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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-09-18 · N° 38 u. 39. (18.9.1880) · p. Seite 332

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 38 u. 39. (18.9.1880)
Date
1880-09-18
Page
Seite 332 (sequence 10)
Language
German
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— 332 — Nur mußt Du mit uns früher ein Gläschen leeren," versetzte Bescht. „Kunele, ein Bänkel, (Sessel) für Reb Chaskel, des Mair Nethibot Eidam," verordnete Bescht. Kunele, einer seiner Beistände, zögerte nicht, diesen Befehl prompt auszuführen. „Hier zu meiner Rechten" verordnete er weiter. Alle Anwesenden richteten verwundert ihren Blick auf diesen ihnen unbekannten Gast, dem eine solche Ehre widerfuhr; an des Rebbe Tisch pflegten nur die auserlesensten Chassidim und von denen auch nur die, welche in ihrem Sprengel selbst als Chassidimführer oder Häupter Geltung haben, Platz zu nehmen. Nachdem sie ihr Gläschen geleert hatten, citirte er Nochemel Czernobler vor sich. Nochemel erschien in beinahe geknickter Stellung mit der Frage: „Was wünscht der Rebbe soll leben.? „Ich habe heute dem Olem (= le mond, Leute) das Fasten erlassen" antwortete Bescht, „aber ich will daß ein jeder soll ein „Pidjon nepheseh" (Seelenerlös, zu je Chaj gedolim, 18 Groschen) geben, nicht aber dafür weil wir ein Gebot übertreten, nein! nur weil ich will, sage ich Dir. Dir trage ich auf, es einzunehmen und dies sofort." Hier hast Du die Meinigen" und er leerte die Hosentasche. Pinchesel Koretzer und Bär Mezeritzer thun ein Gleiches. Nochemel zog hierauf einen Fetzen aus seinem Busen — vom Gürtel fest zufammengehalten dient den Chassidim der obere Theil ihres Kaftans als der beste Behälter — der einen gewaltigätzenden Tabakgeruch verbreitet und scharrte in demselben die Groschen zusammen. „Auch Du mußt ohaj gedolim geben, verstehst Du mich Nochemel," „Mühe und Geld können Sie Rebbeleb von mir keineswegs verlangen, au mamon au malkot, Geldstrafe oder Leibstrafe, sagt der Talmud." „Auch Du Nochemil! auch Du führst schon den Talmud als Gewährsmann an?!" „Wie soll man sich seiner auch nicht, um sich aus einer Verlegenheit zu helfen, bedienen dürfen? Habe ich doch keinen Pfennig." „So greife in Deine Taschen und Du wirst schon Geld finden." „Ach! Rebbeleb! meine Taschen haben schon seit langer Zeit Löcher; sie haben schon seit lange das Glück, Geld zu behalten, verlernt." — „Aber ich befehle es Dir." — „Olem! (Leute) hört! Der Rebbe soll leben, heißt mich in meine Taschen greifen, und darin Geld suchen, nun zeugt für mich, daß ich zerrissene Taschen habe" — sagte er zum Publikum gewendet. „Wir bezeugen es" tönte es allerseits entgegen. — „Der Rebbe soll leben, behauptet aber, daß man auch in zerrissenen Taschen Geld haben kann, selbst wenn man nichts hineingelegt hat. Glaubt Ihr das?" — Allgemeines Staunen ausdrückendes Schweigen. „Nun gut, wenn es sein muß, so wollen wir sehen" sagte Nochemil Czernobler, indem er mit beiden Händen plötzlich in die Taschen griff, wobei er nicht vergaß seinen Fetzen, in dem er bereits dreimal 18 Pfennige hatte, so loszulassen, daß dieselben zu Boden fielen und herumtanzten. Er aber beeilte sich mit Taschenspielerkunst seine zerriffenen Taschen nach außen zu ziehen und mit denselben den staunenden Leuten ad oeulo8 zu demonstriren. „Gottes Wunder!" schrien die Leute höchst erstaunt und warfen sich auf den Boden die Wunderpfennige aufzulesen. — „Diese Münzen können glückbringend werden, wenn man für eine jede dreimal ehaj gedolim als Pidjon geben wird." Jeder beeilte sich diesen Betrag dem Wundermanne zuzustellen, der wiederum diese enorme Summe Geldes seinem Gaste Chaskel, des Ma'ir Nethiboth Eidam, übergab. Bescht glaubte sich seinen Gast genugsam verpflichtet zu haben, drückte ihm daher vertraulich die Hand und fragte ihn, wann er abzureisen gedenke. „Noch heute" antwortete Chaskel verschmitzt — „Bleib noch einige Tage hier, Du sollst mein beständiger Gast sein" ersuchte ihn Bescht, der nicht wenig Interesse daran hatte, ihn auszuforschen. — „Wenn der Rebbe es durchaus wünscht, so kann ich noch einen Tag oder zwei hier bleiben." „Gut also, nun leere mit mir noch ein Gläschen." — Chaskel widerstand nicht und mit jedem Gläschen wuchs ihre Freundschaft. 14. Die Brautwerbung. Das Mißtrauen und den gegründeten Verdacht, welchen Bescht gegen seinen Gast anfänglich hegte, indem er sich sagte, der Zweck von Chaskels Reise sei wohl keineswegs Aussteuer- und die Mitgiftsammlung für seine erwachsene elfjährige Tochter, so glaubwürdig es auch schien, sondern die Aufspürung von Chainls Aufenthalt oder alles dessen, was auf ihn Bezug haben konnte, verstand der schlaue Chaskel dadurch zu verscheuchen, daß er sich wohl hütete über Chaim oder etwas ihn Betreffendes, das Mindeste zur Sprache zu bringen. Nun war aber Bescht seinerseits nicht wenig neugierig über Ester, die seine Imagination noch immer lebhaft beschäftigte, allerhand Neuigkeiten einzuholen. Er beschloß daher, diesen seinen Gast von dem er Vieles zu vernehmen hoffte, noch einige Zeit bei sich zurückzuhalten und dessen Zunge durch den untrüglich redenmachenden Wodki (Aquavita) zu lösen. Mehrere Versuche versagten. An Chaskels Verschlagenheit zerschellte Beschts List. Als jedoch Bescht eines Tages durch ein Gemisch von Getränken sein Ziel zu erreichen suchte, blieb die Wirkung nicht aus, — nur war er es allein, den der Branntwein, Meth und Wein redselig machten. — „Was hört sich in Jazlowiec? was hat sich, seitdem ich diese Stadt verlassen habe dort Hörenswerthes zugetragen?" platzte Bescht heraus. — „Was kann ich Ihnen mittheilen was der Rebbe nicht schon sonst weiß?" versetzte Chaskel, schlau genug, um Zeit zu gewinnen, sich seine wohlerdachten Lügen zurecht zu legen. — „Wie meinst Du denn, sollte ich von dort Nachricht erhalten haben?" fragte Bescht ganz erstaunt. — „War denn R. Scholem Samuely nicht hier?" — beantworte Chaskel fragend diese Frage. „Was sollte er denn hier zu suchen oder zu schaffen gehabt haben?" sagte Bescht ziemlich gespannt. — „Er war also nicht hier, so hat er ja die arme Frau um ein hübsches Sümmchen geprellt," rief Chaskel verschmitzt, als rede er zu sich selbst. — „Du redest in Räthseln und spannst meine Neugierde nicht wenig. Ich gestehe Dir offen, die Sache beginnt mich ziemlich zu interessiren. Erzähle mir daher die Geschichte klar und ausführlich." bat Bescht ganz aus der Reserve tretend. — „Es ist nicht viel zu erzählen" versetzte Chaskel. „Zur Zeit war in Esters Kasse starke Fluth, denn ich muß Ihnen bemerken, daß zu jener Zeit als Chaim seinen Herd verließ, sein Vermögen sich auf 15000 Ducaten belief, und so ereignete es sich, daß eines Tages der Baarbestand auf 8000 Ducaten stieg. Grade damals verschwand R. Scholem Samuely. Als man die Casse durchsuchte, fand man anstatt des erwünschten Geldes blos ein Schreiben von Samuely, in welchem er vorgab, er führe die vorräthige Summe im Aufträge Chaims ihm zu. Wie Sie sich wohl noch erinnern müssen, hielt man viel auf die Redlichkeit dieses Mannes und besonders Ester nahm diese Angabe für baare Münze, ließ nicht einmal Nachforschungen anstellen, um sich von der Wahrheit seiner Angabe zu überzeugen." — „Gute Frau," rief Bescht ziemlich eifrig, „so bedauere ich Sie sehr. Ich hielt sie für viel klüger, warum sollte sie nicht einsehen, daß selbst im Falle, wenn Chaim es ihm wirklich aufgetragen und er also nur in dessen Aufträge gehandelt hätte, er es sich wohl gut überlegt haben würde, von diesem Zwiespalt keinen Nutzen zu ziehen und eine so hohe Summe seinem Auftraggeber zuzustellen." — „Wenn Sie nicht vom Gegentheil bestimmt überzeugt sind, so kann noch immer der Fall möglich sein, denn vergeffen darf man auch nicht, daß Samuely eine Ausnahme bildet." — „Tippesch! (dummer Kerl) der Du bist, wenn ich Dir aber sage, daß Chaim todt ist," rief Bescht eifrig. — So sehr diese Mittheilung Chaskel überraschte, bemühte er sich, nicht nur seine Gleichgültigkeit Chaim anlangend weiter zu heucheln, sondern auch durch ferneren

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