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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-08-18 · N° 34. (18.8.1880) · p. Seite 295

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 34. (18.8.1880)
Date
1880-08-18
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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— 295 — dem wir oft bei Verbrecherbanden, Verschworenen begegnen und das nicht minder unter den Chassidim noch jetzt wahrzunehmen Gelegenheit haben. Ester hatte längst alles Leid, Unbill und Ungemach, das ihr Chaim zugefügt, vergessen. Sie empfand nur Gefühle des Mitleids mit dem Gatten ihrer Jugend und dem Vater ihrer Kinder, der einem argen Betrüger zum Opfer fiel. Sie glaubte überzeugt zu sein, daß nur ein gewisses Schamgefühl Chaim abhalte, heimzukonnnen; wenn sie aber seinen Aufenthaltsort ausfindig machen könnte, sagte sie sich, so würde er unmöglich ihrem Rufe, der ja nur ein lauter Wiederhall seines herzinniglichen Wunsches wäre, zu folgen sich weigern. Wenn er aber vielleicht von einem Unglück heimgesucht, auf's Krankenlager geworfen, oder gar von einer Krankheit hinweggerafft worden? Bei diesem Gedanken überlief sie gewöhnlich ein eiskalter Schauer, und die Ungewißheit mit ihrem beständigen Hangen und Bangen hatte sie gar sehr mit Gram und Kummer erfüllt. Da leuchtete ihr plötzlich ein Hoffnungsstrahl. Selde, der Schochetka (Schächterin), gelang es nach unermüdlichen und unverdrossenem Durchstreifen des Polenreiches, ihren treulosen Mann Eisikel Schochet ausfindig zu machen. Er bekleidete.die Eigenschaft eines Dorf-Schochets in Zurawica, einem Dorfe, welches eine halbe polnische Meile von Przemysl liegt, wo heute die galizische Karl Ludwigs-Bahn einen Haltepunkt hat. — Kaum hatte Ester hiervon Kunde erhalten, als sie sich beeilte, Eisikel Schochet auszuforschen. Sie hatte auch wirklich von ihm Manches erfahren, aber nicht genug, um die Spuren ihres Mannes weiter verfolgen zu können. Eisikel erzählte Folgendes: „Aus Furcht, Rabbiner Beer könnte es mit mir, allerdings nach vorgeschriebener Strenge, wegen meiner Verirrungen mit und durch Bescht genau nehmen, entschloß ich mich kaum eine Stunde später, nachdem ich mich von jenen Neufrommen losgesagt hatte, mich ihnen wieder zuzugefellen, um an ihnen, ihr Schicksal theilend, wenigstens Leidensgenoffen zu haben. Ich fand nur Chaim und Bescht vor, jeden in einem besondern Winkel der Klause, in sich gekehrt, sie litten sichtlich noch unter den vernichtenden Eindruck, den die Drascha des. Rabbiners hervorgebracht, und ich wagte nicht, sie anzusprechen. Leib Sarras und seine ihm würdige Hälfte, die einzigen, die so viel Leben, allerdings wüstes Leben, zu verbreiten im Stande waren, waren nicht zu sehen. Es fehlte mir der Muth, zu fragen; ich fürchtete Vorwürfe und kauerte mich daher in einem dritten Winkel zusammen und versuchte mein sich regendes Gewissen durch kabbalistische Beschwichtigungsformeln einzulullen. Es mochte etwa Mitternacht herangebrochen sein, als Leib Sarras erschien. Er trieb uns mehr mit Gesten als mit Worten zum Aufbruche an, und dies mit einer solchen Hast, daß uns kein Bedenken, kein Ueberlegen möglich war. Wir brachen auf, folgten ihm außerhalb der Stadt. Dort wartete auf uns ein stattliches Dreigespann mit prächtigen muthigen Pferden, die sich kaum von der geübten Hand des weiblichen Chassid Sara im Zaume halten ließen. „Schnell! Schnell!" trieb auch sie uns zum Einsteigen an. Kaum hatten wir den Wagen bestiegen, als es mit uns über Berg und Thal, durch Wald und Wiese vorwärts jagte. Mied man geflissentlich jede Straße, jeden fahrbaren Weg und Steg oder führten uns Engel? Leib Sarras galt in dieser Beziehung als praktischer Kabbalist, um weite Räume vermittelst der heiligen Beschwörungskunst überspringen zu können. In der Thal schien dem also gewesen zu sein, denn mit Sonnenaufgang befanden wir uns bereits in der Umgebung von Lemberg. Der Wagen hielt, aber nicht vor einem Wirthshaus, sondern vor einer einsamen Bauernhütte. Ein Mann trat heraus, der hoch und gerade wie eine Ceder war; ein Riese zum Ansehen. Sein langes und rabenschwarzes Haar, das, nebenbei bemerkt, nur wenig von seinem sonngebräunten Gesichte abstach, war glatt gescheitelt und hing weit über die Schultern hinab. Auf seiner großen Nase thronte eine respectabele Warze, die ganz das Aussehen eines Blumennapfes haüe^ weil ein Haarbüschel in ihrer Mitte wie ein Blumenstock prangte. Er war ganz wie die galizischen Bauern gekleidet. Dickleinene Hosen nnd ein Hemd vom selben Gewebe, von selbstverfertigten hölzernen Sperrnadeln zusammengehalten, das bildete seine vollständige Toilette. Wir beide, Chaim und ich, erschraken schier zu Tode, als wir diesen ungewöhnlichen Mann erblickten. Meine Linke und seine Rechte packten sich krampfhaft, als fühlten sie sich unsicher und wir suchten uns einer des anderen Beistand zu vergewissern; allein aus verschiedenen Beweggründen. Ich glaubte ganz gewiß, ich sähe einen Engel in der Gestalt allerdings eines schrecklichen Menschen, und daß es derselbe sei, der Leib Saras zu allen seinen Raumüberspringungen beisteht, und glaubte, meine Stunde habe geschlagen, denn wer hätte einen Engel des Herrn gesehen und bliebe leben? Chaim aber mochte jenen kolossalen Mann für einen Straßenräuber angesehen haben, denn in demselben Augenblick, wie er mit seiner Rechten meine Linke ergriff, fuhr er mit seiner Linken über seine Taschen und befühlte sie. Erst als diese ihm sagten, er habe glücklicher Weise — so mag es ihm in diesem Augenblick vorgekommen sein, kein Geld bei sich,athmete er, wievon einem Alp befreiet, wieder auf. — Jene fürchterliche Gestalt näherte sich unserem Wagen; unser Schrecken wuchs. Er holte seine Hand weit aus und wir zitterten. Aber das war nur so seine Manier zu grüßen. Als er seine Hand nochmals ausholte, um Sara zu grüßen, gab er sich auch Mühe, zu lachen. Mir kam es wie das Rollen des Donners vor und bestärkte mich nur in meiner Ansicht, es sei dies ein übernatürliches Wesen. Und wie sollte ich es nicht, da Sara, die uns Bescht als Bechunath Matronita, als Versinnlichung himmlischen Abglanzes, verehren hieß, den Gruß erwidernd, ihre Hand, um die wir so geizten, in die seinigelegte. Chaim schien aber auch diesmal meinen Gedanken nicht zu theilen, denn er wurde purpurroth, und ich sah ihm seine Hände ballen. Das sonderbare Ehepaar schwang sich vom Wagen und folgte, ohne uns ein Wort zu sagen, jenem Ungeheuer in seine Hütte. Sie verweilten dort keine Viertelstunde, obwohl es uns unendlich lange vorkam. Während dieser Pause wendeten wir uns nach Bescht um, denn er saß uns im Rücken, aber er gab sich, wie immer, wenn er Jemandes Blick hartnäckig ausweichen wollte, den Anschein, als sei er in D’wekos (höhere Gedanken) versunken oder in höhere Welten verstiegen. Endlich traten sie aus der Hütte und die besser verworfene Hälfte hielt in ihrer zierlichen Rechten 'eine Flasche Wodki (Aquavita) — auch ich hätte sie diesmal küssen mögen, des tröstenden Gegenstandes wegen, der mir, kabbalistisch aufgefaßt, als Bechunoth maim chaim, „personiftcirtes Lebenswasser" galt, wenn es auch wahrscheinlich war, daß man ihr in der Hütte bereits stark zusprach; sie war bis auf die Hälfte geleert. Allein wir durften es ihnen nicht verargen, gilt doch bei uns der Grundsatz: Was dir lieb ist, das gewähre Andern. Sie ging mit derselben auf Chaim zu. Er ergriff sie mit einer Hast und schlecht vorborgener Lüsternheit, als wollte er deren Inhalt, bevor er ihn noch recht, in der Hand hatte, ganz leeren, oder sammt der Flasche verschlingen. Lange, lange preßte er sie an seine Lippen, als wären sie mit dem Munde der Flasche zusammengewachsen. Mir und auch Bescht wurde es bange zu Muth; wir fürchteten, nicht mit Unrecht, er könnte sie bis auf den Grund leeren — auch wir fühlten ein außerordentliches Bedürfniß nach einem erquickenden Schluck) der obendrein ein Tröster in der Roth ist. Bescht entriß sie ihm gewaltsam, trank und gab auch mir zu trinken. Er huldigte dem Communismus — einem der Grundpfeiler des neugeschaffenen Chassidismus — nicht blos im Prinzip. — Während wir bei der Flasche Erfrischung, Aufmunterung und Trost suchten und für den Augenblick auch fanden, wurde der Wagen neu bespannt. Anstatt der der Schimmeln wurden Rappen vorgespannt, aber immer drei, denn drei ist bei uns Chassidim eine heilige Zahl (8cgo1). Das seltsame Paar schwang sich .hierauf.auf den Wagen. Sara ergriff abermals die Zügeljenem Ungeheuer in Menschengestalt den letzten Gruß zunickend, ließ sie die Zügel schießen und wir jagten in Saus Md BrMs von dannen. Gedawent (gebetet) haben wir an jenem Morgen nicht. (Forts, folgt.)

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