Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 35. (25.8.1880)
- Date
- 1880-08-25
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 300 — Stuttgart, 11. August. (Or.-Corr.) Im Anschluß an die Versammlung des Württ. Volksschullehrerverein fand heute hier die Versammlung de« Unterstützungsvereins der israel. Lehrer statt, zu der sich von den .52 Mitgliedern 28 einfanden. Die HH. Hosrath Dr. Levi und Kirchenrath Dr. Wassermann beehrten die Versammlung mit ihrer Anwesenheit, und hat besonders ersterer, bekannt als eifriger Förderer des Unterftützungswesens unseres Vereins, sich mehrmals an der Debatte betheiligt. Oberlehrer Liebmann eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßungsrede, in welcher er die Entwicklung des Vereins seit seinem 18jährigen Bestehen klarlegte. Mit 9 fl. 30 kr. hat der Verein begonnen, und jetzt hat er über 18000 M. Vermögen. Jährlich werden ca. 1000 M. Unterstützungen bewilligt. Als Cassier fungirt gegenwärtig Oberlehrer S t e r n in Eßlingen. Ueber die Anlage des Kapitals entspann sich eine Debatte, ebenso über die Art und Weise, wie in solchen Gemeinden, wo für den Verein gar nichts geschieht, das Interesse hiefür rege gemacht werden könne, besonders wo die Lehrer sich indolent verhalten. Es sollen daselbst von dem Ausschuß in geeigneten Personen Agenten ausgestellt werden, die es sich zur Ehre rechnen werden, für t>en Verein zu wirken. Ein Antrag von Kohn (Haifingen), wöchentliche Beiträge von Schülern zu erheben, wie er es in seiner Gemeinde thue, wird als unpädagogisch verworfen. Vielfach wird konstatirt, daß die Sammlungen durch den „Israelit" das Summelresultat für verschiedene wohlthätige Vereine, so auch für unfern Verein beeinträchtigen. In Betreff von Beiträgen aus Gemeindekassen wurde mit Recht hervorgehoben, daß die kleinen Gemeinden ohnedies sehr schwer belastet sind. Bei der Wahl des Ausschusses wurden die bisherigen Mitglieder wiedergewählt. Es fand nun die jährliche freiwillige Conferenz statt, die aber kein günstiges Resultat erzielte. Die vorjährige Conferenz Halle die Bildung eines Lehrervereins beschlossen und eine Commisston mit der Ausarbeitung eines Statuts betraut, das der heutigen Versammlung zur Beralhung vorgelegt wurde. Schon die ersten Paragraphen über Zweck und Mittel des Vereins riesen eine solch' lange Debatte hervor, daß an keine Uebereinstimmung zu denken war. Deßhalb wurden die Statuten der Commission zur nochmaligen Berathung zurückgegeben, um sie nächstes Jahr wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Der für die Versammlung angesagte Vortrag über „die Liturgie in Synagoge und Schule" konnte wegen Augenleidens des Referenten nicht ausgearbeitet und gehalten werden. In Betreff des Gesangbuchs von Liebling-Jacobsohn (Leipzig), das der Versammlung vorgelegt war, entschied sich die Versammlung dahin, die Einführung desselben dem Gutdünken des einzelnen Lehrers zu überlassen. Ein Antrag Löwensteins, eine Verfügung des Ministeriums v. 22. Mai d. I, über die erlaubten körperlichen Strafen in der Volksschule, möge auch auf die Religionsschule ausgedehnt werden, wurde aus pädagogischen Rücksichten abgelehnt. Es folgte ein durch verschiedene Toaste gewürztes Festmahl im Hotel Degginger. Italien. Rom. Die religiöse Entwikelung wird hier auch durch den Individualismus und Subjectivismus gefährdet, wie überall. Es hilft sich wie bei einem Tirailleurkampfe Jeder selbst in seiner Frage und der Gemeingeist, die Einheit leidet darunter. Infolge dessen sind auch hier Rabbinerconferenzen als Mittel zur Belebung des einheitlichen Geistes in Anregung gebracht worden. Leider ist der ehrwürdige Anreger Rabbiner Dr. Cav. Giuseppe Lattes von Reggio-Emilia durch den Tod entrissen worden. Zu beklagen ist, daß auch der Rabbiner Benedetto Levi zu Ferrara, ein verdienstvoller und allgemein betrauerter Mann, dahingegangen ist. Padua. Der eifrige Dr. I. Luzzatto hat veranlaßt, daß durch Hrn. E. Gräber in Przemysl ein bis jetzt unbekanntes Buch seines unvergeßlichen Vaters, betitelt: „Die Grundprinzipien der Thora" aus dem Italienischen in's Hebräische übersetzt, unter dem Titel: mirirr ''TID'* ibd herausgegeben worden ist. (Wir werden im Literaturblatt Näheres über das geistvolle Büchlein bringen. Red.) Turin. Ein Akt religiöser und politischer Intoleranz regt hier die Gemüther auf. Ein aus Christen bestehendes Comite hatte nach dem.HinscheidenJacob Dina's eine Büste desselben anfertigen lassen, welche hier in seiner Vaterstadt hätte aufgestellt werden sollen. Der Syndicus aber und der Stadtrath (Ferraris und Nicomedes Bianhi) verweigerten die Hergabe des Platzes, weil Dina 1864 in seinem Blatte „LDpinione" für oie Verlegung der Hmptstadt gewirkt und weil er Jude war. — Die Zeitungen aller Schattirungen haben den beiden Herren gerade nicht Schmeichelhaftes deshalb gesagt. Die Büste soll nun in Rom aufgestellt werden. — Herr Giacomo Cohen, bedeutender Fabrikbesitzer und eifriger Menschenfreund (Inspektor der Kinderasyle von Genua), ist zum Ritter der Krone v. Italien ernannt worden. England. London. Das Verlangen nach Einführung regelmäßiger Kanzelvorträge in allen Synagogen wirv hier immer lebhafter betont, besonders da die Kürzung des Gottesdienstes Zeit für diese Belehrung läßt, welche als ein Ersatz der meist unverstandenen (und oft unverständlichen, Red.) Piutim zu dienen bestimmt ist. Ein merkwürdiger Fall von I n totera nz ereignete sich bei einer Verhandlung des Schulvorstandes zu Abecdare, welcher am 8. August die Zulassung zweier jüdischer Lehrerinnen deshalb beanstandete, weil sie sich einer Prüfung zu unterziehen hatten und derselben, weil sie auf einen Sabbalh fiel, ferngeblieben waren. Sie müßten, so meint der Schulvorstand, sich allen Gesetzen fügen, wenn sie zu den fraglichen Stellen zugelassen sein wollten. Die ,South Wales Daily News“ tritt diesem Beschlüsse mit gebührenoer Schärfe entgegen. Wäre es nicht möglich, daß solchen Willkürlichkeiten von Gemeinde- und Schulbehörden durch ein zweckmäßiges Schulgesetz abgeholfen werde? London. Bei der Jahresversammlung der Anglo Jewish Association führte der Vorsitzende Baron H. de W o r m s in seiner Rede den Gedanken durch, daß in erster Reihe überall für bessern Unterricht der jüd. Jugend gesorgt werden müsse. Dann werden die Anfeindungen und die innere Misere schon schwinden. Herr M. Stern aus Rewyork, Vorsitzender des dortigen gleichen Vereins, berichtet, daß beide Candidaten für die Präsidentschaft auf Befragen versprochen haben, in Betreff der Juden das bisherige Verhalten Amerikas fortbestehen zu lassen. Rußland. Petersburg, 6. August. Durch einen allerhöchsten Befehl neuesten Datums ist es den Juden verboten, sich in dem Gebiete des donischen Kosakenheeres unbewegliches Eigenthum zu erwerben oder in Pacht zu nehmen, so wie sich daselbst anzusiedeln oder ständigen Aufenthalt zu nehmen. Diese Maßregel bezieht sich nicht auf diejenigen Israeliten, welche einen gelehrten Grad besitzen oder Regierungsbeamte sind, so wie auch nicht auf diejenigen Juden, die daselbst bereits unbewegliches Eigenthum besitzen. Die officielle „Gesetzsammlung," durch welche die Veröffentlichung dieser in gegenwärtiger Zeit etwas auffälligen Maßregel erfolgt ist, bezeichnet dieselbe als eine temporäre, bis nämlich die herrschenden Bestimmungen über das Aufenthalsrecht der Juden im russischen Reich durchgesehen und neu geregelt sein werden. Sie trägt auch allerdings den Stempel des Temporären an sich, da in einem wohlorganisirten Staatsorganismus die bürgerliche Gleichstellung aller Reichsangehörigen ohne Unterschied der Rationalität eine gebieterische Rothwendigkeit ist. Es ist auch sicher zu erwarten, daß die Revision der Bestimmungen über den Aufenthalt der Juden gerade in diesem Sinne erfolgen wird; um so seltsamer nimmt sich daher jetzt dies Ausnahmegesetz aus. Es verdankt seine Entstehung einzig den wiederholten Klagen der Verwaltung des Gebietes des donischen Kosakenheeres, daß die Juden das besagte Gebiet überfluthen, die im