Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 35. (25.8.1880)
- Date
- 1880-08-25
- Page
- Seite 299 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584154--4234-9584157- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 299 — Lehrers Frankel y^, dessen Namen ein Programm ist, und beurtheilen von diesem aus die religiösen Zeitfragen und jüd. Vorkommnisse; wir bemühen uns bei Billigung oder Mißbilligung, ohne Ansehen der Person zu verfahren und nur die Sache, resp. das Princip, im Auge zu haben, weil wir unS sagen, daß das yriK DK “pan („selbst seine Brüder kennt er nicht") die oberste Redactionspflicht, die Hauptbedingung für eine objektive Beurtheilung sein muß, die in allen Fällen nach besten Kräften anzustreben wir durch nichts uns abhalten lassen werden. Die Redaction. 8. Stettin, 15. Aug. (Or.-Corr.) Mit dem Amtsantritte unseres Rabbiners vr. Vogelstein, ist auf dem Gebiete der religiösen Zustände in unserer Gemeinde auch wieder neues Leben gekommen, so daß sich derselbe immer mehr und mehr als ein würdiger Nachfolger unseres in Gott ruhenden und unvergeßlichen Rabbiners vr. Treuenfels y^7 erweist. Seinem, in seiner Antrittspredigt gegebenen Versprechen als •nirr ttPK, als ein Mann von echt jüdischem Geiste durchdrungen, seines Amtes zu warten treu bleibend, ist er unablässig bestrebt, durch Wort und Thal da einzutreten, wo es gilt, das religiöse Leben zu fördern. Mit besonderer Liebe widmet er sich unserer Religionsschule, die er zu heben sucht und sich bemüht, sie zu einer wahren Pflanzstätte jüdischen Wissens und echt jüdischen Geistes zu machen. Besondern Dank erwarb er sich durch die Regelung des Koscher-Fleisches. Er berief eine Commission, die unter seinem Vorsitz Maßregeln geschaffen, dem Ueberhandnehmen der fremden Fleischzusuhren entgegenzutreten, das Fleisch der hiesigen Schlächter ist einer strengen Controlle unterworfen, und die Hausfrauen sind durch ihnen zugegangene Circulare in Kenntniß gesetzt, daß koscher Fleisch nur bei den hiesigen, unter Aufsicht des Rabbinats stehenden Schlächtern zu haben sei, das andere hingegen nicht als koscher zu betrachten ist. Der Erfolg hat sich bereits sehr fühlbar gemacht, und viele Familien veranlaßt, ihre Wirtschaften religiös einzurichten. Zum Schluß noch die Mittheilung, daß die Ww. des im vorigem Jahre verstorbenen Herrn David Manasse der hiesigen Commune 30,000 M. als Geschenk überwiesen hat, deren Zinsen alljährlich an arme Leute ohne Unterschied der Confession vertheilt werden sollen, und zwar so, daß kein Armer weniger als 100 Mark bekomme. ß Kempen (Posen), am 1. Ellul. (Or.-Corr.) (Einweihung eines neuen Beth-Hamidrasch). Wohl wenige Gemeinden mag es in Deutschland geben, die von Alters her in dem Besitz einer so schönen und großen Synagoge sind, wie wir sie hier haben. Die hiesige Synagoge, vor etwa 7 Decennien im altgothischen Style erbaut, gehört zu jenen prachtvollen Gebäuden, deren Aeußeres schon einen imposanten Anblick gewährt. In der unmittelbaren Nähe dieser Synagoge steht ein altes, niedriges Gebäude, welches, vom Zahne der Zeit nicht verschont, schon seit Jahren in einem so verfallenen Zustande sich befindet, daß es zu dem Gotteshause, welches an seiner südlichen Seite stolz in die Lüfte sich erhebt, einen frappirenden Gegensatz bildet. Dieses Gebäude ist das alte Beth-Hamidrasch zu Kempen. Wir werden, so oft wir in dieses Bethaus einkehren, an die Ghettos des Mittelalters erinnert, in welchen so viele stille Tugenden einheimisch waren, daß man darüber ihre unscheinbare Außenseite leicht vergaß. Hier, in diesem alten Beth-Hamidrasch, wurde das Talmudstudium mit großem Eifer gepflegt, und Männer, die zum Theile einen weltberühmten Namen erlangt haben, wie Rabbi Simche Reh fisch y'^j und Rabbi Meier Leibisch Mal bim y^j, waren bestrebt, dem Gottesworte in der Mitte der hiesigen Gemeinde einen fruchtbaren Boden zu verschaffen. Eine Reihe jener frommen, gottesfürchtigen Männer wurde in den letzten Jahren zu Grabe getragen, und die Zahl derjenigen, die dieser alten Zeit und Richtung angehörten, nahm ebenso schnell ab, als dar Beth- Hamidrasch selbst, durch die Fülle der Jahre baufällig geworden, seinem gänzlichen Vorfälle entgegenging. Da faßten endlich die Vertreter der hiesigen Gemeinde den Entschluß, ein neuer Beth Hamidrasch zu erbauen, und dieser Entschluß wurde in einem so herrlichen, alle Erwartungen übertreffenden Maßstabe zur Ausführung gebracht, daß es fast scheinen wollte, als ob die Männer, die an der Spitze der Gemeinde stehen, an dem neuen Bethause das wieder gut machen wollten, was sie an dem alten zu thun unterlassen haben. Und so erhebt sich denn an der Seite des alten Beth-Hamidrasch ein neues, in elegantem Style aufgeführtes Bet- und Lehrhaus. Am heutigen Tage, am 1. Ellul, haben wir vom ersten Abschied genom men und in das letztere Einzug gehalten. Die Einweihung nahm 6 Uhr Nachmittags ihren Anfang und ging nach einem früher ausgegebenen Programme in würdiger Weise vor sich. In der genannten Stunde füllte sich der heilige Raum des alten Beth-Hamidrasch mit Leuten aus allen Klassen und Ständen, und selbst Greise, die sonst ihr Haus wenig verlassen, kamen herbei, um an dieser geweihten Stätte zum letzten Male ein Gebet zum himmlischen Vater emporsteigen zu lassen. Nachdem man das Minchah- Gebet verrichtet und unser Herr Cantor Schnittkin den Psalm 84 mit lauter, wohlklingender Stimme recitirt hätte, hielt unser ehrwürdiger Rabbiner Herr vr. L. Münz (Enkel des Pfpn |öü), anknüpfend an die Bibelstelle (Genese. 28,16—17.) eine kurze, aber herzliche Abschiedsrede, und immer gehobener und feierlicher wurden die Worte des Redners, bis sie ihren Höhepunkt erreichten in dem Abschiedsgruße, den er den Mauern dieser altehrwürdigen Halle zurief. Er verglich diese m it den Eedern, aus denen die Stiftshütte zusammengefügt war, und deutete sinnreich manchen damit im Zusammenhang stehenden Midrasch. — Dann sprach unser ehrwürdiger Rabbinatsasieffor Herr Chajim Saft, von der Bedeutung de- Momentes tief ergriffen, einige Worte zum Abschiede von dem Lehrbause, in dem er während einer langen Reihe von Jahren mehrere Stunden täglich mit dem Thorastudium sich befaßte. Hierauf wurde unter Absingung des \T1 die b. Lade geöffnet und die Thorarollen an die Aeltesten der Gemeinde vertheilt. Noch einmal erscholl der Ruf in dieser altehrwürdigen Halle, daß es in allen Wölbungen wiederhallte. Man verließ das alte Bethaus und eine unabsehbare Menschenmenge füllte den Raum vor dem Eingänge des neuen Beth-Hamidrasch, das, mit Blumenkränzen vielfach geschmückt, einen herrlichen Anblick darbot. (Schluß folgt.) Frankfurt a/M. Am 10. d. starb nach langem Leiden Hr. I. Josephthal, ein Mann, dessen Andenken stets einen ehrenden Platz im Herzen der israelitischen Gemeindemitglieder einnehmen wird. Er war vom Jahr 1873 bis Ende 1878 Vorstandsmitglied der israelitischen Gemeinde und verwaltete sein Amt mit einer seltenen Treue und Gewissenhaftigkeit, so daß er für das Jahr 1880 und noch mehrere Jahre wieder neu gewählt wurde. Mit demselben Pflichteifer war er als Vorstandsmitglied der Schule der israelitischen Gemeinde thätig und für seine Beliebtheit sprach die große Menge, die seiner Leiche folgte. An seinem Sarge sprachen die HH. Rabbiner vr. Brüll und vr. Horowitz. Als Vertreter des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, dem der Verstorbene angehörte, spendete Hr. vr. Goldschmidt aus Leipzig warme Worte, und schließlich schilderte Hr. Direktor Bärwald die Verdienste des Heimgegangenen um die Schule, der er stets innige Sympathie entgegengebracht. Josephthal hatte sich, so lange er Schulrath war, um alle Schulangelegenheiten bekümmert, wie er auch jedem einzelnen Lehrer in Freundschaft zugethan war. Er war ein Mann voll des humansten Sinnes, von großer Geistesklarheit und redlichem Willen, dabei stets unermüdlich in allen Ehrenämtern, die er mit großem Erfolg bekleibete. — Am offenen Grabe widmete noch der Vorsitzende der Loge „Zur ausgehenden Morgenröthe", Hr. vr. Jacob Auerbach, den „Heimgegangenen, hochverdienten Bruder" einen kurzen, warmen Nachruf.