Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 37. (10.9.1880)
- Date
- 1880-09-10
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 318 der Attentäter hoffen. Man hört auch nicht, daß in Berlin Jemand den Versuch gemacht hat, den Fürsten Karl bei seiner jüngsten Anwesenheit daselbst für die Juden güstiger zu stimmen. Palästina. Jerusalem. Ueber die Chaluka berichtet „Hameliz" nach den Angaben eines Jerusalemitaners, der für sie und ihre Leiter eintritt, Folgendes: Es giebt 8 Kolelim: Minks, Reußen, Horodno, Chawad, Warschau, Sowolk, Wolhynien, die an allen genannten Orten Gabaim haben, welche die Beiträge sammeln. Diese Gabaim setzen in Z'jon „Memunim" ein, ihnen als redlich bekannte Leute, welche alljährlich ein Verzeichniß der dürftigen Familien des Kolel und der Zahl ihrer Glieder einsenden. Jeder Kopf erhält 14 Rubel jährlich — dazu aber wird Stand und Würde der einzelnen Familien abgestuft und darnach eine Zulage von 5 dis 50 Rubel gegeben. Keine eigenen Armen in Palästina haben die beiden Kolelim Petersburg und Moskau, deren Sammlungen, wie die aus Deutschland, Amerika rc. unter alle Kolelim durch die Memunim der 8 genannten vertheilt werden Für dieses Geld beschließen die Palästinenser ohne Bestimmung der ausländischen Gabaim (die von Jenen honoris causa) und zum Anreiz des Sammeltriebs ernannt werden. Red. — Alle Sammlungen sollen etwa 300,000 Rubel betragen. Wie es getrieben wird, das illuftriren die Enthüllungen des R. Eleasar Rokeach. Da ist in Safet ein Mordechai Segall (oberster Memuneh v. Wolhyn), der 20,000 Pfund Sterling (400,000 M.) Vermögen hat, Häuser rc nicht inbegriffen. Der Mann hat in Compagnie mit Vater und Sohn (Peffach u. .Jsak) Friedmann eine Apotheke errichtet, von deren Profit er 70°/0 hat. Die Rabbinen haben per Cherem verboten, in einer andern Apotheke Medikamente zu holen und nun werden verdorbene (der Ankläger beruft fich auf das Zeugniß zweier mit Namen genannten Aerzte) Arzneien auf Borg gegeben. Weh' dem, der 4 oder 5 Receple gebraucht hat, dessen Chaluka ist aufgezehrt, denn kein Rezept unter 1 Rubel, und wären es auch nur Senisblätter, und die Recepte mehren sich im Stillen — und da hilft kein Protestiren! Seine Lieblingshelden, einen gewissen Rafael, schildert Rokeach mit den grellsten Farben., Er ist erst 35 Jahre und kanns mit seiner Unverfrorenheit, seiner Energie und Schlauheit sehr weit bringen. Er ist die Seele des Ganzen, sein Rath ist überall thätig und seine Hand nimmt überall ihren Theil. F e u i l l e t o u. Chajim Pro stak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Eine mähre Geschichte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. XII. In Medziborz. Es war der Fasttag des siebzehnten Tammus. In Beschts Klause zuMendziborz wurde diesmal das Morgengebet in sehr früher Morgenstunde und mit außerordentlicher Hast verrichtet. Man schien große Eile zu haben und sich deffen je eher je schneller zu entledigen. Anstatt der tollen Tänze und Sprünge konnte man heute blos ein windschnelles Umherspazieren, Auf- und Ablaufen wahrnehmen. Auch jenes ungeheure Brüllen und der brummbassige, ohrenverletzende Sing- Sang, als säße ihnen ein Kobold in der Gurgel, blieb heute aus. Man sah nur einen weitgeöffneten Mund und schnellbewegte Lippen und hörte nur ein tonloses Gesumme. Auch bei den Selichoth (Büßliedern) wurde dasselbe Verfahren angewendet, mit Ausnahme eines einzigen Satzes der Strophe: „Sehr siech und erschüttert macht mich dies, daß der Allmächtige mich von sich wies; das Licht tief verdunkelt, auch von Babel umzingelt; die nördliche Natter überströmt wie hohe Fluth mich, der Jäger hält die Hand gestreckt, auch der Bock, ja der Bock, ist wider mich." Bei „Bock, ja der B o ck" wurden wie auf Commando die unerübertrefflichsten Bockssprünge ausgeführt. Kaum war aber das Gebet beendigt, als ein Chasiid sich auf einen Tisch schwang und sich also , vernehmen ließ: „Unser heiliger Rebbe — so nennen sich zum Unterschiede von „Rabbi", dem Titel der Talmudtüchtigen, die Chaffidimhäupter — Bescht (er soll leben!), deffen Verdieuste wir leben, hat allen nasi braci (unfern Brüdern) das Fasten untersagt und aufgetragen sich sofort auf sein Zimmer zu verfügen um mit ihm ein Gläschen zu leeren." Nun drängten sich Alle in Bescht's Kammer, welche mit der | Klause in Verbindung stand. Hier saß er vor einem kleinen 11 Tischchen und zu dessen beiden Seilen R. Pinchessel aus Koretz j und R. Bär aus Mezeritz und sprachen bereits dem zugleich edeln und begeisternden polnischen Wein, dem schäumenden I S ch l i s ch (Spiritus mit einem Drittel Waffer gestellt) lebhaft s zu. „Meine Brüder!" sprach nun Bescht zu seinen Frommen, 8 „meine Brüder! da Ihr nun unsere Auffassung des Glaubens kennen müßt, müßt Ihr ja wissen, daß ihr Wesen nur in j Hitlahaboth, in zündender Begeisterung, besteht, somit müßt Ihr auch folgerichtig daraus schließen, daß man nicht fasten! darf und soll; denn entzieht man der Flamme das Oel, so 8 erlischt sie." „Und doch," wendete ein junger Mann, Namens 9 Pinchas Elie sehr respectvoll ein, „und doch habe ich aus des 9 Rebbe's Mund bei einer andern Gelegenheit selbst vernommen, 9 daß man sich den Körper kasteien soll!" „Siehst Du Pinchas 9 Elie" — ein Rebbe redet alle Welt mit Du an — „ich habe 9 es längst gesagt, aus Dir wird kein ordentlicher Choffid 9 werden. Dir geht die talmudische Weise nie aus dem Kopfe. Der Talmud ist ein ungeheures Gewirr von Schaaloth, Fragen und wieder Fragen Nun habt Ihr es, meine Chaffidim, von nlir längst vernommen wozu das Fragen und Forschen führt. Fragen aber und Zweifel gleichen einander wie ein Ei dem Andern, sie führen zum Epikorssus (Epikuräismus, Freigeisterei). Glauben aber, unbedingtes Glauben führt zur Glückseligkeit," versetzte Bescht recht ereifert. — „Soll man also Talmud nicht mehr lernen?" fragte Pinchas Elie ehrfurchtsvoll. — „Nein! Nein! und tausendmal Nein!" replizirte Bescht sichtlich entrüstet. — „Zur Zeit als man die währe Frönimigkeit noch nicht kannte, mochte man sich wohl mit dem Talmud abgeben, heute aber ist er ganz überflüssig und noch mehr als das," fügte Reb Pinchesel Koretzer bei.*) ' „Sehr richtig!" bestärkte Reb Bär Mezeritzer diese Ansicht, „sehr richtig! so lange der heilige Sohar war bebccbuuatb itkassja (sozusagen unbekannt), dürfte man sich wohl mit dem Talmud beschäftigen, der zu Nichts diente als den Geist zu schärfen, keineswegs aber um selbst über die Engel Macht zu gewinnen; jetzt aber, wo der Sohar schon bcbcchunath ithgalja (allgemein bekannt) und verständlich ist, wozu sich mit einer überflüssigen Sache befassen. Wozu die Sachen beim Monoschein besehen, wenn die Sonne am lichten Himmel glänzt." Gegen solche drei Bären — außergewöhnliche Leute im chassidischen Jargon — wagte der Skeptiker Pinchas Elie keine Einwendungen mehr zu erheben. Um den Leser mit Pinchesel Korezer und Bär Mezeritzer, den beiden Nachtretern Beschts, den hervorragendsten Aposteln des EhaffidinNhums bekannt zu machen, seien hier von ihnen zwei sie genugsam charakterisirende „Stückchen" mitgetheilt. Diese beide Heroen der Chaffidim hatten kaum mit Bescht Bekanntschaft gemacht, als sie ihm auch schon seine Kunstgriffe abgelauscht hatten und ihn copirten; sie verstanden es daher auch bald, einen großen Kreis naiver Frommen um sich zu ziehen. An einem Sabbath hat R. Pinchesel beim Vespermahle (8chol6sch s’udoth) des eben so guten wie edelen, aber ziemlich berauschenden nationalpolnischen Weines zuviel genossen. Der Schlaf übermannte ihn mit der ganzen Kraft eines kunstfertigen Magneteisens. Die Lider suchten sich gewaltsam zu schließen und der Kopf fiel ihm nach rückwärts. Er sah wohl ein, er werde sich dieser abstrakten Allgewalt, dem Schlafe, nicht erwehren können, daß er somit Gefahr liefe, sobald Licht gemacht werde, sich auf einer sehr unwür- *) Siche das chafsidische Werk „Ner-Jsrael": er legte auch die talmudfeindlichen Werke „Pliah" und „Kana" aus.