Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 36. (1.9.1880)
- Date
- 1880-09-01
- Page
- Seite 311 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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vernarrt wie dieser; dafür war er aber in Pferde außerordentlich verliebt, man könnte sagen, er war von der Hippomanie befallen. — Auf Ester's Frage, „ob er sich nicht eines Mannes entsinne, der vor kaum drei Jahren in Gesellschaft von Bescht, Leib Saras und dessen Weib hier eingekehrt war, und ob er nicht wisse, wohin er sich gewendet und wo er oder wenigstens Bescht und seine Freunde sich befinden?", erwiderte er: „Ich soll mich nicht entsinnen?! ich, der ich ein Pferd, welches ich nur einmal sah, auch unter tausenden von Pferden und auch nach Jahren wieder erkennen würde, soll mich dessen nicht genau erinnern? War er doch in Gesellschaft meiner guten Bekannten Leib und Sara und — —, ich will seinen Namen nicht nennen, er soll auslöschen aus Israel! Ich bin wahrlich nicht hart; ich hätte es ihm gar nicht verargt, wenn er in die Pferde so verschossen wäre, daß er, uni in deren Besitz zu gelangen, auf andere Mittel als die gebräuchlichen, gesonnen, andere Wege als die erforderlichen eingeschlagen hätte. Denn ums Himmelswillen, was thut man nicht eines schönen Pferdes wegen! Ich versichere Ihnen, daß die höchste Erbauung, die ich allsonnabendlich beim Hersagen des Hohenliedes empfinde, einzig und allein davon herrührt, weil ich sehe, daß schon der weiseste aller Menschen, der König Salomo, Betreff des Pferdes dieselben Empfindungen theilte, indem er seine Gebiebte mit dem „Roß am Wagen Pharao's" verglich. So was ließe ich mir schon gefallen, aber so unbändig und wild zu sein, bis man es, wenn auch nicht absichtlich, zum Muttermorde bringt — Pfui! das ist abscheulich! Das kann und darf man nicht verzeihen. Ich wollte ihn tüchtig durchbläuen und dann zur Thür hinauswerfen, da jedoch Leib Saras mit seinem schönen und lebenslustigen Weibe dies nicht zugeben wollten, verwies ich ihm sofort inein Haus. Wenn seine Gefährten, mir deshalb schmollend, mit ihm zugleich mein Haus verließen, so hat mich dies durchaus nicht von meinem Unrecht überzeugt, und ich würde heute noch also handeln. Was aber jenen Mann, um den Sie sich so sehr interessiren und Erkundigungen einzuziehen suchen, anbelangt, kann ich ihnen nur soviel sagen, daß er sich mit Jenen gerade nicht am besten vertragen hat. Er forderte ihnen Kostbarkeiten ab, die sie ihm aber zurückzu stellen sich weigerten. Als jene jedoch fortfahren wollten, schwang er sich gewaltsam auf den Wagen und ist mit ihnen fortgefahren. Was sich weiter zugetragen, weiß ich nicht; ich habe mich, offen gestanden, darum gar nicht intereffirt, weil mich Pferde mehr interessiren als Menschen. Diese Auskunft war noch weniger geeignet, Ester zu befriedigen. Ihre Besorgniß um das Schicksal ihres Gatten wurde nur um ein Erkleckliches gesteigert. „Nun", sagte sie sich, „hat er sich nicht einmal mit seinen Freunden, sonderu mit seinen Feinden in das stürmische Wogen der Welt gewagt." Niedergeschlagen, ganz entmuthigt und körperlich angegriffen war sie heimgekehrt. Sie wollte sich, ganz ihrem Schmerze hingegeben, von aller Welt zurückziehen, da besuchte sie Jentele die Kluge, die mit ihr seit einiger Zeit wieder enge Freundschaft geschloffen hatte. „Nun, was haben Sie, gütige Ester, erfahren?" fragte sie sie in einem höchst theilnehmenden Ton und mit Gesten, die nur ihr eigen waren. „Nichts von Belang," seufzte Ester. „Nun, so kann ich Ihnen vielleicht auf die Spur helfen. _ Mein Chaskel war iu dieser Beziehung glücklich." — „Wieso, liebe Jentele, erzählen Sie mir doch, wie und was er erfahren hat." — „So hören Sie. Wie Sie wissen, haben wir schon eine erwachsene Tochter. Purim hatte sie das eilfte Jahr zurückgelegt. Mich hat Chaskel in meinem dreizehnten Jahre heimgeführt, und meine Etele soll nicht später heirathen. Und muß man nicht mindestens ein Jahr Braut sein. Es trat daher an uns die Nothwendigkeit heran, schon jetzt einen angemessenen Schiduch (Partie) zu suchen. Zu einem Schiduch iji aber vor allem Geld, wenn gerade nicht viel, so doch wenigstens etwas nöthig. Bei der Tochter des Meir nethibim, — das ist der Titel einer talmudischen Dissertation, die ihr Vater verfaßt hat und die seiner Zeit viel Aufsehen erregte — wird man zwar nicht viel Mitgift beanspruchen, aber eine Ausstattung, muß ich ihr keechod haugidim (wie einer der Vornehmsten) machen. Auch die Schadchonim (Partievermittler) wollen bezahlt und, sollen sie eine gute Partie ausführen, gut bezahlt sein. Nun, wo aber das Alles hernehmen? Mein Chaskel kam daher auf den glücklichen Einfall, eine Wander^ahrt l’hachnassath kallah (Ausstattung einer Braut) anzustellen. Wenn man ein Eidam des Ncir nethibim und ein Schwager des Jaslowcer Rabbiner ist, darf man auch gar nicht verschämt thun. Ueberall begegnete man ihm mit dem freundlichsten Entgegenkommen, ja man fühlte sich geehrt, ihn als Gast bei Tische zu haben. Mancher Rosch Jeschiwah (Talmudschuldirector) galt im Vergleiche zu ihm als einfacher Schnorrer, weil man die Leute dieser Sorte nur zu gut kennt." — „Zur Sache! zur Sache! liebe Jentele! Sie wissen ja, wie gespannt ich bin", bat sie Ester. — „Nun zur Sache. Mein Chaskel hat somit zu diesem Behufe ganz Polen durchwandert, war auch in der Ukraine. Iu einem dortigen Städtchen, Mendziborz mit Namen, traf er Bescht, der seine schwindlerische Rolle dort mit noch größerem Raffinement als hier spielte." „Was Sie sagen!" rief Ester freudigst überrascht aus, „hat er aber auch Chaim gesehen?" „Nein, ihm ist er nicht begegnet, er hat auch von ihm nirgends gehört." „Hat er nicht wenigstens von Bescht etwas über ihn erfahren?" fragte Ester weiter mit merklicher Neugierde. — „Wie sollte er das? Nach alldem, was mein Bruder ihm zugefügt, müßte er kluger Weise darauf bedacht gewesen sein, von ihm unbemerkt zu bleiben. Denn Bescht steht dort in hohem Ansehen und er wäre fähig, meinem Manne vielen Schaden zuzufügen. Alle Leute glauben an ihn wie an einen Heiligen und halten ihn für einen untrüglichen Wundermann. In jener Gegend ist der Pferdediebstahl außerordentlich acholct (vorherrschend). Seit der Zeit aber, da sich Bescht dort niederließ und Jemandem Pferde gestohlen werden, verfolgt man nicht mehr ihre Spur. Man begiebt sich ganz einfach zu Bescht, giebt ihm ein Pidjon (Lösegeld) und er setzt Ort und Zeit fest, wo und wann man sich einzufinden habe, und man findet die gestohlenen Pferde wieder, entweder zusammengekoppelt oder an Bäume gebunden. Und er hat sich immer bewährt." „Sie meinen also, ich soll mich dahin begeben, um dort nach Chaim zu forschen", warf Ester ungeduldig ein. „Was fällt Ihnen, theure Ester, ein? Mendzibrz liegt in der Ukraine und ist vielleicht über 200 Meilen Meilen von Jaslowce entfernt. Und dann, über Chaim kann nur Bescht Bescheid wissen; und nach all dem Vorgefallenen können Sie doch nicht mit Bescht unmittelbar verkehren wollen. Er wird große Opfer verlangen . . . ." — „Ester erröthete tief und mit niedergeschlagenen Augen versetzte sie: „Sie haben Recht. In meiner Ueberraschung wußte ich nicht, was ich vornehmen solle. Aber was ist zu thun? Was muß ich thun? Rathen Sie, kluge Jentele." — „Ich meine, daß mein Chaskel sich nochmals dorthin begeben soll, und diesmal direkt, ohne sich irgendwo aufzuhalten." „Aber", fiel Ester ein, „Sie sagten doch, daß er sich vor Bescht nicht zeigen dürfe?" „Das ist nicht so paradox, wie es Ihnen, gütige Ester, scheint; denn so lange Chaskel von Ihrer Sinnesänderung zu Ihrem Manne nicht einmal eine Ahnung hatte und auch nicht wissen konnte, ob Sie irgend welches Interesse daran haben werden, wenn man Chaims Aufenthalt erfahren sollte und er auch keinen besonderen Grund hatte, sich BesLt zu nähern, so wäre es in der That sehr unvorsichtig sich seinem Feind — und das muß ihm Bescht meines Bruders wegen sein — in die Augen zu drängen. Nun aber wird Chaskel, der, nebenbei bemerkt, auf der Welt viel Schliff und Gewandheit sich erwarb, schon irgend eine Ausrede finden, sich Beschts Vertrauen zu erschleichen." — „Wenn Sie, kluge Jentele, dies glauben, so bin ich gerne bereit, Ihrem Gemahl die Reifespesen, auf wieviel er sie auch veranschlagen wird, vorzustrecken und ihm auch seine Mühe zu vergüten und bei einem günstigen Resultat gut zu belohnen. Nur möchte ich gern, daß er seine Reise dahin so schnell als möglich antrete." — „Gut also. Es kann noch heute geschehen." — „Das freut mich sehr." (Forts, folgt.)