Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 37. (10.9.1880)
- Date
- 1880-09-10
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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haltet den alten und neuen Bund. Und den Christen ruft dieser Schüler zu: Ihr klagt die Juden an, ihr habt Recht, sie sind schlecht, schlechter wie ihr, aber wer ist daran Schuld? Ihr selbst; ihr seid von Gott auserlesen als das wahre Israel, ihr habt die Aufgabe, die Juden unter euch zu dulden uud sie zum Christenthum zu erziehen. Aber statt dessen macht ihr den Gast zum Wirth, den Gefangenen zum Herrn, den Gefluchten zum Gesegneten, vereinigt euch mit den Reformjuden zur Zerstörung aller Treue gegen die Religion. Darum aber haßt ihr euck doch uud streitet mit einander. Ihr vergeht eure christliche Aufgabe der Liebe, die Juden zu besiern. Darum, ihr wenigen treuen Christen, machet ihr den Juden wieder zum Gaste, zum Fremden und wendet alle Mittel des Gesetzes und ernster Zucht an, um Israel zu seiner Aufgabe unter den Völkern anzuhalten. So ruft gerade jetzt zum Beginne unseres relig. Jahres dieser Schüler, der Prophet der evangelischen Orthodoxie. Er ruft es mit den Worten der biblischen Schriften, er ruft es im Namen seiner Religion. O, wir kennen diese Töne, diese Liebe, sie fängt mit dem Vorwurf an und hört mit der Knechtung auf. Wir kennen diesen frommen Wahn, der die Worte unserer Thora nicht hält, und sie verachtet, sie aber dann anführt, wo sie von den Fehlern, von den Leiden Israels sprechen, der die Prophetenworte abquält, bis sie alle seine Thorheiten beweisen helfen, den frommen Wahn, der es für Pflicht hält, alle die Drohungen der Schrift an den Israeliten wahr zu machen und für eine Sünde, an ihnen das zu üben, was die Schrift als Liebesgebote selb st gegen Fremde vorschreibt, der für Gottes Wort erklärt, was seine Thorheit hineingedichtet hat und von uns fordert, wir sollten nicht das als Gotteswillen betrachten, was die Thora sagt, sondern was das neue Testament sagt. Abfall von der Thora, Annahme des Christenthums, und natürlich der protestantischen Orthodoxie, das ist es, was der fromme Priester von uns verlangt, verlangt im Namen seines Heilands. Aber dieser fromme Schüler verlangt es nicht allein. Was wollen sie alle denn, der sreigeisterische M a r r, der nationale T r e i t s ch k e, der fanatische Stöcker, der rasende Rohling, was will selbst der freigemeindliche Scholl? Sie verlangen, daß wir aufhören Juden zu sein und Christen werden, und zwar wie sie Jeder das Christenthum auslegen. Sie verlangen es mit der Anklage gegen unsere Hartnäckigkeit, mit der Drohung uns zu schädigen und uns aus dem Staaatsverbande auszuscheiden minde stens doch mit dem Hinweis aus die Unzulänglichkeit, unserer jüdischen Religion. Dem einen sind die Reformjuden, dem andern die orthodoxen Juden ein Gräuel, Allen aber das Judenthum ein Dorn im Auge. Was antworten wir heute zum Jahresbeginn auf diese Anklagen, Drohungen und Forderungen? Wir antworten mit den drei Tönen unseres S ch o f a r s, die Töne sind klar, sie gehen u'eit in die Welt und sagen Alles, was uns das Herz füllt, was uns begeistert und was Gott uns antwor ten heißt. Wir antworten zuerst mit der Thekiah der Malchijaus : Niemals können wtr aufhören Juden zu sein, von dem einen Gotte werden wir nicht lassen. i'n „Der Ewige, ist König aus immer und ewig!" Und dieser Ewige ist einzig, „der erste und der letzte und kein Gott außer ihm."*) Kein *) Siehe Schemoth rabba 29. P1NX 'JX ,2X p XL? pWXI .p d\“i*?x px NX pxw Sohn half ihm die Welt bauen, kein Geist hat ihm gerathen. Nie hat er Menschengestalt angenommen, und kein Erlöser lebt anßer ihm allein. Er, der Himmel und Erde gegründet, der den Menschen belebt und tödtet, der lehrt und offenbart ohne ein Menschenantlitz;u zeigen, der die Menschen liebt und erlöst, aber selbst nie leidet, der von uns die Sünden nimmt in seiner Gnade, so oft wir zu ihm beten und uns bessern, der alle Völker liebt und erlöst, wenn sie sich zu ihm wenden, der aber nicht durch sein Blut oder seinen Tod erlöst, sondern durch seine Gnade und seine Milde. Nur Gott ist unser König und kein Wesen außer ihm. Seine Worte sind Gesetz und für uns gibt es keine Gottmenschen und keinen Jdealmenschen. Denn kann der Schöpfer der Erde zu Staube werden, oder kann der Staub der Erde je vollkommen sein? Oder soll das Menschengebild „Humanität" höher sein, als das Wort Gottes, das den Menschen erschaffen? All die Wissenschaft, all die Ideale, welche der Mensch verehrt neben Gott oder über ihn setzt, sie sind Wahngebilde, wie ein schwaches Rohr, das bricht, wenn Gott in seiner Majestät sich erhebt, sie sind Diener, wenn sie von Gott getragen werden. Die Schönheit vergeht, wenn sie gottlos ist, die Gerechtigkeit wird vernichtet, welche sich gegen Gottes Gesetz auflehnt, die Weisheit wird beschämt, welche von Gott nichts weiß und die Religion führt zum Verderben, wclche aus Menschengebilde sich stützt. Darum höret ihr Marr, Treitschke und Consorten. Nur Einer ist König, und das ist der Ewige. Wir haben eine zweite Antwort aus ihre Vorwürfe, auf ihre Verhöhnung. Unsere Tekiah der S i ch r a u n a u s. Wir rufen mit ihr: 'm3n „Gott gedenkt unser." Wohl haben unsere Väter gesündigt in Palästina, aber nicht weil sie das Christenthum nicht annahmen, sondern weil sie das Wort der Thora verlassen hatten, weil sie um Assyriens, Babyloniens, Rom's Gunst gebuhlt, herrsch- und genußsüchtig das Heilige entehrt und in grundlosem Streite sich zerfleischt, weil sie von Gott abgefallen waren. Wohl haben auch wir keinen Grund zu murren über das Blut, das von unfern Vätern über Deutschlands Fluren floß, über die Schmach, mit der man uns heute bewirft, denn UöBiff Ti „Gott ist unser Richter," und gerecht ist sein Urtheil. Wohl hat ein Theil unserer Brüder gefehlt, er hat wieder gebuhlt unr fremde Gunst, um ein Staatsamt hat er sein Jsraelitenthum verleugnet, um eine Menschengunst Gottes Gesetze übertreten, um eine flüchtige Erquickung die heiligsten Stunden vergeudet, er hat vergessen an seine geschichtliche Aufgabe, sie ist ihnr gleichgültig und werthlos geworden, die Erinnerungen an seine Vergangenheit, an seine Geschichte hat er erlöschen lassen, er Hit in der Fülle irdischen Strebens die Thora verhöhnt; nun erinnert ihn der gerechte Gott an seine Vergangenheit. Er hatte vergessen in seinen besseren Tagen, daß er als Jsraelite Gott zu dienen, ihm zu vertrauen, ihm zu danken, ihn zu ehren habe. Ein anderer Theil hat Streit gesucht und gefunden, hat die Gemeindeeinheit zerrissen und Zwietracht gesät — nun erinnert der gerechte Gott die Brüder an ihre Zusammengehörigkeit. Kennen wir vor Gott uns beklagen? Aber ihr, die ihr uns quält ohne Liebe, die ihr uns verfolgt ohne Recht, die ihr Gottes Gebote der Gerechtigkeit und Milde mißachtend uns zum Abfall verleiten wollet, wisset, Gott ist Richter, derselbe Gott, der uns züchtiget und prüft, wird eure Ideale zer»^