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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-09-18 · N° 38 u. 39. (18.9.1880) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 38 u. 39. (18.9.1880)
Date
1880-09-18
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." Nr. 38 ii. 39. Magdeburg, den 18. Wasser. Da der Ruf aas der mit Balken gestützten Abtheilung kam, so glau'te , edermann. es sei dort bereits ein Einsturz erfolgt. Lärm, a. Tobe», Drängen und Stoben trat nun an die Stelle der Andacht. Die Frauen in der Perterre gelegenen Frauenhalle glaubten, sie werden jeden Augneblick von dem einstürzenden oberen Stockwerke erdrückt: in ihrer Angst brachen sie das Holzgitter ein, das sie von der Münnerhalle trennte, und nun erfolgte ein Hinüber- und Herüberklettern der Frauen und Männer, welch letztere itjre gefährdet gemeinten Frauen und Angehörigen zu retten versuchten. Es war eine Scene, wie sie peinlicher nicht gedacht werden kann, bis nach einiger Zeit einige Besonnene den Schauplatz des vermeinten Einsturzes untersuchten und in dem riesigen Wirrwarr« von Stimmen sich Gehör verschafften und die lärmenden Massen beruhigen konnten. Haag. 14. September. Heute fand hier die Enthüllung des Spinozadenkmals statt. Bei dem Festbankett in Scheveningen hielt Berthold Auerbach eine gediegene Tischrede, aus der Folgendes mitgetheilt wird. Er habe heute gelernt, sagt er, daß auch in Spinoza's Philosophie wie beim edelsten Weine, etwas Erdgeschmack und wie seine Landsleute Dämme aufwerfen wider Wildwasser, so habe Spinoza Schranken gezogen wider Phantasmagorien des Geistes. Auch in Spinoza lebte die holländische Nüchternheit, die beim heutigen Feste sich gezeigt, dem Blumen und Musik abgingen. Es war ein ruhiges Feit, kein flammendes, sondern stillwärmendes Kohlenseuer. Auerbach wünschte in allen Zungen als gewählter Wortführer aller fremden Nationen sprechen zu können, wie auch das Denkmal errichtet sei für einen internationalen Philosophen. Spinoza gehöre zunächst in Tod und Leben den Niederländern. In Spinoza erschiene aber überdies der ,homo über“, der freie Mensch, der über staatlichen und nationalen Trennungen steht. Er war denen entstammt, die, eingefügt in alle Stationen, um des Glaubens willen leiden mußten. Er selber aber mußte leiden um des freien Denkens willen, und er war ein Befreier. Nichts Rühmlicheres könne man dem Comitee nachstraen, als daß es im Geiste Spinozas, unbekümmert um Tagesitimmungen, treu und beharrlich seine Ausgabe sud 8peeie aeternie (im Hinblick aus das Unvergängliche) vollendet. Spinoza stellte wissenschaftlich auf und stellte in sich dar den schuldlosen Menschen, der, von jeglicher traditionellen Lehre frei, nach den Geietzen der freien Menschennatur handelt. Spinoza wollte, daß die Menschen erkennen, was sie thun, und thun, was sie erkennen, das wahrhaft Menschliche, das sittlich und göttlich ist." In Petersburg, welches bereits neben mehreren russischen Theatern einen deutschen, einen italienischen und einen französischen Thalientempel besitzt, wird nun auch ein jüdisches Theater seine Pforten öffnen. Das Gebäude für das jüdische Theater ist bereits gemiethet und hergerichtet, die Gesellschaft in Vorbereitung begriffe» und das Repertoire aus ausschließlich geschichtlichen jüdischen Stücken in Prosa und Versen und aus Operetten bestimmt. Der Director der ungemein zahlreichen und tüchtigen Truppe ist ein bekannter jüdischer Schriftsteller und Schauspieler, Herr Goldfaden, welcher gegenwärtig mit großem Erfolg in Moskau debnlirt. Die Eröffnungsvorstellung, „Der Fanatiker", Operette aus dem jüd. Leben in 4 Akten und 8 Bildern von A. Goldfaden, findet im November statt. So viel wir wissen, existirt gegenwärtig, von einigen in Oesterreich und Rumänien herumziehenden israelitischen Schaujpielertruppen abgesehen, gegenwärtig nur ein einziges ständiges jüdisches Theater in Bukarest, und zwar ebenfalls unter der Leitung des Herrn Goldfaden. September 1880. 11. Jahrgang. Petersburg. „Nowosu" berichtet, dl ß auf AnoidilUttg des neue» Ministers des Jnwr», Grafe» Loris Melikom, demnächst mehr, re Commissionen in Thätigkrit treten werden, darunter eine, welche die Frage über Emancipatiou und Gleichstellung der Juden vorgelegt wird. (Hameliz.) Petersburg Der „Golos" bat in seiner Re. vom 3/15. August ein sarkastisch gehaltenes Feuilleton gegen Lintostansky, den russischen Stöcker. Das ist ein sehr günstiges Zeichen für die Gesinnung der gebildeten Kreise. Odessa. Am 9. August verstarb hier der pcnnonirte Lehrer Herr E. M. Werbet, bekannt als hebräiicher Stilist im Alter von etwa 79 Jahren. (tzanieliz.) Wie aus Syrien gemeldet wird, bat es die Gasgesellschaft in Alexandrien übernommen, die Stadt Beyruth mit der Einführung der Gasbeleuchtung zu beglücken. Die Gesellschaft will dann auch andere Städte des Orients, darunter Jerusalem, mit Gaslicht heimsuchen. Bei dieser Gelegenheit dürfte es erwähnenswerth sein, daß die Straßenbeleuchtung schon bei den alten Juden im Gebrauche war, und soll dieselbe schon zur Zeit des Propheten Samuel bekannt gewesen fern, denn jüdische Chronisten erzählen vom Großvater des Königs Saul, daß er zahlreiche Straßen auf seine Kosten habe beleuchten lassen. Auch die Fackelzugsovationen waren den alten Israeliten schon bekannt, und an Abend des Versöhnungstages, wenn der Hohepriester den Tempel verließ, gaben ihm Tausende von Personen, mit Fackeln in der Hand, das Geleite bis in seine Wohnung Zur Zeit des zweiten Tempels wurden übrigens die Straßen Jerusalems täglich gekehrt. Nach russischen Zeitungen zählt die jüd. Gemeinde in Aleppo 8000 Familien. Neben vielen Kaufleutcn Gold unö Silberarbeiter, Schneider, Schuster, Sattler, Buchbinder, Maurer, Zimmerleute, Apotheker und 2 Richter. Die Gemeinde zahlt dem Sultan jährlich 135000 Frcs., daneben erhält sie 2 Rabbiner, ein Bethdin, 2 Synagogen mit 9000 Frcs.; die Schächter kosten 2500 Frcs. und der Krankenveleiu verausgabt 5000 Frcs. jährlich. (Hazcphira.) F e lt 11 i e t o n. Chajim Pro stak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Eine wahre Geschichte «us der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. (Fortsetzung) Kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserer Erzählung zurück. Alle drängten sich an Bescht, um das mit geistigen Inhalt gefüllte Gläschen ans seiner eigenen Hand zu empfangen und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als jedoch ein Mann, der sich durch Nichts von seinen Genoffen unterschied, seine lüfterne. Hand nach dem Gläschen ausstreckte, welches ihm Bescht entgegenhielt, taumelte er in seinen Stuhl zurück, entfärbte sich sichtlich und zitterte mit der Hand so sehr, daß das stärkende Naß derselben entfuhr und seine weißlinnene übrigens aber ungewaschene Hosen tränkte. Bescht gewann aber seine Fassung bald wieder, er richtete seine Augen streng prüfend auf den Mann, der noch vor ihm stand. „Chaskel, Du bist es," fuhr er ihn an, „ja ich irre mich nicht, was führt Dich hierher?" — „Ich habe eine erwachsene Tochter, und um sie verheirathen zu können, habe ich eine weite Reise unternommen. Ich will also hoffen, daß Sie mir in dieser Beziehung ihren Beistand nicht versagen werden," entgegnete Chaskel, der Mann der klugen Jentele, in beinahe bittendem Tone. „Du sollst Dich an Bescht nicht umsonst gewendet haben.

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