Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 34. (18.8.1880)
- Date
- 1880-08-18
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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294 — Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. „In Paris fand diese Woche im Hotel der engl. Gesandtschaft die Civil-Trauung der Tochter des Hrn. Edward Montefiore mit dem Graf Ricci statt. Die Braut gehört der mosaischen Confeffion an, der Bräutigam, ein Engländer, der anglikanischen Kirche. Zur Vollziehung der religiösen Ceremonie mußte ein Prediger der jüdischen Reformgemeinde in Berlin dorthin berufen werden." — „Die Enkelin Crämieux's, Frl. Peigne-Crsmieux schließt mit Herrn Thomson, Deputirten von Constantine, eine Civilehe!" So berichten die Blätter. Was die deutschen Juden an den Nachkommen Men» delssohns erlebten, das haben die französischen an denen, die Crämieux's, die englischen an denen die Monteftore's Namen tragen. — Das scheint providentiell zu sein! Mose's Nachkommen verschwanden ebenso — auch wenn wir den levitischen Götzenpriester des Micha ihnen nicht zurechnen. — Nicht Ahnen sollen im Judenthume Bedeutung verleihen, sondern allein persönliche Tüchtigkeit! Berlin, 9. August. Die Gemeinde Schochare hatob, welche auf der bunten Karte der unzähligen hiesigen Gemeinden eine etwas conservative Schattirung hat, beging am gestrigen Vormittag die Einweihung ihres neuen Betlokales. Dieselbe sah sich in Folge des seit ihrem Bestehen erfolgten Wachsthums der Mitgliederzahl veranlaßt, eine größere und würdigere Stätte zu beziehen. (Das neue Betlokal befindet sich in dem ersten Stockwerke des Gebäudes Al-xanderstraße 3/4) Ein Chorgesang leitete die Feier ein, deren Mittelpunkt die Predigt bildete, die der auf einer Durchreise hier anwesende Herr Oberrabbiner vr. Jsaucsohn (aus Hamburg) an Stelle des bisherigen Gemeindepredigers vr. Nascher, welcher in Folge eines Gemüthleidens, das ihn von Neuem betroffen, an der weiteren Ausübung seiner Amtspflichten verhindert ist, hielt. Breslau. Schon seit vielen Jahren stellte sich wegen vermehrten Zudranges das Bedurfniß einer Vergrößerung der Räumlichkeiten des israelitischen Waisenhauses heraus. Da die nöthigen Geldmittel nicht vorhanden. waren, so konnte vorläufig auf eine Abhilfe nicht Bedacht genommen werden. Durch die Munificenz unseres Mitbürgers, des Kaufmanns M. W. H e i m a n n, war endlich der Vorstand in die Lage versetzt, ein passendes Terrain in bester Lage zu aquiriren. 'In aller Stille und ohne jede Ostentation fand nun die Grundsteinlegung eines neuen Waisenhauses statt. Der Vorsteher der Anstalt, Kaufmann Louis Sch äfe r, verlas im Beisein der geladenen Gönner und Gäste die Urkunde, die er dann dem Vorstandsmitglieds der hiesigen Synagogengemeinde, Commerzienrath Friedenthal, überreichte, welcher unter einer weihevollen Ansprache die üblichen drei Hammerschläge führte. Der Bau des Hauses soll noch bis Jabresschluß vollendet sein, damit die Uebersiedelung der Anstalt aus den bisherigen unzulänglichen Räumlichkeiten zum Osterquartal 1881 staltfinden kann. In Gleiwitz starb am 6. August die älleste Person dieser Stadt, die Wittwe Singer, die am 11. Juni d. I. ein Alter von 112 Jahren erreicht hat. Sie schenkte 15 Kindern das Leben, von denen jetzt nur noch drei leben. Ihre älteste Tochter starb vor wenigen Atonalen im Alter von 84 Jahren. Schildberg, (Posen.) Am 11. Aw fand die Einführung des neugewähllen Rabbiners Herrn I)r. Singer, früher in Schudin, statt. Obwohl hier eine Bahnstation ist, wurde derselbe dennoch, von der vorletzten Station per Wagen durch eine Deputation, der sich der Bürgermeister der Stadt anschloß, abgeholt. Vor der schön decorirten Synagoge begrüßte unser Lehrer an der Spitze seiner Schüler den neuen Rabbiner, und Herr Vorsteher M. Feibelsohn hieß ihn im Namen der Gemeinde willkommen, worauf Herr Di*. S. seine den besten Eindruck auf die Zuhörer machende Antrittspredigt hielt. Laupheim, (Württemberg). Aus eigenem Antriebe traten nach dem Tode des Ende vor. Jahres verst. hiesigen Cantors S. W. Strauß Männer der hiesigen israelitischen Gemeinde zusammen, um dem Dahingeschiedenen ein bleibendes, ehrendes Andenken zu stiften und es fielen gegen 400 M. Liebesgaben. Davon wurden 170 M. zu einer frommen Stiftung, für einen ewigen Jahrtag, verwendet und ihm am 30. Juli ein schönes Grabmal, umfriedet mit einem eisernen Gitter, errichtet. A. E. München. Die beiden Ministerien des Krieges und des Innern haben ans eine Beschwerde ein Reskript erlaffen, wonach bei Festsetzung der Termine für die Prüfungen zum Einjährig - Freiwilligen - Dienste die Sabbathe und jüdischen Feiertage möglichst zu berücksichtigen, zum Mindesten aber die israelitischen Kandidaten an solchen Tagen in Beachtung der Vorschriften ihres Kultus vom Schreiben zu dispensiren und die belr. Arbeiten zu geeigneter Zeit von ihnen nachzuholen sind. Sczinow. In unserer aufstrebenden Gemeinde besteht ein Leseverein, eine Darlehnskaffe und ein Armenverein, der der Hausbettelei entgegenwirkt. Bei der Wahl der Sladträthe haben die Polen so lange intriguirt und gehetzt, bis — alle 24 Stadträthe aus der jüd. Gemeinde gewählt worden sind. (Jwri.) London. Am 10. Juni ist das Testament des verewig ten Herrn Abraham Mocatto eröffnet worden. 500 Pfund Sterling sind darin der Westsynagoge bestimmt, je 100 dem Board of Guardians, dem Kaeser, Universitäls, London, Metropolitian M und jüd. Hospital, dem Thierschutzverein und der Londoner isr. Kinderschule, je 50 der isr. Freischule in London, dem Krankenhause, der Taubstummenanstalt, Blindenanstalt, Kinderhospital, der Schule Schaare Tikwah, jüd. Alterversorgungsanstalt — und 100 Pfund zur Vertheilung an Arme — in Summa 1750 Pfund (— 35000 Mark). — Die Londoner Bibelgesellschaft gedenkt die Juden zu fangen durch jüdische Kalender! — Das giebt viel Macculatuc! Marocco. In Entifa (Distrikt Kabylien) lebte ein reicher Israelit, der während der jüngsten Hungersnoth eine hungernde Maurin in seine Familie ausgenommen halte. Nachdem er sie mehrere Monate verpfl-gt. sagte sie ihm vor einigen Tagen, daß sie sich jetzt wieder selbst ernähren könne. Beim Abschiede küßte sie ihm vor dem Hause die Hand. Wahrscheinlich sahen dies Mauren und meldeten es dem Kadi, der den Juden wegen des Verbrechens, sich von einer Rechtgläubigen die Hand küffen zu lassen, in's Gesangniß werfen und dort zu Tode prügeln ließ. Der Leichnam wurde erst nach Zahlung von 400 Piaster (1600 Mark) zur Beerdigung herausgegeben. 8 Familien haben in Folge davon das Land verlassen. Der Wittwe des Ermordeten ist die Erlaubniß hierzu vom Kadi versagt worden. Auch dieses Verbrechen wird, wie so viele ähnliche, unbestraft bleiben. Nich das Volk ist boshaft, sondern die herrschende Kaste! F e u i i 1 e t o n. Chajim Pro stak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Eine wahre Geschichte aus der zweite» Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. XI. Auf der Flucht. Es waren bereits drei Jahre verstrichen, ohne daß die mindeste Kunde zu Ohren drang, wohin sich jene frommen Ausreißer gewendet, wo sie sich niedergelassen und was aus ihnen geworden war. Am meisten erregte das so lange Ausbleiben Chaim Prostaks gerechtes Staunen und Verwundern. War es denn auch nur möglich, daß der Besitzer eines in jener Zeit so enormen Vermögens Weib und Kindern auf der Dauer den Rücken kehren und in der Fremde in Entbehrung seine Jahre verbringen konnte? Sollte jenes liederliche Weib, das den reichen Mann an sich zu ziehen verstand, auch den Bettler an sich feffeln wollen? Meinte sich Chaim thatsächlich zum „leidenden" Messias cherauszubilden? War er wirklich betrogen genug, um sich selbst betrügen zu können? Oder war es jene Anhänglichkeit, jenes unzertrennliche Zusammenhalten, wozu das Laster leider den so festen Kitt leihet.