Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 38 u. 39. (18.9.1880)
- Date
- 1880-09-18
- Page
- Seite 328 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 828 werden an den Festtagen den Armen, die keine Karten lösen können, die Tribünen der 2. Etage gratis geöffnet. Sonntag, am 22. August, hat Herr Grandrabbi Zadoc Kahn das kleine Schloß, welches Baron Rothschild für seine Familie in Berck-sur-Mer dicht neben dem von ihm gestifteten isr. Seehospital (zur Kräftigung kranker Kinder) erbaut hat, eingesegnet. (Eine Modernisirung im besten Sinne des alten „Lernens" beim Chinnuch.) Kaum hatte er seine Rede beendet, als Musik ertönte. Es war die Stadtkapelle, welcher der Maire, die Lehrer der Laien und Congregationsschulen, die Oberin der Mädchenschulen mit ihren Schulkindern folgten, um die neuen Einwohner, die ihre Wohlthaten auch auf die nichtjüdischen Kreise in reicher Fülle ausdehnen, festlich zu begrüßen. — Am 31. August wurde Hr L4on Simon, Abtheilungschef im Ministerium für Ackerbau und Handel, unter großer Betheiligung seitens hoher Beamten beerdigt. (Arch. isr.) Rußland. Warschau. Ein Hauptgrund, der den Juden die Lust zum Sotdalenstand vertreibt, ist, daß sie dann die Speisegesetze, auch im Frieden, nicht beobachten können. Zwar wird auf Ansuchen es überall den jüd. Gemeinden gestattet, die Glaubensgenoffen zu beköstigen; aber nicht alle Gemeinden sind Willens, oder im Stande, die dort garnisonirenden Juden zu verpflegen. Das ist ein Punkt, dem auch bei uns in Deutschland viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dem Schreiber dieses ist bekannt, daß Dreijährigen während der Rekrutenzeit nicht gestattet worden ist, außerhalb der Menage zu effen. Damit fiel die Entschädigung für das Mittagbrod und zugleich eine billige Rücksichtnahme, damit der Soldat Zeit zum Effen außerhalb der Kaserne gewinne, fort. N^ch Monaten konnte hie und da die Erlaubnrß erlangt werden. Aber dann war der junge Mann schon an die Trefakost gewöhnt — und die Eltern grollen dem Militärdienst, der ihre Kinder der religiösen Sitte entfremdet hat! Hier ließe sich durch ein Wort an der rechten Stelle viel Unheil abwehren, denn sicher verfahren die Hauptleute in diesem Punkte strenger, als es von Oben her gefordert wird. Amerika. New-Aork. Einen guten Erfolg hat das Institut von Wanderpredigern zu verzeichnen. Herr N. I. Benson Rabbiner der Beth-EbGemeinde. hat durch seine Wanderpredigten 7 Sabbathschulen errichtet und die Gemüther in vielen Gemeinden mit neuem Jntereffe für das Judenthum belebt. — Auch das Colonisationsproject gewinnt an Volksthümlichkeit und bald wohl auch an greifbaren Mitteln. Hr. Wolf, der bereits früher schon genannt worden ist, reist auch für diese Zwecke herum. Außerdem regen sich auch christliche Stimmen dafür. — Es sei hier nachträglich des großen Festes erwähnt, das zum 25jährigen Amtsjubiläum des vr. Lilienthal am Sabbath vor dem 25. Juni in großartigster Weise gefeiert wurde. Selbstverständlich ist diese Feier ein sprechendes Zeugniß für die Sympathien, die Rabbiner und Gemeinde mit einander verbinden, für den Einfluß, den der elftere ausgeübt und — für die Geschicklichkeit, solche Feste glanzvoll zu gestalten. Ebenso aber ist es nicht auffallend, daß der Jubilar in seiner Rede sich dessen rühmte, daß er die Gebete um Rückkehr nach Jerusalem, Aufbau des Tempels und Wiederherstellung der Tempelopfer abgeschafft habe. Maroeco. Marocco. Der General Royes, Gesandter America's in Paris, hat an feine Negierung einen Bericht über einen Ausflug nach Nordafrika erstattet, in welchem folgender bemerkenswerthe Passus sich findet: „Die Muselmänner ergeben sich vollständig dem Müßiggänge, die Juden sind fast durchweg die einzigen, welche Gewerbe und Industrie betreiben und fast aller Handel ist in ihren Händen. Die Lage der Verhältnisse ist nur durch sie weniger traurig, als zu erwarten wäre. Dennoch betrachten die Muselmänner die Israeliten wie niedrige Hunde, die kein Anrecht auf Achtung ha ben und selbst unwürdig sind zu leben. Man sagt, daß Einige von ihnen, die reichsten und bedeutendsten, den Schutz der Vertreter der anderen Mächte erhalten. Aber dieses Vorrecht, daß dem internationalen Rechte nicht entspricht, erregt Eifersucht und zieht Repressalien nach sich, in Folge deren die Lage der n i ch t geschützten Juden noch schlimmer wird. Könne» die vereinigten Staaten nichts thun für diese Bevölkerung? Ich habe Grund zu glauben, daß diese Frage neulich die Cabinete Franksreichs, Englands, Italiens und Spaniens beschäftigt hat, aber ich weiß nicht, ob etwas beschlossen worden ist. Es liegt im Interesse der Humanität, daß die christl. Nationen intervenirten, sei es durch die Stimme einer gemischten Commission, sei es in irgend einer anderen Weise, um in Marocco eine größere Gleichheit der Rechte und eine unparteiischere Weise der Justizpflege zu erwirken". Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Es wird unsere Leser freuen, zu vernehmen' daß während der Zeit des Aufenthaltes des Kaisers in Ems der Geheime Commerzienrath Herr G. v. Bleichröder, als er beim Kaiser zu Tische geladen war, diesen um eine Audienz wegen der gegen die Juden von gewiffer Seite in Scene gesetzten Hetzereien ersuchte. In der Audienz erklärte der Kaiser, er habe diese Hetzereien, die den Frieden der Confeffionen störten, naturgemäß niemals gebilligt, er werde die Gelegenheit auch nicht vorübergehen laffen, ganz direct seine Mißbilligung über dieselbe auszudrücken. (Herr Stöcker wird nun wohl bei seiner diesjährigen „Campagne" zurückhaltender sein?) — Herr vr. Barth, Docent am hiesigen orthodoxen Rabbinerseminar ist, wie die „Jüd. Pr." meldet, zum außerordentlichen Professor an der hiesigen Universität ernannt worden. Berlin, 10. September. Eine Feier von ernstem Charakter. ein ergreifender religiöser Weiheact war die Einweihung des Neuen Friedhofs der jüdischen Gemeinde in Weißensee, welche gestern Vormittag stattfand. Der alte Fried, Hof in der Schönhauser Allee mit seinen langgestreckten, dichtgefüllten Gräberreihen bot kein Plätzchen mehr, wo man die müden Erdenpilger nach Vollendung ihrer irdischen Laufbahn hätte zur Ruhe betten können; so hat sich denn seine Gitterpforte für die Leichenzüge mit dem gestrigen Tage geschloffen, und wurde der neue weit außerhalb der Gemarkung Berlins eine neue Stätte des ewigen Friedens geweiht. (Ueber diese Feierlichkeit Näheres in der nächst» Nr. Red.) Berlin. Angesichts einer gewissen Strömung, die auch von bekannten Geistlichen in Fluß erhalten wird, dürfte es für Manchen interessant, für Manchen vielleicht auch beschämend sein, wenn wir hier folgendes Vorkommniß mittheilen, das wir einem Berichte des evangelischen Diasporapredigers Haffrnstein entnehmen. Derselbe erzählt in seinem Bericht wörtlich Folgendes: „Als im vorigen Jahre der Grund zu dem in Rede stehenden Siechenhause gelegt wurde, kam an demselben Tage nach dem Gottesdienst ein Mann zu dem Pfarrer und sagte: „Wollen Sie zu Ihrem Siechenstift nicht ein Häuschen zum ersten Anfang heute von mir als Geschenk annehmen? Vier Sieche können darin ausgenommen werden." Als der Pfarrer darauf mit Freuden Ja gesagt, stellte sich heraus, daß der gütige Geber ein Jude war." Berlin. Ein Erkenntniß des Reichsgerichts, III. Civilsenat, führt aus, daß nach dem Geiste des protestantischen Eherechts, welches im ehemaligen Kurfürstenthum Hessen auch die Entscheidungsquelle für die Ehestreitigkeiten der Juden bilde, es nicht gerechtfertigt sei, die von dem unschuldigen Ehegatten beantragte Scheidung der Ehe auf den Fall zu beschränken, daß der schuldige Gatte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe erleide. Unter der Herrschaft des gemeinen Rechtes werde vielmehr die Scheidung auch bei einer nur zeitigen