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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-08-18 · N° 34. (18.8.1880) · p. Seite 293

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 34. (18.8.1880)
Date
1880-08-18
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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die wegen Mord, Raub und schwere körperliche Verletzung oder Todtschlag Verurteilten in Ungarn mit denen in Oesterreich, Italien, Großbritannien. Frankreich, Preußen und Belgien, und kömmt zu dem Resultate, daß Ungarn in dieser Hinsicht unter allen europäischen Culturstaaten (das ein zige Italien ausgenommen) den größten Antheil besitzt, und stimme dies, wie er meint, mit dem Charakter des leidenschaftlichen Volkes in Italien und Ungarn zusammen. Von Jahr zu Jahr betheiligt sich auch das weibliche Geschlecht, wie die vorliegenden Daten beweisen, mehr an den Verbrechen, und stieg in dem angeführten Zeiträume der Procentsatz von 10.37 aus 12.87°/0. Im Ganzen fand während des angegebenen Zeitraumes bei den Männern eine Zunahme von 67°/„ bei den weiblichen Verbrecherinnen hingegen mit 36.2°/0 statt. In einem sehr ungünstigen Berichte erscheint auch das Beamtenthum Ungarns. Auf je 98 Beamte kommt schon ein Verurtheilter. — Gelangen wir nun zu dem, was uns inlereffirl, so ergibt sich nach den Daten Koneks Folgendes: Die relativ wenigsten Verbrechen kommen bei den römischen Katholiken und bei den Evangelischen Augsburger Confessio», die relativ nreisten bei den Evangelischen helvetischer Confession und bei den Israeliten vor, ja die letzteren zeigen in dieser Beziehung die all er schlimmsten Verhältnisse. Der Bevölkerungszahl nach sollten sie unter den Verbrechern 4.41°/„ geben, sie bilden jedoch 5.39°/,, und int Jahre 1877 sogar 5 48°/0, so daß auf 47 Israeliten ein Verbrecher kommt, und bieten sie und die Evangelischen Augsb. Confession bei Angriffen auf die öffentlichen Institutionen die größte Verhältnißziffer. — Wir wünschen, daß die Juden in Ungarn auf einen Moment die Kämpfe in Angelegenheit der Rabb'nerschule rc. aufgeben, und diese Frage einmal in Erwägung ziehen, die, wie wir glauben, ernst genug ist. Wien. Endlich haben sie ihn gesunden, den Remplacanten für den greisen Cantor Sulz er, nach welchem die Vorsteher des Tempels in der Seitenstettengasse seit zwei Jahren mit unverdrossenem Eifer und rührender Beharrlichkeit fahndeten. Endlich haben sie ihn gefunden, den Einzigen unter zw ei und sieb zig Candidaten für den curulischen Stuhl eines Vorbeters der ersten — jüdischen — Gemeinde des Reiches, welcher Gnade gefunden vor den strengkritischen und durch die meisterhafte Gesangsweise Professor Sulzer's verwöhnten Ohren der Jury. Und welch' illustrirten Namen führt der neue Cantor! Keinen anderen und keinen geringeren als Schiller. Gleich seinem großen Namensvetter Friedrich mußte er sich durch Ungemach zu Geltung und schließlichem Siege Hindurchkämpfen. Und dieser wurde ihm recht sauer gemacht. Der Candidat war vordem Cantor in — Leipnik. Aber Mutter Natur hatte ihm Stimme in die Kehle und Muth in die Brust gelegt und rasch entschloffen reiste Schiller von Leipnik nach Wien, um sich hier den Eingang ins jüd. Bethaus zu ersingen. Dreimal wurde der Leipniker Schiller ntit seinem Ansuchen, Probe singen zu dürfen, vom Vorstande glattweg abgewiesen; was konnte sich dieser auch von einem obscuren Vorbeter einer kleinen Provinzialstadt versprechen, nachdem die renommirtesten Cantoren aus aller Herren Länder für unzureichend befunden worden waren? Unser Schiller dachte sich aber: „Du mußt es viermal sagen" und wagte zum vierten Mal beu Gang zum Vorstand, wo sich folgender Dialag entspann: „Sie werden mich für zudringlich halten, meme Herren". — „Ja wohl!" — „Nun sehen Sie, ich verlange ja von Ihnen nur eine Kleinigkeit; ich will es nicht wagen, im Tempel öffentlich zu beten, mein Wunsch geht blos dahin, vor Ihnen privatim Proben meiner Gesangskunst ab zulegen und das Urtheil über meine Befähigung zum öffent uchen Auftreten in Ihre Hände zu legen." Dieser eindring lrchen Bitte konnte endlich die Jury nicht widerstehen, Schiller erhielt die gewünschte Erlaubniß. Schiller wurde in den verschiedenen rituellen Gesängen „verhört" und eroberte seine Zuhörer im Sturm. Für verflossenen Samstag war das erste öffentliche Debüt im städtischen Tempel angesetzt und der verhältnißmäßig noch jugendliche Cantor entzückte auch hier die zahlreiche Zuhörerschaft durch seine Stimme und die vollendete Technik seiner Vortragsweise. Der glückliche Sänger wurde von allen Seiten beglückwünscht und Tags darauf hatte er bereits sein Anstellungsdekret als Vorbeter des Seitenstetten-Tempels in der Tasche. Die Carriere Schiller's, des Sängers, erinnert lebhaft an jene Lewinsky's, der als armer ungekannter Schauspieler von Brünn nach Wien kam und von Dr. Laube erst nach oftmaligen Bitten und nur, um den „Zudringlichen" los zu werden, zu einer Probedeklamation zugelassen wurde. Rußland. Minsk. Streit zwischen Orthodoxen und Progreflisten! Jene wollen einen Godaul (nachdem der Kownoer Rabbiner abgelehnt, soll der Karliner Rabbtner gewählt werden) und diese eine Chorschule — für diese brauchen sie eine Synagoge und einen Kantor — kostet 2000 Rubel! Wo die Chorschule der Predigt glaubt entralhen zu können, sind unsere Sympathien auf Seiten der Orthodoxen, die m ihrer Weise das Wissen der Lehre erhalten und verbreiten! Nicht der Gesang, sondern das belehrende und belebende Wort kennzeichnet den Fortschritt und die vernünftige Umgestaltung des Cultus! Aus dem Kreise Suwalk. In der Nacht vom 12. zum 13. Juni entfloh ein jüdisches Mädchen aus dem Hause ihres Vaters, indem sie Geld und Geldeswerth im Betrage von etwa 750 Rubel mitnahm, nach dem Nonnenkloster in Kowno. Die Magd des Hauses war die Anstifterin und 42 Bauern haben der Flüchtigen helfend deigestanden. Die Magd ist von der Polizei etngezogen, das Mädchen dagegen noch im Kloster. Man ist gespannt, wie das sich weiter entwickeln wird, da auch die Katholiken nur mit Erlaubniß des Gouverneurs Proselyten aufnehmen dürfen. Amerika. Ntwyork. Bei der Eröffnung der Columbia College Law school hatte man Gelegenheit zu beobachten, wie sehr sich jüdische Studenten ausgezeichnet hatten. — Das Studium findet unter den Israeliten Amerika's immer mehr Sympathieen. So reist jetzt Herr Wolf herum, um für das Wisesche Rabbinerseminar in Cincinnati, und für den Indig. Stud. fund zu sammeln. In Newyork ist ein Legat vorhanden, von welchem ebenfalls eine Rabbinerschule zu errichten projektirt ist. Es ist nicht klug zu nennen, daß Dr. Wise seinen Aerger darüber zu erkennen giebt, denn einmal hat Amerika Juden, jüdische Gemeinden und Geld genug, um zwei Rabbinerschulen erhalten und benutzen zu können, zweitens werden die Bemühungen des Dr. Wise für Verbreitung jüdischen Wiffens die gebührende Würdigung nie verlieren und endlich kann das Judenthum in Amerika nur gewinnen, wenn zwei Schulen mit ihren Leistungen wetteifern. Es liegt uns ein Jahresbericht der Vorbereitungsschule für das Hebrew Union College vor. Er enthält eine Angabe der Verwaltungsmitglieder, der Leiter und Lehrer und Vortragenden. Dieser folgt ein historischer Rückblick auf die Entstehung der Anstalt, die anfangs ein Privatunternehmen der Herren Dr. Adler, Gottheil war, mit 18 Schülern und zwei Claffen eröffnet wurde, bald aber an Schülern zunahm, so daß eine 3. Claffe zugefügt wurde. Rev. Dr. M i e l z i n e r erhielt die unmittelbare Leitung; 6 Stunden wöchentlich, am Sonntag, Mittwoch und Samstag wurde in Bibel, Mischna und Talmud unterrichtet. Im Sommer 1878 wurde in der Vereinigung zu Milwaukee eine Verbindung mit der Anstalt zu Cincinnati beschloffen und ausgeführt. Im Jahre 1879 ist sie nun als Vorbereitungsschule unter den Auspicien des Gemeindebundes fest gegründet worden, und erhielt eine Unterstützung von 1500 Pfo. Sterling auf zwei Jahre, das andere bestreitet der Lrnanu-Ll-Theologische Verein. Im September 1879 trat Mr. Schnabel an Mielziner's Stelle. Der Unterricht ist unentgeltlich. Der Bericht enthält dann noch eine Darstellung des Lehrpensums pro 1879/80.

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