmehr einen ausführlichen Bericht folgen. In der Kapelle des neuen Friedhofes, in deren dem Haupleingange gegenüberliegenden Nische sich um eine hochstämmige Palme ein kleiner Lorbeerwäld gruppirte, hatte sich eine Gesellschaft von ungefähr hundertvierzig Personen versammelt, darunter eine Anzahl Stadtverordneter, Mitglieder des Magistrats und Repräsentanten der Behörden, der Landrath des Niederbarnimer Kreises, und die Vertreter der einzelnen hiesigen jüdischen Gemeinden Orgelklang leitete die Feier ein. Dann ergriff im Namen des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Justizrath Meyer das Wort, um vorerst allen Denen, die an der Erbauung des neuen Friedhofes fördernden oder werkthätigen Antheil genommen, den Behörden, dem Baumeister Licht, der die Pläne zu dem Werk, das jetzt in so schöner Vollendung dastehe, entworfen, ferner der Bau- und der Beerdigungscommiffion den tiefsten Dank auszusprechen. An seine warmen Dankesworte schloß der Redner einen intereffanten Rückblick auf die früheren Verhältnisse der Gemeinde. Obwohl es jetzt gestattet sei, aus der Synagogengemeinschaft auszutreten, ohne zugleich dem jüdischen Bekenntniffe zu entsagen, haben doch nur sehr wenige Juden von dieser Freiheit Gebrauch gemacht. An den Gräbern hat der Kampf der Meinungen stets geschwiegen. „Und so möge auch" — schloß der Redner — „auf diesem Friedhof, den wir uns zu weihen anschicken, sich der Geist des Friedens über die Gemeinde ausbreiten und die Hände Aller über den künftigen Gräbern in Eintracht sich ineinanderschließen." Hinter den Lorbeerbäumen hervor erschollen jetzt, von dem Sängerchor der Synagoge angestimmt, in hebräischer Sprache die Psalmverse: „Der Mensch, wie Gras sind seine Tage." Ausgehend von den schönen, tiefsinuigen Worten der Weisen: „Das Geschlecht ehrt sich selber, das seine Todten ehrt" — und: „Die geboren werden, derer harrt der Tod, und die sterben, derer harret das Leben", hielt nun Rabbiner Dr. Frankl die Weiherede und nach dem Gesang des Liedes „Was von Staub, geht heim zum Staube, Erde ist der Erd' geweiht", beendete ein Gebet des Rabbiner Dr. Ungerleider, welches den Segen Gottes auf alle Diejenigen, welche an der Errichtung dieses Werkes der Pietät aufopferungsvoll Theil genommen, herabflehte, die Feier. An die Einweihungsceremonie schloß sich die Besichtigung der neuen Friedhofsanlagen. Die Baulichkeiten, die in ihrer Umkleidung durch gelbliche Verblendsteine einen recht freundlichen und gefälligen Eindruck gewähren, sind wenn auch nicht ganz streng, im Styl der italienischen Renaissance gehalten. Ein doppelthoriges, mit schmiedeeisernem Gitterwerk versehenes Eingangsportal, bei dem sich linker Hand das Portiergebäude befindet, führt auf einen geräumigen Vorhof, der in seiner Mitte durch eine Beetanlage einen frischen Blumenschmuck erhalten hat. Mehrere Stufen führen zu einem durch die sich kreuzenden Säulengänge gebildeten Mittelbau, an deffen Frontispice in goldenen Lettern, in hebräischer und deutscher Sprache die Inschrift prangt: „Es kehrt der Staub zur Erde zurück, wo er gewesen. Und der Geist zu Gott, der ihn gegeben.". In den Ecken dieses Mittelgebäudes befinden sich zwei für die rituellen Waschungen bestimmte geschmackvolle Waschbecken aus getriebenem Kupfer. Auf der rechten Queraxe befindet sich der Versammlungssaal für die Leidtragenden, deffen Möbel und Draperien entsprechend im dunklen Ton gehalten sind. An diesen Raum schließt sich das Verwaltungsgebäude, welches die Bureaus und die Jnspectorwohnungen umschließt. Ueber der linken Seitenaxe erhebt sich, dem Versammlungssaal zur Rechten entsprechend, ein Vorraum zur Leichenhalle, der späterhin durch ein reiches, schmiedeeisernes Gitter abgeschlossen sein wird. Hieran grenzt der Leichensaal, welcher durch gekuppelte Rundbogenfenster eine stimmungsvolle Beleuchtung erhält, in dem sechzehn Leichenböcke mit beweglichen Zinkplatten Aufstellung gefunden haben. Neben diesem Saal und der Vorhalle befinden sich Zimmer für die Träger und Leichenwächter. Unter dem Leichensaal befindet sich ein Kellergewölbe, das zur Aufnahme von vierzehn Leich m bestimmt ist und mit dem oberen Saal durch einen Fahrstuhl eine Communication hat. In dem unteren Leichengewölbe bemerkten wir jene bodenlose Brettergehäuse, in denen die Verstorbenen nach altjüdischem Ritus, um den Verwesungsproceß zu beschleunigen, begraben werden. Der neue Friedhof hat auch eine eigene Wasserleitung und ist deshalb hier ein Wasserthurm errichtet worden. Der Friedhof hat ein Areal von achtundsechszig Morgen, von denen jedoch erst etwa zweiundzwanzig umfriedet sind. — Auf dem alten Friedhofe, Schönhauser Allee, werden nur noch Diejenigen beerdigt, welche Erbbbegräbniffe und reservirte Gräber besitzen. Aus Mecklenburg. (Or.-Corr.) Pastor Milarch in Neubrandenburg hatte in seiner Rede zur Sedanfeier dieses Fest als ein „christliches" bezeichnet und darin unter Anderem gesagt, „daß man dasselbe nicht gleich den Israeliten am Fuße des Berges Sinai zu feiern habe — mit Essen, Trinken und Spiel!"*) Der Vorstand sah sich deshalb veranlaßt, in einem hiesigen Blatte *) An der bete. Stelle Exod. 32,6 ist gar nicht von einer Siegesfeier die Rede. Daß übrigens die Israeliten ihre Siegesfeier stets in ernster und würdiger Weise gefeiert haben, ist jedem Literaturkunvige n bekannt, man braucht nur an die Siegesfeier der Makkabäer zu erinnern.

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