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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-10-01 · N° 40. (1.10.1880) · p. Seite 336

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 40. (1.10.1880)
Date
1880-10-01
Page
Seite 336 (sequence 2)
Language
German
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— 336 — sind die Juden nicht! Erinnert Euch, wie die Berliner Börse auf die Deutsche Kriegsanleihe bei Beginn des französischen Krieges nicht zeichnete, wohl aber die Französische, als vort Heilhafter, unterstützte, und wie Berliner Juden während des Feldzuges Waffen an Frankreich geliefert haben! Das ist jüdische Vaterlandsliebe. Alles wird bei ihnen dem Geschäft untergeordnet, der Geldsack schreibt die Gesinnung vor. Wahlmänner Magdeburgs! Am 20. September sind die Augen aller Vaterlandsfreunde auf Euch gerichtet. Laster, die „edle Mannesseele", den Frankfurt a. M., die Börsen- und Judenstadt, nicht für würdig hielt zu ihrer Vertretung im Reichstage, ist Euch als Candidat präsentirt für das höchste Ehrenamt, das Ihr zu vergeben habt. Erröthet ob dieser Zumuthung, zeigt Euch als ganze deutsche Männer, als treue Söhne des Vaterlandes, gebt Euer Votum ab für deutsche Treue und Ehrenhaftigkeit: Wählet keinen Juden! Die Wahl-Sektion der Antisemiten. (Buchhändler Otto Hentze in Berlin, Friedensstraße 15.)" Es ist wohl das Stärkste, was in diesem schmutzigen Judenhetz-Genre seit etwa Jahresfrist geleistet worden! Da sind doch die Morr und Söcker wahre Stümper gegen diesen schriftstellernden Buchhändler Hentze, der, seitdem er sich mit der verwandten Seele des Herrn Marr entzweit — es drangen bei dieser Separation ganz widerliche Miasmen in die Oeffentlichkeit — diesem nunmehr Concurrenz macht. Gegen solches Non plus ultra des Luges die Privatanklage zu erheben, halten wir mit vr. Lasker, der darüber befragt worden, in der That für überflüffig, die öffentliche Verachtung wirkt in solchen Dingen vernichtender als 100 Mark Geldstrafe, die Herrn Hentze auf gar zu billige Weise zur Märtyrerkrone verhelfen würden. Wohl aber sollte man erwarten, daß ein preußischer Staatsanwalt sich fände, der auf Grund des § 166 des Strafgesetzbuches: „Wer öffentlich eine mit Corporationsrechten innerhalb des Bundesgebietes bestehende Religionsgesellschaft beschimpft . . . wird mit Gefängwß bis zu drei Jahren bestraft", die öffentliche Anklage erhebe; denn es ist doch sonnenklar, daß durch solche Verhetzung friedlich nebeneinander wohnender, mit gleichen verfassungsmäßig verbrieften Rechten ausgestattelen Bürgern in einem constitutionellen Staate ein öffentliches Interesse berührt wird. Im ungarischen Reichstage hat — wie wir soeben erfahren — wegen ähnlichen hetzerischen Treibens des bekannten, sich so oft der Lächerlichkeit preisgebenden Jstoczy ein christlich er Abgeordneter vor einigen Tagen eine sehr geharnischte Interpellation an den ungarischen Ministerpräsidenten eingebracht. Wir werden über den Erfolg Näheres zu berichten nicht ermangeln. Darin sind ja die Gebildeten aller Stände und Confeffionen einig, daß solches schmachvolle Hetztreiben einzelner Fanatiker weder dem Christenthume zur Ehre zu gereichen, noch unseres geliebten Vaterlandes Ansehen im Auslande zu vermehren geeignet ist. (Wir erinnern nur an die Aeußerung unseres hochedlen und ritterlichen Kronprinzen, daß, als er im vor. Jahre während seines Aufenthaltes in Italien von diesem judenhetzerischen Treiben in der Hauptstadt des deutschen Reiches gelesen, er sich desselben tief in der Seele vor dem Auslande schämen mußte. Und doch waren die damaligen Stöcker'schen Auslastungen bei Weitem nicht so schamlos verlogen wie die heutigen Hentze'schen!) Einer Widerlegung der in dem Pamphlete enthaltenen Schmähungen nnd Verdächtigungen bedarf es nicht; zum Ueberfluß drucken wir nachfolgenden gleichzeitig uns zugegangenen Bericht aus Berlin hier ab, der zum Theil die beste Widerlegung aus unpartheiischem christlichem Munde enthält: „Vor einer zahlreichen Zuhörerschaft hielt der Predige* des „protestantischen Reformvereins". Herr Dr. Kalthoff, einen Vortrag über resp. gegen die (von uns in Nr. 36 mitgetheilte) „Petition gegen die Juden " Der Redner leitete seinen Vortrag mit dem Ausdruck des Bedauerns darüber ein, daß es im deutschen Reiche noch eine Partei gebe, welche durch ihr öffentliches feindseliges Auftreten gegenüber den als gleichberechtigt anerkannter Mitbürgern jüdischen Glaubens es verschulde, daß die sogenannte Judenfrage in einer öffentlichen Versammlung zu discutiren noch nicht überflüffig sei. Die in Rede stehende Petition verdiene darum eine öffentliche Besprechung, weil dieselbe in concentrirter Weise Alles enthalte, was charakteristisch für die orthodox-christliche Partei ist, welche es heutzutage noch wagt, eine solche Petition in Scene zu setzen. Gegenüber dem den Juden gemachten Vorwurfe, daß dieselben die Christen aussaugen, weist der Vortragende auf die in unserer Zeit ganz allgemein vorherrschende materialistische Geistesströmung hin. Er zeigt, daß diese Geistesrichtung mit den Pripzipien der individuellen Freiheit und der freien Konkurrenz im Zusammenhänge stehe, daß die wirthschschaftliche Rothlage, in welcher sich die nur auf ihre Arbeit angewiesenen unbemittelten Volksklaffen befinden, eine Folge der modernen Selbstsucht sei, in welcher die bester siluirlen Klaffen diese berechtigten Prinzipien ausbeuten, daß diese Selbstsucht aber den Christen der Gegenwart in nicht geringerem Maße eigen sei als den Juden. Die Behauptung, daß die Juden unser Culturleben gefährden, widerlegt er durch den Hinweis auf den Eifer, mit dem gerade unsere Mitbürger jüdischer Confeffon sich's angelegen sein lasten, die Ergebnisse der Wiffenschaft, dieser höchsten Culturmacht, sich anzueignen. Nicht das Judenthum, sondern das jeder Reform und allem Fortschritt des religiösen und des sittlichen Lebens entgegenarbeitende orthodoxe christliche Priesterthum sei die culturfeindliche Macht, die von allen echten Culturkämpfern heutzutage vorzugsweise bekämpft werden müsse. (Lebhafter Beifall.) Daß die Preffe zum Theil corrumpirt iei, könne nicht in Abrede gestellt werden; daran seien aber nicht die Juden schuld, sondern diejenigen Christen, welche für ihr Streben eine käufliche Reptilienpreffe nöthig haben. Daß dem Judenthum das Ideal der Ritterlichkeit fehle, das gereiche demselben in den Augen aller Zeitgenossen, welche das Ideal des echten Bürgerthunis im Gegensatz zu dem Ideal der Ritterlichkeit mit seinen noblen Passionen Hochhalten, nicht zum Vorwurfe, sondern zur Ehre. In Bezug auf das sittliche Familienleben könnten viele Christen von den Juden viel Gutes lernen. Daß Religion und Christenthum von den Juden in der Presse angegriffen und verhöhnt werde, könne nur eine solche spezifisch-christliche Partei behaupten, welche ihren „Aslerdienst" in Religion und Christenthum für wahre Religion und für wahres Christenthum ausgebe. In Betreff der Forderung in der Petition, daß die Einwanderung von Juden beschränkt werde, weist der Vortragende darauf hin, daß diese Forderung mit der einer Austreibung derselben aus dem Lande auf demselben niedrigen Niveau sittlicher Bildung stehe. Gegenüber der Klage, daß die Juden sich in die Aemter hineindrängen, bemerkt er, daß dies gar nicht möglich sei, da alle Beamte im Staate ja von Behörden eingesetzt werden, es mithin nicht dem Belieben anhetmgegeben sei, sich in Staatsämter einzudrängen. Die Folgen besprechend, welche die Petition haben könne, hebt er hervor, daß mit ihr dem Hochmuth, der die bloße äußerliche Zugehörigkeit zu einer Religionspartei sich schon zu einem Verdienste anrechne, und dem Fanatismus der Religionsparteien gegen einander Vorschub geleistet werde. Mit folgenden Worten schloß der Vortragende: „Nun wende ich mich an diejenigen der vier anwesenden Herren, die sich zu dem mosaischen Glauben bekennen. Eine große Aufgabe, meine Herren, tritt durch diese Agitationen an Sie heran; erweisen Sie sich als wahre Freunde der Cultur und lassen Sie sich nicht erbittern durch Ungerechtigkeiten. Wachen Sie, daß nicht Gleiches mit Gleichem heimgezahlt werde. Von der Ehrenhaftigkeit Ihrer Confeffion erwarte ich, daß Sie

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