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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-09-01 · N° 36. (1.9.1880) · p. Seite 307

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 36. (1.9.1880)
Date
1880-09-01
Page
Seite 307 (sequence 3)
Language
German
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— 307 — heit waren es die Semiten, Araber und die bei ihnen Schutz findenden Juden, welche das geistige Erbtheil der Griechen und Römer antraten und würdig verwalteten. Ihre Schulen, welche besonders in Asien und später in Spanien zur höchsten Blüthe gelangt sind, pflegten und erweiterten die Errungenschaften griechischer und römischer Philosophen, sowie ägyptischer und griechischer Mathematiker und Astronomen. Von ihnen wurde zuerst die Länge des Jahres bis auf wenige Secunden genau berechnet sowie die Tafeln der Bewegungen der Himmelskörper festgestellt, ohne welche Kepler und Newton nicht hätten die neuere Astronomie begründen können, ferner wurde die Heilkunde und Medicin von ihnen auf eine solche Höhe gebracht, daß die Schriften jüdischer und arabischer Aerzte bis in's 16. Jahrhundert hinein als die besten Quellen eifrig studirt wurden. Ebenso berühmt waren die Lehrer der grammatischen Gelehrsamkeit und der Philosophie, welche die Lehren des Aristoteles und des Neuplatonismus mit denen des Islams und Judenthums verband. Vor allen andern alten Schriftstellern übte Aristoteles eine große Anziehungskraft auf die semitischen Gelehrten aus und wurde von ihnen viele Male übersetzt, bearbeitet und erklärt, so ist auch die Kenntniß des Aristoteles dem Abendland zuerst durch diese arabischen Übersetzungen gekommen. Einen Begriff von der hohen Stufe semitischer Bildung erhält man, wenn man erfährt, daß zur Zeit, als in den Ländern lateinischer Zunge kaum zwei Universitäten bestanden, und zwar ohne Bibliothek, in Spanien allein 70 Bibliotheken und 17 glänzende Lehramtalten der Wissenschaft dienten. Von diesen Schulen ist dann die Pflege der Wissenschaften auf die Geistlichen und Klöster übergegangen, die von da ab die Träger der Bildung wurden, während die Juden den nun kommenden Verfolgungen fast erlagen, ohne ihre Liebe zum Lernen zu verlieren. Man kann daher wohl mit eigenem Rechte behaupten, daß die Semiten für unsere jetzige Cultur und Bildung wesentlich mitgewirkt haben, und daß gerade durch ihre Hülfe mancher von den antiken Schriftstellern von dem Untergange gerettet ist. Durch diese Verdienste haben die I u d e n sich aber die Dankbarkeit, mindestens dieAchtung und Anerkennung der ganzen Menschheit erworben, und wenn in anderen Ländern diese Ansicht anfängt sich Bahn zu brechen, so sollte Deutschland darin nicht nachnehen, wo schon im vorigen Jahrhundert unser großer König sagen konnte: „In meinem Staate kann jeder nach seiner Fayon selig werden." Diese Auffassung sollte in unserem Jahrhundert, welches sich mit Vorliebe das aufgeklärte und fortgeschrittene nennt, Gemeingut aller Gebildeten und auch des Volkes werden und uns vor finsterem mittelalterlichem Verfolgungs fanatiemus bewahren". Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. In dem Augenblick, da das Axiom von der jüdischen Maffeneinwanderung bereits solchen Glauben gefunden, daß über das ganze Land Petitionen an den Reichskanzler verbreitet werden, welche dessen Hülfe gegen die Ueberfluthung anrufen, verdient eine Broschüre ganz besondere Beachtung, welche der als Statistiker in hohem Ansehen stehende vr. Reumann unter dem Titel: „Die Fabel von der jüdischen Maffeneinwanderung, ein Kapitel aus der preußischen Statistik" bei L. Simion in Berlin soeben erscheinen ließ. In dieser Schrift wird die Ein- und Auswanderung der Juden in Preußen während des letzten halben Jahrhunderts, ausschließlich auf Grund der in der amtlichen Statistik enthaltenen Zahlen, untersucht und die Unwahrheit obigen Axiom'- schlagend nachgewiesen. Der vorurtheil-lose Verf. kommt zu folgenden Überraraschenden Ergebnissen. 1) Die jüdische Bevölkerung in Preußen hat sich durch Einwanderung nicht vermehrt, hat vielmehr sehr erheblich durch Auswanderung verloren. 2) Die Zunahme der Juden in Berlin beruht ausschließlich auf Zuzug aus sämmtlichen preußischen Provinzen — und gar nicht auf Einwanderug aus Rußland und Oesterreich. 3) Reben der starken Auswanderung der Juden aus Preußen (und auch aus dem übrigen Deutschland) hat überhaupt eine nennenswerthe Einwanderung der Juden nicht stattgefunden. 4) Die Einwanderung, welche in die Ostprovinzen des Staats ftattfindet, ist überhaupt viel unerheblicher, als diejenige in die Westprovinzen, und auch an dieser schwachen Einwanderung sind die Juden in irgend welchem erheblichen oder unverhältnißmäßigen Grade nicht betheiligt. 5) Soweit sich die Juden etwas stärker vermehren als die Gesammtbevölkerung, wird dieser Unterschied lediglich durch die etwas geringere Sterbeziffer der Juden bedingt. Wilhelmshöhe (bei Caffel), 18. August. In Rr. 33 des „Israelit" wird mit vielem Behagen in einer Correspondenz aus Asien über das Werk eines ruffischen Reiseschriftstellers berichtet, welcher einen seit Jahrhunderten im Kaukasus lebenden Judenstamm („Streitbare Israeliten") schildert, der sich inmitten der übrigen Bergvölker vollständig in ein ebensolch kriegerisches verwandelt und seine biblischen Ueberlieferungen beibehalten hat. Der Ursprung dieser „interessanten Mosaiten" kann mit Sicherheit auf die Nachkommen eines zu Zeiten Salomonaffers (sie!) — also noch während des ersten Jerusal. Tempels — zurückgeführt werden. Ferner wird, nach dem „verdienstvollen Kaukasusreisenden und Orientalisten Pf aff" die Mittheilung gemacht, daß jene Juden noch streng nach den altmosaischen Gesetzen leben und auch die Levirathsehe bei ihnen gebräuchlich sei. „Vom Talmud hingegen, schließt der Artikel, w i s s e n s i e R i ch t s." Obwohl der Redacteur des Israelit, welcher sich als Vertreter des „gesetzestreuen Judenthums" betrachtet, bei Aufnahme dieses Artikels es sich klar gemacht hat, welch wuchtigen Schlag er hiermit eben diesem Judenthum versetzte! Der gesetzestreue Jude, welchem alle Aussprüche des Talmud als göttliche Gesetze gelten, ausgegangen von Moses und durch eine ununterbrochene Kette bis auf den letzten Amora fortgeführt, muß doch unwillkürlich beim Lesen obigen Artikels zu Betrachtungen und Folgerungen angeregt werden, welche seinen Glauben arg erschüttern. Wie, wird er sich fragen, verhält es sich und welche Bewandtniß hat es mit einer Tradition, von welcher Juden, welche in der Zeit der Propheten, dem frühesten Glieds der tradition. Kette aus Palästina nach dem Kaukasus verschlagen wurden, und die streng nach dem mos. Gesetze leben, von ihr nichts wissen? Die Schwagerehe ist bei ihnen im Gebrauch, aber von den 15 Frauen, welche nach dem Talmud davon befreien und sogar gesetzwidrig machen, weiß man im Kaukasus nichts. Als streng nach den mos. Gesetzen lebend, werden sie doch sicherlich Sabbath feiern, aber von den 39 talmudischen Arbeiten ist ihnen nichts bewußt. Gefallenes und Zerriffenes genießen sie sicherlich nicht, aber von den 18 verschiedenen Trefot ist ihnen nichts bekannt: ergo-diesen Schluß hat der fromme Redacteur des „Israelit" zu verantworten. Wahrlich, unsere Chachomim hatten Recht, als sie sagten: „Wenn die Alten Engel waren, so sii d ihre Nachkommen Menschen, waren jene aber Menschen, so sind die Nachkommen Esel, aber nicht wie der Esel des R'Pinch s b. I.", der hätte sicherlich eine solche BLtise nicht begangen uni zu einem DWH Veranlassung gegeben. m Kempen (Posen), am 1. Ellul. (Or.-Corr.) (Schluß.) Unter Chorgesängen öffneten sich die Pforten des neuen Bethhauses und, von einem imposanten Zuge begleitet, wurden unter Absingung des Ns. towu unsere köstlichsten Kleinodien, die h. Thorarollen, hineingetragen, unter denen sich eine von besonderer Schönheit befand, mit dem eine würdige Frau, Mutter de- Rabbiners vr. Kucznitzki in Braunschweig — der eines Unwohlseins wegen zur Feier nicht Herkommen konnte — die Gemeinde beschenkt hatte. Nach Hineinstellen » der Gesetzrollen irr die Lade hielt der Hr.. Rabbiner eine in-

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