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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-09-10 · N° 37. (10.9.1880) · p. Seite 319

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 37. (10.9.1880)
Date
1880-09-10
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
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digen Art blosgestellt zu haben, und er hatte noch so viel Geistesgegenwart seinen Frowinen das Lichtanmachen zu untersagen; er schlief also ein und schlief fest, sehr fest. Jenes edle hervorragende Organ, welches stets das erste ist, um durch seine Veilchenblaue allzuvielen Genuß geistiger Getränke zu verrathen, begann nun Musik zu machen. Es klang wie das Röcheln eines Stieres. Die Chassidim nahmen es als bechunath scliina unechnra, als versinnbildlichtes Schlafen und Schnarchen, und verließen die Klause nicht. Sie sangen die Semiroth (die Sabbathlieder) und sangen sie wieder, wobei viele auf ihren Sitzen auch ihrerseits einschliefen und nicht minder kräftig schnarchten. Manche wieder hatten sich in das anliegende Zimmer, allwo das schöne musiksreundliche Geschlecht zur Bewunderung ihrer frommen Männer versammelt war, zurückgezogen, wo sie dreist, mit unverbundenen Augen, da cs finster war, Blindekuh spielten und nicht selten dem lachlustigen Engelvolk ein verführerisches Lachen entlockten. Roch andere wieder trieben sich, um sich des Schlafes zu erwehren, in der Klause herum, schnellten mit den Fingern und brummten vor sich hin. Der gesammte Eindruck war der eines etwas sehr geräuschvollen disharmonischen Concertes. Es mochte schon zwei Uhr gegen Tagesanbruch gewesen sein, als der Rebbe erwachte. „Man mache Licht", befahl der Wundermann, und mau machte Licht. Nun musterte er seine Getreuen, keiner fehlte. Damit zufrieden, stellte er an sie die räthselhafte Frage: „Was glaubt Ihr, habe ich bis nun gethan?" „Geschlafen, geschlafen!" blöckte es ihm aus hundert Schafskehlen entgegen. „Weit gefehlt! das war kein Schlaf meine Kinder, es war — ein harter Kamps." — 7,Ein Kampf! und mit wem?" riefen die Dummfrommen höchst verwundert aus. — „So hört!" sagte der Rebbe, die Augen verdrehend. Der Muth, selbst solchen Schafsköpfen in die Augen zu sehen, war ihm benommen. „Beim „Scholausch s’udauth“ haben mir meine sympatischen Engel, mit denen meine Seele nahe verwandt und nrge verbunden ist, megale gewesen, (geoffenbart), daß die Tutern, (Tataren) in unser Land einfallen und ein ähnliches Blutbad wie bischnath Taw Chess und Taw tess in den Jahren 408/9 — 1648/9 anrichten wollen. Wie Ihr aber wißt, ist dieser Zeitpunkt der Ausgang des Sabbath „rawa drawen‘k (allergnadenreichst); ich durfte also nicht zögern, keinen Augenblick verlieren. Ich ließ daher meinen Körper im scheinbaren Schlaf fallen und schwang mich selbst in den Himmel, um den Sar der Tutaren (den Genius der Tataren) zu bekriegen." — „Hat ihn der Rebbe (soll leben!) menazeach gewesen, besiegt?" fragte die dumme Einfalt. — „Eine seltsame Frage!" erwiderte der pfiffige Rebbe, „eine seltsame Frage! Wäre meine Seele in diesen Körper wieder zurückgekehrt so ich unterlegen wäre. Euer Rebbe wäre jetzt schon, meine Kinder, Gott behüt', eine Leiche." — „Eine Leiche," sagt der Rebbe soll leben? so eine große Gefahr hat dem heiligen Rebbe gedroht, und wir haben's nicht geahnt, rief die Einfalt erstaunt aus. „Ich habe ihn aber besiegt", versetzte der Rebbe, über jene Einfalt lachend, „und somit haben wir die Tutaren nicht mehr zu fürchten, laßt uns daher freuen, singen und lustig sein." Dem Andern, Rebbe Bär Mezeritzer, passirte Aehnliches an einem Neuj ahrstage. Er machte den Vorbeter und sollte auch den Baal tokea (Schofar-Bläser) abgeben. Während der Pause zwischen dem Morgen- und Mussafgebet zog er sich auf sein Zimmer zurück und nahm eine ungewöhnliche Portion Spiritus, reinster Qualität, zu sich, um seiner Hitlahaboth (flammenden und zündenden Begeisterung) Nahrung zuzuführen. Bei der Vorbereitung zur Schofarceremonie vertiefte er sich in das lurianische Gebetbuch, zog seinen Gebetmantel tief über den Kopf und — schlief ein. Er mochte in dieser über den Tisch gebückten Stellung an die 2 Stunden geschlafen haben. Das Publikum wurde sehr unruhig, wagte aber nicht, ihren Gottesmann aus seiner Lethargie zu rütteln, aber sie sangen laut manche der liturgischen Stücke auf eine nur ihnen eigene lärmende Weise, umsonst, sie stellten ihre tumultartige Bocksprünge an, wirkungslos; sie umtanztcit den Schulchan (das Betpult), woran der begeisterte Schläfer gelehnt war und stießen es an, dasselbe vergebliche Resultat. Da wurden endlich die Frauen in ihrer Abtheilung von der äußersten Ungeduld erfaßt, und gaben diese durch ihre allerdings zarten Füßchen kund. Der Makre (Vorsager), der die Schofartöne vorzusagen hatte, mochte mit den gewiß vom Hunger geplagten Frauen Mitgefühl empfunden haben, oder sein Magen selbst flößte ihm dieses sehr menschliche Gefühl ein, und es überfiel ihn eine Ohnmacht, oder er simulirte eine solche, genug, er sank in der Nähe des neben ihm stehenden Siebenschläfers zusammen und würde diesen sicher mit sich gerissen haben, wenn nicht der Schamesch und dessen Gabarm (Beistände, d'eren jeder Rebbe zwei haben muß, und die ihm auf- Schritt und Tritt begleiten, um die Pidjonoth (Lösegelder) zu erheben, ihn noch rechtzeitig aufrecht erhallen hätten. Jetzt erst erwachte der vom allmächtigen Alkoholgeist beseelte Fromme, und sein weit über den Kopf gezogener Gebetmantel kam ihm diesmal sehr zu statten. Der von allen Seiten auf ihn unverwandt gerichtete forschende Blick würde auf ihn sicherlich sehr beschämend und verlegen machend gewirkt haben. So aber gewann er seine Geistesgegenwart oder seine Unverschämtheit bald wieder. Er warf den Talith weit nach rückwärts, zog den Schofar aus seinem Busen, schleuderte ihn auf den Tisch und rief mit wohlerkünstelter Entrüstung: „D u willst Skoles (Schulen) haben! gut! so soll D i r Iwan (Spitzname des ungehobelten ruthenischen Bauers) Schofar blasen." — Die frommgläubige Gemeinde war wie versteinert, sie sah voll Entsetzen auf ihren Robben. Er fuhr aber in seiner Entrüstung weiter indem er schrie: „Wie heißt?! Er — (Gott) — schmollend erlaubte sich der Rebbe von Gott in der dritten Person zu reden — will also die Gaera (das Verhängniß), daß die Chadarim („Schulkammern") sollen abgeschafft und an ihrer Stelle Skoles, rechte Skoles (Schulen, ordentliche Schulen) eingeführt werden, so haben auch wir ein Recht, nicht mehr zu wollen seine Ceremonien, sie nicht mehr auszuüben. Iwan, hört Ihr, I w a n, sag' ich, ja Iwan soll „Ihm" Schofar blasen." — Ein spannendes Schweigen und stummes Staunen bemächtigte sich aller Anwesenden, nicht weil, sondern daß er es wagte, solche trotzige Worte dem Himmel zuzuschleudern. — Wieder verstrich eine Weile, da hüllte sich dieser impertinente Rebbe bis über die Brust in seinen Talit, trieb manchen Hocuspocus, nahm dann den Schofar in die Hand und rief: „Gott will nicht Iwan soll ihm Schofar blasen und hat daher die Gsera mewatel gewesen, (das Verhängniß aufgehoben). Es kommen keine Skoles, das „Cheider" bleibt und wird bleiben. Nun werden wir, die wahren Chassidim, wieder weiter Schofar blasen, bis wir werden den Schofar des Messias vernehmen." — Und er blies, daß es nur so schmetterte. (Forts, folgt.) Ser Streit «m den H^antoffek. Ein Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens wird aus Haurodn o in Rußland gemeldet: Dort hält man daran fest, daß derjenige der jungen, von der Trauung beimkehrenden Eheleute die Herrschaft im Hauie haben werden, der zuerst des Hauses Schwelle betreten. Jüngst feierte ein Lehrer die Hochzeit seiner Schwester, die Trauung fand, wie dort üblich, spät Abends im Vorhofe der Synagoge statt. Kaum war die Ceremonie beendet, als der zärtliche Bruder mit Stnrmeseile die Schwester heimfüdrte, um ihr das Regiment in der Ehe zu sichern. Die Gäste kamen allmählig nach, nur der Bräutigam blieb aus Schrecken ergriff Alle. Sicherlich haben ihn die „Unholde" (Schedim) entführt. Die ganze Stadt wurde von dem Rusen der Suchenden aus dem Schlafe geweckt. Endlich fand man den Vermißten in seinem Elternhause, wohin er zürnend über den ihm geraubten „Vortritt" und die drohende Pantoffelherrschaft sich zurückgezogen hotte. Nach langem Parlamentiren willigte er in die Rückkehr — allein die Braut mußte mit Musik ihn abholen und an der Thür demüthig warten, bis der strenge Herr und Gebieter zuerst die Schwelle überschritten hatte.

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