Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 33. (11.8.1880)
- Date
- 1880-08-11
- Page
- Seite 284 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 284 — Berlin. Die hier erscheinende ultramontan-reactionäre „Deutsche Landesztg." schreibt: „Eine Petition, gerichtet an den Reichstag, Bundesrath und Reichskanzler, circulirt jetzt in den hiesigen Kreisen, in welcher darum gebeten wird, auf gesetzlichem Wege die übermäßige Einwanderung der Juden in Deutschland zu inhibiren. In dem kurz gehaltenen Schriftstück wird durch statistische Angaben darauf hingewiesen, daß, während andere Staaten dahin bestrebt sind, eine Vermehrung der jüdischen Bevölkerung, namentlich auf dem Wege der Einwanderung zu inhibiren (das Blatt denkt wohl an mittelalterliche Bestimmungen, oder an „Rumänien." Rd.), man in Deutschland, welches ohnehin schon von Juden mehr als andere Staaten bevölkert sei, förmlich bemüht. sei, die Einwanderung der Juden zu fördern (wodurch?), mindestens sie zu erleichtern; dies geschehe aber unbestritten auf Kosten der Bevölkerung germanischer Race. Die Petition findet zahlreiche Unterschriften, und sogar in Keisen, wo man dies bisher nicht erwartet hatte. Wir bemerken noch ausdrücklich, daß die Anregung hierzu nicht von der Partei des Herrn Stöcker ausgegangen ist (wer's glaubt! Rd.), sondern einer ganz anderen Parteirichtung entspringt und auch dort den bereits erwähnten Anklang findet. Man hat die Absicht, das Sammeln von Unterschriften für diese Petition vor Ende September nicht zu schließen". (Wenn sie nicht besser moti' virt, als in diesem Zeitungsbericht, so werden die Petenten damit nicht viel Glück haben. Wie kommen übrigens die Ber lin er Judenhasssr dazu, im Namen von ganz Deutschland zu reden? Rd.) Coburg. Wie der Vorsteher der jüd. Gemeinde zu Coburg, Herr I. Masur, in der „A. Z. d. I." mittheilt, hat der herzogl.-sächsische Kammerherr Freiherr von Rast ein Capital von mehr als 40,000 Gulden zu einem Gewerbestipendium bestimmt, für dessen Zinsen der Magistrat alljährlich „Söhne unbemittelter Eltern, welche sich einem Handwerks- oder Fabrikationszweige, nicht aber dem Künstlerstande, widmen wollen, bei tüchtigen Lehrherrn unterzubringen und das Lehrgeld zu zahlen hat. Lehrlinge mit guten Zeugnissen von ihrem Lehrherrn sollen beim Austritt 10 Gulden Weggeld erhalten." Nach § 6 sollen zwei Drittel der zu vertheilenden Summe auf Protestanten, ein Drittel auf Israeliten verwendet werden. Die Lehrlinge können aus allen deutschen Staaten sein, mit Ausnahme Bayerns, (für welches der edle Stifter besonders gesorgt hat). In einem Nachtrage ist bestimmt, daß junge Leute, welche die Kaufmannschaft erlernen oder sich der Pharmacie widmen, von der Stiftung nicht unterstützt werden sollen, daß dagegen „bei Zureichenheit der Mittel auch Maler, Bildhauer und Architekten, wenn diese auf Academien genügende Vorkenntnisse erlangt haben, Reisestipendien von je 200 Gulden jährlich ausgezahlt erhalten sollen, so jedoch, daß in keinem Jahre mehr als zwei Künstler und kein Künstler öfters als zwei Jahre das Stipendium genießen soll. In Art. 4 bestimmt er noch einmal, daß für Protestanten, 1/3 für Israeliten verwendet werden soll. Von dieser Stiftung ist von Juden bislang fast gar kein Gebrauch gemacht worben, wahrscheinlich weil sie in den jüd. Gemeinden nicht bekannt ist.*) Vielleicht lenkt diese Mittheilung die Aufmerksamkeit von Vorständen, Vormündern, Rabbinern und Lehrern auf diese Stipendien hin. Zur Erlangung eines solchen ist neben der ortsamtlichen Bestätigung der Bedürftigkeit, nur noch Schulzeugniß, Führungsattest und ein Lehrcontract, in welchem das Lehrgeld genau festgesetzt ist, nöthig. Die Einsendung des Gesuchs hat an den „Magistrat der Stadt Coburg" zu erfolgen. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit noch einer andern Stiftung des hochherzigen Freiherrn v. Rast, wonach 10 Betten im Coburger Landkrankenhause „für fünf kranke Männer *) Der Grund liegt wohl darin, daß die betr. Stiftungsverwalter nicht für Bekanntmachung durch jüdische Blätter Sorge tragen. — Auch der Michael-Beer'sche Preis zu Berlin für jüd. Künstler fand (wohl aus demselbm Grunde) in diesem Jahre keinen einzigen Bewerber, wie eS in dem am 3. August «-gestatteten Berichte hieß. (Rd.) und fünf kranke Frauen in der Weise bestimmt sind, daß je drei Protestanten und je zwei Israeliten von beiden Geschlechtern darin ausschließliche Aufnahme und Pflege finden müssen." — „Sollte sich au israelitischen Männern und Frauen nicht immer die erforderliche Anzahl finden, so dürfen die für Israeliten bestimmten Betten ausnahmsweise auch für Protestanten benutzt werden, jedoch so, daß keineswegs und zu keiner Zeit die Abweisung von Israeliten erfolgen darf." Frankfurt a. M. Am 13. d. M. starb nach kurzem Krankenlager an den Folgen einer Lungenentzündung Herr Dr. med, Arnold Beer von hier im kaum vollendeten 45. Lebensjahre Voll Gram und Schmerz um den Verlust semes vor etwa vier Monaten plötzlich dahingerafflen einzigen jüngeren Bruders, als in der Finanzwelt bekannten und geachteten Herrn Julius Beer in London, hatte er sich zu seiner Erholung nach Paris begeben, wo ein leider allzufrüher Tod auch ihn ereilte. Seine große Befähigung auf dem Gebiete medizinischen Wissens bekundete der Verstorbene als Mitarbeiter mehrerer medizinischer Zeitschriften in verschiedenen Abhandlungen. Nachdem er einige Jahre in seiner Vaterstadt den Beruf eines praktischen Arztes ausgeübt hatte, wendete er sich dem Lehrstule zu und bekleidete eine Zeit lang die Stelle eines Docenten an der Tübinger Hochschule. Von hier begab er sich nach London, wo er sich ausschließlich mit schriftstellerischen Arbeiten beschäftigte. Seine bei Brockhaus in Leipzig erschienenen Tragödien „Andrea del Castagno", „Simon von Montfort", „Phaeton", „Maria von Ungarn", „Hypatia", „Rama, ein dramatisches Poem in 5 Akten", geben Zeugniß von der hohen poetischen Begabung des Verfassers. Ein gemeinsames Denkmal deckt nun die im Leben wie im Tode eng verbundenen Brüder, deren große Geistesuno Herzensvorzüge von ihren zahlreichen Freunden stets anerkannt und gewürdigt wurden. Aus dem Reg.-Bez. Cassel. An dem gehaltvollen Vortrage, welchen Herr Landrabbiner Dr Adler Cassel auf unserer Jahresversammlung hielt, gefiel mir u. A. etwas, das im Conferenzberichte unerwähnt blieb, aber doch sehr erwähnenswerth ist. Der geschätzte Redner nannte nämlich diese Zeit, in welcher sich die fanatische Orthodoxie breit zu machen sucht, (Hr. Dr. Adler dachte wohl ganz besonders an einen bekannten Rabbinatssprengel im Cassel'schen) eine Durchgangsperiode «.empfahl denLehrern:Characterstärke. Jacher Lehrer müfie ein Character sein, so ungefähr äußerte der Herr Landrab. Er könne sich unmöglich den religiösen Ansichten des Rabbiners beugen, wenn sie nicht mit den seinigen übereinstimmen, müfie vielmehr nach seiner eigener Ueberzeugung handeln — denn „Religion ist Herzenssache." Ein stürmischer Beifall, der diesen herzlichen, schönen Worten folgte, bewies zur Genüge, wie sehr unser verehrter Herr Landrabbiner uns aus der Seele gesprochen. — Jüngst feierte in dem benachbarten Städtchen Rodenberg der dasige Bürgermeister sein Amtsjubiläum, wobei ihm vom Bürgerausschuß-Vorsteher A. Luß daselbst (Israelit) mit einer schönen Ansprache das Geschenk der Stadt überreicht wurde. — In demselben Städtchen ist der Kaufmann Louis Bonwitt zum Mitgliede des Stadtraths und im vorigen Jahre als Vertreter des Schiedsmanns gewählt worden. In dem Badeorte Neundorf ist das Amt eines Schiedsmannes dem jüd. Kaufmanns Apoland übertragen. — Auch im hiesigen Städtchen sitzt nun zum ersten Male ein Jude im Bürgerausschuß. Was wohl Stöcker und Genossen zu all Diesem sagen! Mährend der in voriger Woche in R i n t e l n stattgehabten Jahresversammlung des „Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde" war der Ausstellungsfaal mit den Bildnifien derjenigen berühmten Männer geziert, welche aus unserem Kreise stammen. Dabei fehlte auch das Bild des Dichters und Schriftstellers Julius Rodenberg nicht.*) *) Wir möchten bei dieser Gelegenheit Herrn Rodenberg mit Bez ug auf seinen Art. im Augustheste der „Deutsche Rundschau" Seite 281 fragen, in welchem täglichen Gebete des jüdischen Alterthums oder der Neu-