Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 37. (10.9.1880)
- Date
- 1880-09-10
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584172--4254-9584177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
31/ als daß wir nicht in Nachfolgendem wiederholt auf dasselbe zurückkomwen und aufm/rksam machen sollten. Was diese Schule anderen ähnlichen Anstalten gegenüber in ein so vortheilhaftes Licht stellt, ist vor allem der Umstand, diß sie in einer möglichst kurzen Zeit den bedeutenden Anforderungen, welche man gegenwärtig an unsere Jugend stellt, völlig entspricht. So können die Schüler, welche die drei ersten Kurse besucht, sich mit dem besten Erfolge einem beliebigen bürgerlichen Berufe widmen oder, wie viele Beispiele gezeigt, ohne irgend welche Schwierigkeiten in die obersten Klaffen einer königlichen Realschule eintreten. Die Absolventen des vierten Kursus hingegen können nach nur vierjährigem Bildungsgänge mit größter Sicherheit auf das erfolgreiche Bestehen der Einjahrig-Freiwilligen Prüfung hoffen, da bis jetzt sämmtliche n Schülern des vierten Kursus das Reifezeugniß ertheilt wurde; darunter waren junge Leute von noch nicht vollendetem 15. Lebensjahre. Die Lage des Penstonats, mitten in Rebengeländen und der Saline gegenüber, darf wohl als einzig dastehend bezeichnet werden; sie ist entzückend zu nennen Die Kost ist vollkominen rituell und die Erziehung auf's äußerste gewissenhaft. Das Programm, welches vor uns liegt, zeigt von pädagogischem Verständnisse und darf geradezu als mustergiltig bezeichnet werden. Oefterreich-Ungarn. Pest. Aus dem von Ihnen bereits erwähnten Artikel des Dr. Nemenyi — den vollständig abzudrucken in Ihrem gesch. Blatte, wie ich sehe, kein Raum ist — seien wenigstens noch folgende Stellen hier mitgetheilt: „So oft wir hören, daß die Juden in Ungarn nicht genug für die Pflege des magyarischen Geistes gethan hätten, fragen wir uns: in welchen Kreisen das Ungarthum seit den zwölf Jahren seiner Herrschaft wohl so große Eroberungen uufzuweisen habe, als gerade in den Kreisen der Juden? Es hat bei Slovaken, Serbe», Rumänen, ja selbst bei den DeutssPn nur in einem sehr geringen Maße Eingang gewonnen. Die Juden waren der einzige, von Hause aus nichtmagyariiche Volsstamm, der dem magyarischen Geiste und der magyarischen Sprache rückhaltslos das Haus und die Schule geöffnet hat." Wie diese speciell uns Juden in Ungarn betreffende Bemerkung ist auch die folgende, die Judenhetze im Allgemeinen characterisirende Aeußerung nur jallzuwahr: „Und das macht die gegen das Judenthum gerichtete Hetze jetzt so verächtlich; — um so Vieles verächtlicher, als das Aergste, was frühere Jihrhnnderte in ähnlichen Ausschreitungen geleistet haben, — daß die Leute vergangener Zeiten sich immerhin eintnlden konnten, einen Glaubenskrieg zu führen, während jetzt in dem ganzen Kampfe auch nicht ein Funke von Gläubigkeit verbanden ist und man die alte Münze, welche durch tausend und tausend schmutzige Hände gegangen ist. nur verausgabt, weil man die wirklichen Motive roher Selbstsucht nicht zu bekennen wagt. In der Regel hat ja jeder dieser Herren, wenn er von den Juden im Allgemeinen spricht Einen ganz speziellen Juden im Sinne. Da ist ein Jude so frech gewesen, bei einer Bewerbung um ein öffentliches Amt, trotz aller ungünstigen Chancen, die er gegen sich hatte, durch seine höhere Begabung seinen christlichen Gegner zu schlagen; der zweite hat sich als Kaufmann seinen Konkurrentenüberlegen gezeigt; der dritte hat ein Landgut erworben welches der frühere Besitzer in sehr kurzer Zeit verjubelt hat, und in dem vierten und fünften Falle endlich sagt man, es seien die Betroffenen durch den Wucher zu Grunde gegangen — versteht sich durch jüdischen Wucher." Zur Illustration dieses Treibens erzählt er: „Da schickt man uns z. B. eine kleine, deutschgeschriebene Brandschrlft aus Neusatz ein, welche daselbst in deutscher, ungarischer nnd serbischer Sprache cirkulirt. und die auß:r einem Auszuge aus dem berüchteten Buche Rohling's in unorthographischer und ungrammatikalischer Weise geradezu den Volksaufruhr predigt. Das Individuum, welches diesen Schandartikel auf den Markt bringt, ist ein sicherer Stanivojevics und er bekennt , in der Einleitung mit wunderbarer Ruhe, daß man ihn einen l Bankerottierer genannt habe, was ihn jedoch gar nicht ver-! anlaßt, Widerspruch zu erheben. Nachdem er auf 30 Seiten ' theils aus Rohling, theils aus eigener Niederträchtigkeit, Gott? die Welt zu Zeugen angerufen hat, daß die Juden das j m glück der Welt seien — womit meint man wohl, daß der i biedere Mann auf der letzten Seite schließt? Er schließt, indem er seine eigene „Spezerel- und gemischte Waarenhandlung in Zombor" dem P. T. Publikum empfiehlt. In ähnlicher Weise schließt Alles, was man über diesen Gegenstand zu hören bekommen kann." Rußland. Petersburg. Es giebt doch in Rußland Freiheiten, deren kein anderes Land sich rühmen kann. Gegen den Staatsanwalt und die Vertheidiger, welche alle die Schuldlosigkeit der armen Juden in Tiflis (bei der Blutanklage) anerkannt hatten, hat ein Mitglied des urtheilenden Gerichtsbofes, Namens Rastedt, in einigen Zeitungsfeuilletons Gift und Galle gespien. Er behauptet, einst von einem alten gelehrten Juden in Wilna folgende Auskunft über die Blutfrage erhalten zu haben: Zwar ist diese Anklage gegen die Juden im Allgemeinen eme verleumderische. Doch ist's nicht zu leugnen, daß es bei den Juden Eiferer stets gegeben hat, welche aus der Schrift den Gebrauch von Menschenblut rechtfertigen und zwar von Angehörigen aller Israel dedrückenden Völker. Die Hauptstelle für diese Irrlehre sei 4. Buch Mosis 23, 9.4, wobei mit „Erschlagene" übersetzt wird. Dem Ernwande, baß selbst Genuß von Thierblur in der Bibel ausdrücklich verboten sei, begegnet der „alte Jude" mit dem Hinweise, daß trotz des Verbotes des 'Selbstmordes es russische Sekten gebe, die denselben als lobenswerth lehrten. Diese Gelehrsamkeit des „alten Juden" macht auch dem durch die dreiste Behauptung schwankend Gewordenen das ganze Ding verdächtig. Um das Bubenstück zu entlarven, fordert „Hameliz" alle Wilnaer auf, die Juden zu erkunden, mit welchen der weise Richter in Wilna je zusammengekommen ist! — Die reichen Petersburger Kaufleute mosaischer Confession bemühen sich augenblicklich auf das Eifrigste um die Erlaubniß zum Bau einer steinernen Synagoge. Dieselbe soll in großartigem Maßstabe angelegt werden und in architektonischer Hinsicht alle in Rußland befindlichen Synagogen, unter d.nen die zu Warschau und Obess i vemerkenSwerth find, noch übertreffen. Rumänien. Bukarest. Ein empörender Mißhcn dlungsakt, der auf die Zustände im gesegneten Lande Rumänien ein recht grelles Licht wirft, ist in Veresti, einer Station der Lemberg-Czernonutzer Bahn, nächst der österreichischen Grenze verübt worden. Der daselbst am Perron dcs BahnhnhJes dienstlich beschäftigte Bahnarzt, vr. Ra obi n o w icz, wurde am 17. v M. von einer mit Knütteln bewaffneten Gesellschaft, bestehend aus dem Kammerdeputirten für Botluschau, Kostika Bobejka, dem Advokaten Cmlei, dem Bruder des Bottuschauer Staatsanwaltes Buzdogan, Gutsbesitzer Alteko Kaimakan und noch vier Personen angesallen und so lange mißhandelt, bis derselbe ohnmächtig zusammenbrach. Bei dieser Exekution waren am Perron zug gen: der Stations Vorstand, der Expeditions Vorstand, sämmtliche Beamte der Station, ein Theil der fürstlich Rumänischen Zoll , Post- und Telegraphenbeamten, der Rumänische Major Nicolescu, welcher die zu Hülfe eilendenden Dorobanzen wegschickte und in aller Gemüthsruhe der Procedur zusah — und etwa hundert Personen! Keine Hand rührte sich zum Schutze des mißhandelten jüdischen Arztes, welcher halblodt nach Hause gebracht wurde. . . . Wir vermuthen, daß einzig und allein eonfeffioneller Haß die Triebfeder dieses ExeffeS widerlicher Rohheit war, an dem sich Personen, die der „befferen Klaffe" angehören, betheiligt haben. Bei dem traurigen Standpunkt, den man in Rumänien der confeffionellen Frage gegenüber einnimmt, darf man wohl kaum auf eine ernstliche Bestrafung