Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 36. (1.9.1880)
- Date
- 1880-09-01
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 306 r L' M der Juden eigentlich verschuldet, daß sogar das aufgeklärte neunzehnte Jahrhundert sich nicht von einem mittelalterlichen Vorurtheil freizumachen im Stande ist? Der Vorwurf, der vor Jahrhunderten manche Judenverfolgung hervorrief, daß sie das Volk seien, welches den Heiland der Welt getötet habe, läßt sich wohl heute von gebildeten Menschen nicht mehr als Grund derartiger Ausschreitungen aufrecht erhalten,*) auch ließe sich ja dagegen anführen, daß dasielbe Volk den Heiland hat erstehen lasten. Was wirft man den Juden dann aber vor? Daß sie einen Staat im Staate bilden und daß sie sich eines großen Theils des Handels bemächtigt hätten, daß sie vor allen Dingen den Geldmarkt beherrschen. Beide Borwürfe enthalten allerdings viel Wahrheit, aber wer anders als die Christen selbst hat die Juden zu dem gemacht, was sie heute sind? Wenn sie durch Fleiß und Sparsamkeit, durch Intelligenz und Unternehmungsgeist in der Lage sind, den Handel zu beherrschen, so ist der Grund davon lediglich darin zu suchen, daß die Juden früher einzig und allein auf den Handel und die Industrie als einzige Erwerbsquellen beschränkt waren zu einer Zeit, als man die Beschäftigung hiermit für wenig ehrenvoll hielt Die Folge davon war natürlich, daß sie den Christen, als das Vorurtheil gegen Handel und Industrie schwand, in diesen Erwerbszweigen an Kenntnissen und Praxis weit überlegen waren, welche Ueberlegenheit sie bis auf den heutigen Tag sich zu erhalten bemüht sind. Was nun den „Staat im Staate" anlangt, den die Juden bilden sollen, so ist in ihrer Gemeindeordnung und in ihrem Zusammenleben wohl keine größere Abgeschlostenheit und Selbstständigkeit zu erblicken, als sie jeder andern nicht der allgemeinen Landeskirche angehörigen Religionsgenostenschaft auch zugestanden ist, und zu politischen Zwecken nutzen die Juden ihre enge Vereinigung und ihren großen Zusammenhang nicht aus, wenigstens hat man bis jetzt noch nie etwas von einer „jüdischen Fraction" gehört. Daß die Juden noch heute abgeschlcsten für sich sind, und daß man einem Theile von ihnen mit Recht vorwerfen kann, sie seien Kosmopoliten ohne Liebe zu ihrem Vaterlande, die sich überall va wohl fühlten, wo es ihnen gut gehe, dafür sind die Gründe und Ursachen ebenfalls wieder bei den Christen zu suchen; denn wenn ein Volk ausgestoßen aus aller andern Gesellschaft in enge Quartiere zusammengepfercht wird, ohne jedes Recht im Staat oder in der Bürgerschaft, nur mit Pflichten beladen, so kann man sich wohl nicht wundern, daß dieses Volk streng abgeschlossen blieb und daß es zu einem Lande, welches ihm nur Pflichten und keine Rechte auferlegte, keine Liebe fasten konnte. Welche Stellung die Juden aber in allen christlichen Staaten durch das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit hinein eingenommen, was für Verfolgungen sie erduldet haben, wie oft sie vertrieben und ihrer Habe beraubt worden sind, dafür ist es wohl nicht nöthig, Beispiele anzuführen, da solche als bekannt vorausgesetzt werden dürfen; nur das soll noch erwähnt werden, daß in den meisten Fällen die Gier nach dem Gelde der Juden die eigentliche Triebfeder dieser Verfolgungen gewesen ist, welche sich unter dem Deckmantel fanatischen Religionseifers so schön verstecken konnte. In demselben Maße aber, wie die Rechte der Juden f genommen haben, hat auch ihre Abgeschlostenheit, sowie ihr osmopolitismus nachgelassen, und wenn beide noch bestehen, fa. muß man nur bedenken, wie kurze Zeit man überhaupt Kn den eine Existenzberechtigung eingeräumt hat. Man vor allen Dingen Zeit, sich in die neuen VerhälttNnMeben, und' die Erfolge werden sicher nicht aus-?aW"Äas in Jahrhunderten an einem Volke gefehlt i\-ÄJ fy?; 2in paar Decennien nicht ungeschehen machen. Dh/Wr dMicksichtigen, daß das jetzt handeltreibende Mt? Mni Vaterlandsliebe früher lediglich ein acker- MnMefbmviK'UMsle^ ist,, welches, vom höchsten Patriotismus ftnri feit fr it liurr: o? r n iülie %w WHi Man -Ut auch längst als eine Worische Lüge erwiesen. (Red.) beseelt, wie kein anderes Volk für seine Freiheit und sein Vaterland todesmuthig gestritten und die größten Drangsale und Unbilden ertragen hat. So haben die Jahrhunderte und die Mißgunst der Mitmenschen die Juden von ihren früheren Existenzbedingungen und daraus hervorgehenden Charakter, eigenthümlichkeiten fortgetrieben und auf ganz entgegengesetzte Bahnen der Entwicklung gelenkt. Andererseits aber hat dieser enge Zusammenhang bei den Juden auch schöne Früchte gezeigt. Hierhin gehört vor allen Dingen bie gewissenhafte Austastung des vierten Gebots, von welcher das ganze jüdische Familienleben durchdrungen ist. „Ehre Vater und Mutter" ist der Grundstein des jüdischen Familienlebens, auf dem sich auch das weitere Gemeindeleben aufgebaut hat. Ferner hat sich durch dieses enge Abgeschlossensein das Gefühl der Zusammengehörigkeit sehr stark entwickelt, was sich namentlich durch Wohlthaten und Unterstützungen gegen ihre Glaubensgenossen bethätigt. Ein bettelnder Jude ist heute noch eine Seltenheit.*) In den beiden zuletzt cufgeführten Punkten, in der Befolgung des vierten (nach jüd. Eintheilung ist „Ehre Vater und Mutter" das fünfte Gebot. Red.) Gebotes, sowie im Wohlthun, leuchtet das jüdische Volk allen anderen Völkern als nachahmungswerthes Beispiel voran. Wenn so gezeigt ist, daß die Vorwürfe, welche dem Volke der Juden gemacht werden, eigentlich auf die zurückfallen, welche sie ihm machen, so soll schließlich noch ein Punkt näher erörtert werden, welcher vielleicht weniger allgemein gewürdigt wird, das sind die Verdienste, welche sich die Semiten — insbesondere Juden und Araber — um die ganze Menschheit erworben haben und die nicht hoch genug angeschlagen werden können, da sie zum Theil die Grundlage unserer heutigen Cultur bilden. Die Cultur der Semiten ist sehr alt, älter als die Griechenlands, denn nach der Sage ist die Buchstabenschrift den Griechen von den Semiten gebracht. Was speciell die Juden unter den Semiten anlangt, so haben sie von den Aegytern, dem ältesten Culturvolke, während ihrer dortigen Sklavenjahre sicher deren Bildung theilweise sich angeeignet, wenigstens wird erzählt, daß ihr Führer Moses zur Zeit des Auszuges in die ägyptischen Mysterien eingeweiht gewesen sei, was wohl für jene Zeit als der Inbegriff alles Wissens aufzufasien ist. Nachdem die Juden schon zu den Zeiten der Pharaonen Aegypten verlasten hatten, haben sie auf der von dort mitgenommenen Cultur fleißig und rastlos weitergebauk und es zu einer hohen Stufe der Bildung gebracht, wofür die besten Beweise uns in dem alten Testament und in der Ausbildung der monotheistischen Idee vorliegen; in der Austastung und Ausbildung religiöser Ideen sind die Semiten überhaupt allen anderen Culturvölkern überlegen gewesen, da sie die ersten und im Alterthum einzigen gewesen sind, die den Glauben an einen einzigen Gott entwickelt und aufrecht erhalten und so dem Christenthum, welches zunächst auch von ihnen ausgegangen ist, eine Stätte bereitet haben. In diesem letzteren Sinne hat namentlich der in Alexandrien lebende Jude Philo sich große Verdienste erworben, in besten Schriften, welche die jüdische Religion in Verbindung m't den Lehren und Systemen der griechischen Philosophen bringen, wir einen liebergang vom Judenthum zur christlichen Lehre erblicken können. Diese hohe geistige Bildung haben sich die Juden auch zu erhalten gewußt, so daß ihre Schulen weit und breit berühmt waren selbst nach der Zerstörung von Jerusalem in den schweren Zeiten der nun folgenden Verfolgungen, als sie aufhörten, ein Volk zu sein. In der mittelalterlichen Zeit tiefer geistiger Versunken- *) Man erkennt auch aus dieser wohlgemeinten Aeußerung, daß der Schreiber des obigen Artikels kein Jude ist, sonst würde er etwas üon den hier und da leider zur Landplage gewordenen polnischen und ruffischen Wanderblättern wiffm. Sein oben ausgesprochenes Lob können wir daher nur mit einer gewiffen Einschränkung acceptiren; etwa in dem Sinne: Ein bei Richtjuden bettelnder Jnde ist eine Seltenheit. lRed. d. I. SB.)