Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 37. (10.9.1880)
- Date
- 1880-09-10
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 315 stören, und euch zurechtweisen. Haß sinnt ihr aus, ihr werdet ihn unter einander ernten, ihr verdreht das Wort der Wahrheit, und die Lüge wird sich gegen euh wenden, ihr wollet unser» Abfall und die Treulosigkeit bei euch wird wachsen. Darum so rufen wir, lasset ab, denn Gott ist unser beider Richter! Und endlich die dritte Antwort, sie will Euch belehren, daß die Thekia der Schauforaus, die Schofartöne der Jubelfreiheit, der Sinailehre, der Menschenerlösung, durch Gottes Liebe dereinst erklingen werden, da wird Israel frei sein, und Gott dienen, da wird kein Volk mehr das andere vernichten, da wird kein Sklave sich empören und kein Herr ihn drücken, da werden sie alle als Brüder sich lieben, alle als Kinder des einen Gottes, der ewig ist in Wahrheit. Dies ist unsere Hoffnung. Gebe Gott, daß das neue Jahr uns ihrer Erfüllung näher bringe und unsere Feinde uns zu Freunden mache! Berichte und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin. Ein Passus in der Rede, die der berühmte Prof. Dr. Theodor Mommsen in der Academie der Wissenschaften hielt, worin der gefeierte Gelehrte sich über die äußere und innere Lage Deutschland ausließ, verdient nachträglich noch besondere Erwähnung, weil er unverkennbar mit Bezug aus Treitschke^s judenfeindliches Auftreten gesagt ist. Da wo er von dem, durch den Krieges-- und Siegesjubel gestörten „guten Einvernehmen unter den führenden Nationen der Welt" spricht, flicht er folgende Sätze ein: „Ernster und peinlicher sind die Erscheinungen, welche die geistige Entwickelung unseres eigenen Volkes unter der Sonne des Glückes aufweist. Wie der Soldat leichter den Gefahren und Entsagungen des Krieges widersteht als dem Rausch des Sieges, so stehen wir vor und in einer Recrudescenz alter, einer spontanen Generation neuer moralischer Seuchen, die mit epidemischer Gewalt um sich greisen und an den Grundlagen unserer Gesellschaft rütteln. Alle alten Vorurtheile und Befangenheiten sind wieder erwacht. Wir sehen uns in ernsten Kämpfen mit Mächten die wir, als wir jung waren, verachteten und verachten durften. Ist das Reich Kaiser Wilhelms wirklich noch das Land Friedrichs des Großen, das Land der. Aufklärung und der Toleranz, das Land, in dem nach Charakter und Geist und nicht n ach C o n f e s s i o n und N ationalität gefragt wird? Ist es nicht schon ein gewohntes Nebel geworden, daß die politische Parteibildung, dieses nothwendige Fundament jedes Verfassungsstaates, vergiftet wird durch Hineinziehung des confessionellen Haders? Regt man nicht in den socialen und den wirthschaftlichen Fragen das Element des Egoismus der Interessen wie des n a t ionalen Egoismus in einer Weise auf, daß die Humanität als ein überwundener Standpunkt erscheint? Der Kampf des Neides und der Mißgunst ist nach allen Seiten hin entbrannt. Wirft nian doch die Fackel in unsere eigenen Kreise und der Spalt klafft bereits in dem wissenschaftlichen Adel der Nation." Aus Ostpreußen. (Or.-Corr.) Der Verbandstag in Insterburg war ein lebhaftes Zeugniß für die Wirksamkeit der sog. antlsemitischen Agitation, die in allen Gauen Deutschlands selbst den verstocktesten Jndifferentismus ein wenig beseitigt und in Theilnahme für die bedrängten Stammesgenoffen umgewandelt hat. Vor ihr sind die religiösen Parteifragen zurückgetreten. Männer der entgegengesetzten Richtungen haben sich vereinigt, um die in einer größeren Gesammtheit schlummernden Talente zu wecken und den Einzelnen zu Gute kommen zu lasten. Der Gedankenaustausch, wie er in Insterburg von den Vertretern der kleineren und kleinsten Gemeinden mit den Delegirten unserer Hauptgemeinden gepflogen wurde, wäre allein geeignet, uns den Nutzen derartiger Delegirtenconvente zu demonstriren. „Der Himmel ist hoch und der Gemeindebund ist weit". — darin waren bei der lebhaftesten Theilnahme für die Bestrebungen des Leipziger Bundes, die allerdings einzelnen erst klargestellt werden mußten, die meisten einig. Die wörtliche Hinübernahme der Aufgabe des Gemeindebundes in das Statut des Provinzialverbandes bekundete das innige Verhältniß zwischen Mutter und Tochter, ebenso wie das nach erfolgter Conststuirung abgesandte Begrüßungstelegramm an den Vorsitzenden des Gemeindebundes. Gerade in unserer Provinz, die noch das meiste zu thun hat, deren Gemeinden verhältnißmäßig noch jung sind, die noch keine Lehrerseminarien und Lehrerconferenzen besitzt, vermag ein Verband, wie ihn der 24. August in Insterburg geschaffen, am besten an die Opferwilligkeit unserer Gemeinden zu appelliren. Diese jüdische Opfer Willigkeit ist gewiß eine bewunderungswürdige, wenn man erwägt, daß 55 Gemeinden (36 im Reg.-Bez. Königsberg, 19 im Reg.-Bez. Gumbinnen) bei 3000 Mitgliedern an direkte Gemeindesteuer von 150,000 M. also durchschnittlich 50 M. auf den Kopf aufbringen. Als erste Thätigkeit des Ausschusses ist eine Enquöte über den Stand der Religionsschulen der Provinz, die Herr Rabb. Dr. Bam berge r, Dr. Friedber g-Tilsit, Dr. R ü l f-Memel im Verein mit geeigneten Fachgenoffen in Angriff nchmen werden, im Gange. Herr Stadlrath E l ö s s e r Insterburg wurde zum Vorsitzenden, die HH. Dr. Hirsch und Klein zu Schriftführern ernannt; es hatten sich im Ganzen etwa 40 Personen eingefunden.*) Hannover, 2. September. (Or.-Corr.) Die Kunde von dem nahe bevorstehenden Scheiden des Herrn Dr. Prager aus feiner hiesigen segensreichen Wirksamkeit als Leiter der Religionsschule und des Lehrerseminars hat in unserer Gemeinde allgemein das lebhafteste Bedauern hervorgerufen; und noch immer vermag man sich hier dem Gedanken nicht ganz hinzugeben, daß Herr Dr. Prager Hannover wirklich verlassen werde. An mehrfachen Bemühungen, ihn zum Verbleiben an hiesigem Orte zu bewegen, hat es weder der Schulvorstand der Synagogengememde, noch die Seminar-Verwaltungscommisfiou fehlen lasten. Insbesondere war nach dieser Richtung hin unser Landrabbiner Herr Dr. Meyer thätrg, sowohl im Jntereffe der Religionsschule, wie nicht minder der Lehrerbildungsanstalt, die er selbst ins Leben gerufen und der er von jeher seine besondere Sorge zugewendet. So wurde auf seine Anregung hin von der Seminarcommission, deren Mitglied Herr Dr. Meyer ist, ein Gesuch an das Ministerium des Unterrichts mit der Bitte gerichtet, die bisher von Dr. Prager provisorisch verwaltete Stelle als Leiter des Seminars nicht blos deftniliv ihm zu übertragen, sondern auch zugleich zum „Direclorat" zu erhöhen. Vor einigen Tagen ist nun seine definitive Ernennung zum „Director" des Seminars auch wirklich erfolgt. Man giebt sich jetzt hier um so mehr der Hoffnung hin, daß Herr Dr. Prager nunmehr doch noch Hannover werde erhalten bleiben. Hannover. Dem jüngst erschienenen „Vierten Rechenschaftsbericht über die Unlerstützungskasse für jüdische Lehrer, deren Wittwen und Waisen in der Provinz Hannover", der eine Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben in den Jahren 1878 und 1879 enthält, entnehmen wir, daß die Einnahmen, bestehend aus 1) Eintrittsgeldern. 2) Zinsen, 3) Beiträgen der Mitglieder, 4) Jährlichen Beiträgen von Gemeinden und Privaten, 5) Spenden (darunter von Herrn Louis Oppenheimer 100 M.) und 6) vom Gememdebunde in Leipzig (zweimal 50 M.), in Summa 6347 M. betrugen, während die Ausgaben sich auf 3314 M. beliefen. *) Eigentümlich hat es berührt, daß der Vorsitzende Herr Stadtrath Elöffer keinen Reporter zu den Verhandlungen zuließ, dieselben hatten doch wohl das Licht der Oeffentlichkeit nicht zu scheuen? Die Herren haben es sich dann selbst zuzuschreiben, wenn falsche Gerüchte ihren Weg in die Presse finden. Wir erhalten hoffentlich nachträglich noch näheren Bericht. (Red.)