Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 36. (1.9.1880)
- Date
- 1880-09-01
- Page
- Seite 310 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 310 — Saaz. Pilsen, Breslau, Berlin) besitzt, von Seiten der Polizei nicht abgenommen worden sind7 so dürfte eine Warnung vor diesen Betrüger, der mit einem türkischen Fez bekleidet, hebräisch, französisch und deutsch spricht, wohl in öffentlichen Interesse liegen. Hnltschin, 6. August. Vor 14 Tagen stiegen Diebe durch ein Fenster in die hiesige Synagoge, erbrachen den Opferkasten und raubten deffen Inhalt von ca. 10 M Hierdurch aufmerksam gemacht, ließ der Vorstand alle Thüren und Eingänge sorgfältiger verschließen; trotzdem erbrachen heute Nacht wahrscheinlich die selben Subjecte, nachdem sie durch daffelbe Fester, wie das erste Mal eingestiegen, eine Thür, konnten jedoch die Hauptthür im Innern nicht öffnen, weshalb sie von außen ein Fenster eindrückten, um in das Innere der Synagoge zu gelangen. Sie zündeten ein Licht an, öffneten die heilige Lade, Kasten und Schubladen und da sie die gesuchten Gold- und Silbergegenstände nicht vorfanden, so nahmen sie nur eine Uhr mit schwarzem Holzgehäuse, sowie einen silberähnlichen Armleuchter mit, ließen aber sonst Alles unberührt. Seit dem 40jährigen Bestehen der Synagoge ist ein solcher Frevel an ihr nicht verübt worden. Straßburg (Elsaß). Die Getreide-, u. Mehlhändler und Commiffionäre fordern in dem „Pogräs de l’Est“ vom 6. August die französischen Kaufleute gleicher Branche auf, die Versammlung der Kaufleute in Nancy, welche auf Rosch-haschanah bestimmt war, auf den 9. September zu verschieben. Sedan. Für Mauer und Gitter um die neue Synagoge hat die Stadt zwar nicht die erbetenen 11000 Frs., jedoch die Hälfte der Kosten im Höchstbetrage von 6000 Frs. unter einigen nebensächlichen Bedingungen bewilligt. (Arch. isr.) Wien. Unser Glaubensgenoffe vr. D. H. Müller geb. in der Bukowina ist zum Professor der orientalischen Sprachen an der hiesigen Universität von Sr. Maj. dem Kaiser ernannt worden. (Vor 3 Monaten wurde auch ein Jude zum ord. Professor der medicinischen Facultät daselbst ernannt) Wien. Herr Eis ne r hat den Inhalt der Reden, die er auf seiner zum Zweck der Propaganda für die isr. Allianz in Wien unternommene Reise durch Galizien rc. gehalten hat, in einem Buche (Ohew Schalom) veröffentlicht, das Crdmieux' Namen gewidmet ist und deffen Ertrag dem genannten Vereine zufließt. (Jwri.) Petersburg. Daß in der Verordnung die Beschränkung des Aufenthaltes der Juden im Dongebiete betreffend, auf eine Revision der die Juden betreffenden Gesetze hingewiesen wird, gilt hier allgemein als ein günstiges Zeichen! Von dem Verbote, dort Land zu kaufen oder zu pachten oder dort zu wohnen, sind Studirte, Aerzte, Chirurgen, Candidaten ausgenommen, sowie solche, welche schon Besitz erworben haben. Pächter jedoch nur bis zum Ablauf ihrer Pachtzeit. Petersburg. Mehr als 70 Denunciationen sind in jüngster Zeit bei den Behörden von Juden gegen Juden eingebracht worden, daß sie nicht die Qualification besäßen, welcher sie die Erlaubniß zum Aufenthalt hier verdanken. Wir billigen natürlich nicht die Täuschungen der Behörden und das Umgehen der bestehenden Gesetze — allein solches Delatorenthum, deffen Beweggründe Haß und Brodneid sind, ist geeignet, alle Bedrückungen als gerechte Gottesstrafe erscheinen zu lassen. Petersburg. Herr Jakob H e i l p r i n, bisher Beamter in der Criminalabtheilung des obern Gerichthofes ist zum Jurist» Consul im Justizministerium (als der erste Jude) befördert worden. — Ein Frl M. Dillon wird als Bildhauerin sehr gerühmt. (Hameliz.) Odessa. Das seit 1868 bestehende jüd. Waisenhaus zählte Anfangs 1879: 45, Ende des Jahres 48 Zögling (20 ganz ohne Eltern. 28 vaterlose). Einer wurde Mechaniker, 1 Schneider, 1 besuchte eine höhere Schule, 1 wurde Kaufmann, 1 mußte verjagt werden. 34 werden in der Talmud Thora, 13 in der Handwerksschule des „Arbeitsvereins", 1 in der Handelsschule unterrichtet. Das 1170,95 Rubel betragende Deficit von 1878 ist gedeckt, und ein Ueberschuß von 420,78 Rubel erzielt (die Stadt gab 1500 Rubel und 3000 von der Fleischsteuer als Zuschuß). Der Fonds beträgt 52000 Rubel. Die Gesammteinnahmen 11985,53 Rubel, die Ausgaben 4564,75. Marocco. Dem Vernehmen nach soll der Sultan in Folge der Madrider Beschlüsse Glaubensfreiheit in seinen Staaten proclamirt haben. (Wieder ein Stück beschriebenes Papier mehr!) In New-Savedo (Mexiko), vollzog Rabbiner A. Blum aus Galveston (Texas) jüngst die erste Beschneidung, zu welcher Function er aus einer Entfernung von 800 engl. Meilen herbeigerufen worden war. (Arch. isr.) Jerusalem. Die Ernte ist eine ungemein gesegnete gewesen^ Trotzdem ist der Preis des Getreides nicht so gesunken, wie man es gehofft hat und nach kurzer Zeit durfte wieder eine Erhöhung eintreten. Deshalb läßt der Kolel Warschau auf Anregung des Kalischer Rabbiners Getreide in Vorrath kaufen. Dieses Beispiel sollte von allen andern nachgeahmt werden. Feuilleton. Chajim Pro stak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Eine wahre Geschichte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. (Fortsetzung.) Ester litt außerordentlich bei Eisikl's Erzählung von der Flucht ihres Mannes mit einer so grundverderbten Gesellschaft; es hatte ihr die Brust so eng zusammengeschnürt, daß sie ihn nicht unterbrochen, so viele Fragen ihr auch auf der Zunge schwebten. Erst als er geschlossen hatte und sie einsah, daß seine mit kabbalistischen Floskeln gezierte Berichterstattung für ihre gehegte Erwartungen nur wenig von Belang war, fragte sie ihn, ob ihm nicht bekannt sei, was weiter geschehen? wohin Chajim mit seinen Fluchtgenossen sich gewendet? — „Ich habe mich seit jener Zeit um die Sache nicht gekümmert, weil ich mich in meine kabbalistischen Studien ganz vertieft habe. Ich bitte, sich zu überzeugen und hier das zu lesen, es ist mein rasa mehemna „(glaubwürdiges Geheimniß)" — dabei zog er in der That ein Manuscript aus der Tischlade, trat damit auf Ester zu und fing an, den tollen Unsinn ihr vorzulesen. „Genug, genug!" bat Ester, „ich glaube Ihnen ohne mich davon zu überzeugen." — „Das, was ich Ihnen vorgelesen, steht zwar nicht im Zusammenhänge, aber in der Kabbala ist das Unzusammenhängendste erst recht tiefe und bewunderte Weisheit." — „R. Eisikel, ich verstehe von dieser Kunst weniger als Nichts, um was ich sie aber jetzt bitten will, ist, mir gütigst zu sagen, wie weit Zadembrowa von hier liegt und in welcher Richtung." — „Ah, Sie wollen Bescht's Familie aufsuchen, den Ort sehen, wo Befcht seine Mutter gemordet; nach meiner kabbalistischen Auffassung-" Mit den Worten: „Zadembrowa also; ich werde schon im Wirthshause anfragen! Leben Sie wohl, R. Eisikel, Tausend Dank!" war sie verschwunden. XII. Auf der Spur. Ester war mit ihren Nachforschungen in Zadembrowa bei Leiserl, dem Pferdefreund, dem Vater Bescht's, nicht viel glücklicher, als in Zurawica bei Eisikel Schochet, dem kabbalistischen Narr. Jener war zwar in der Kabbala nicht so