Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 32. (4.8.1880)
- Date
- 1880-08-04
- Page
- Seite 278 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 278 die confessionslos aufwachsenden Kinder auch dem Judenthume nicht. Die Schowuaus-Zelt war die Zeit derConfirmationen. Von allen größeren Orten laufen die Festberichte ein und einen besonders eingehenden bringt der „American Jsraelite" über die von Dr. Wise in Cincinnati abgehaltene. Wie der Americaner practisch ist, so zeigt sich auch in den dortigen Eonfirmationssitten ein practisches Geschick, feierliche Gottesdienste einzurichten. Feierlichkeit ist aber noch nicht Innerlichkeit und Wahrhaftigkeit. Diese Bemerkung drängt sich uns bei dem Bekenntniffe auf, daß die Wise'- schen Constrmanden zu sprechen hatten. Abgesehen davon, daß es geradezu eine Unwahrheit ist, den Kindern und dem Publikum zu sagen, der Confirmationstag wäre für sie ein Tag eines Aufsichnehmens der Religion, denn nach jüdischem Gesetze übernimmt die Jugend vor abgeschlostenem 14. Jahre die religiöse Verpflichtung, so scheint es geradezu ein Bruch mit der gesammten rabbinischen d. h. traditionellen Entwickelung und Verpflichtung, wenn die Confirmanden sich zu der Lehre bekennen, die MoseS und die Propheten aufgestellt haben. Die Weglaffung der mündlichen Ueberlieferung ist hier eine auffallende und die Absichtlichkeit derselben wohl kaum zu verkennen. Solche Conftrmationen sind feierlich aber auch gefährlich. Die religiöse Wahrheit wird dadurch nur verhüllt. — Am 12. Juli sollte dieVersammlungdesrabbin.ischen Literaturvereins flattfinden. Die angemeldeten Vorträge waren: Begrüßung (Dr. Lilienthal), Altes und neues Judenthum (Dr. Köhler), Pädagogik in den Sabbathschulen (Dr. Mielziner), Das Gesetz (Dr. Wise), die Stellung der Juden im 19. Jahundert (Ellinger), die jüdische Teologie in der Zeit des Kriticismus (Hahn), Lobrede auf den verstorbenen Dr. Einhorn (Zirndorf), Schlußwort (Dr. Hirsch). Die Verwaltung des H. U. College in Cincinnati hat seinen Jahresbericht veröffentlicht. Aus demselben geht hervor, daß im Laufe des vergangenen Schuljahres jüdische Geschichte, Talmud mit Raschi und Tosefoth, Mischnah, Rambam, Schulchan Aruch, Hermeneutik, Exegese, Philosophie (Moreh u. s. w.), hebräische und aramäische Grammatik gelehrt worden ist. Die Bibliothek besteht aus 3000 Bänden. — Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Bei der vor. Woche auf dem jüdischen Friedhofe stattgehabten Beerdigung der Frau Geh. Commerzienrath Marianne Mendelssohn ehrte die Kaiserin die Verstorbene durch die Entsendung eines Galawagens, welcher dem Sarge folgte. Hannover. Der in Rakel zum Rabbiner gewählte Dr. Prager wäre vielleicht unserer Religionsschule erhalten geblieben, wenn seinem Wunsche ihm hier eine vom Rabbinate unabhängige Stelle, sei es als Director der Religionsschule oder des Lehrerseminars, zu gewähren, in Erfüllung gegangen wäre. In der Gemeinde wird der Fortgang Pragers, der die Religionsschule in guten Zug gebracht hatte, allgemein bedauert. Schleusingen, im Juli. Auf dem israelitischen Friedhofe sind zur Nachtzeit wiederholt, zuletzt 11 Stück. Grabdenkmäler gewaltsam umgeworfen und theilweise zertrümmert worden. Die hiesige Polizeiverwaltung setzt auf die Entdeckung der Frevler eine Belohnung bis zu 50 M. Bromberg. Für die hiesige zweite Predigerstelle hat die Gemeinde Herrn Dr. Theodor aus Königsberg gewählt. Sohrau, O/S. (Verspätet.) Am 11. Thamus hielt der Krankenpflege- und Leichenbestattungsverein unserer Gemeinde wie alljährlich den üblichen Bet- und Bußtag ab. Vereins¬ und Gemeindemitglieder begaben sich des Morgens auf den Friedhof, woselbst der Cantor ein angemeffenes hebräisches Gebet recitirte. Hierauf würdigte unser Rabbiner, Herr Dr. Deutsch, eingehend die hohen Vorzüge Adolph Crömieux'. An« knüpfend an Cant I, 5b entrollte er ein anschauliches Lebensbild, von dem sich Cr6mieux der hochherzige, glaubenseifrige Israelit und Crämieux der hochbegabte, opferfreudige Beförderer der Humanität und Civilisation, der begeisternde Schöpfer und Begründer des Welt- und Friedensbundes B'-QPJ ^2lichtvoll abhob. Am Schluffe seiner Gedächtnißrede wies er auf die Crsmieux-Stiftung hin, deren Tendenz er den Zuhörern an's Herz legte. Auf diese Anregung hin veranstaltete der Vorstand eine Sammlung unter den Gemeindemitgliedern, welche im Laufe weniger Stunden die Summe von etwa 60 Mark ergab. - Lemberg. Am 23. Juni wurde Herr Maier Mieses, bisheriger Vorsteher des Cultusrathes, aus Anlaß seines 80. Geburtstages zum Ehrenmitgliede der Gemeinde ernannt. Daß sonstige Ovationen nicht gefehlt haben, ist selbstverständlich. Paris. Ein vor mehreren Jahren verstorbener Herr Jurist, batte seinem Bruder 200,000 Frcs. hinterlaffen, welche nach deffen Tode zur Hälfte dem Pariser und zur andern dem Metzer Consistorium zufallen sollten. Seit Beginn dieses Monates ist das hiesige Consistorium, nach Eintreten jenes Falles, in den Besitz des Legates gelangt. (Un. Jsr.) Paris. Herr Moritz Vernes giebt eine zweimonatlich erscheinende Revue für Geschichte der Religionen heraus. Judenthum und Christenthum will ver Herausgeber behandeln. Paris. Herr Ch. Krauß will eine Denkmünze mit Crsmieux's Bild schlagen laffen und versendet Circulare, um Beiheiligung zu erlangen. (Un. Jsr.) In Manchester soll als Prediger Herr Dr. Salomon aus Kopenhagen angestellt werden, der am 19. Juni in der deutschen Synagoge mit großem Beifall gepredigt hat. Madrid. Religiöser Jndifferentismus und Unkenntniß der Religionsgesetze und Lehren verhinoern die Bildung einer jüd. Gemeinde Hierselbst mehr, als die Staalsgesetze und die Erinnerung an die Verfolgungen des Mittelalters. Würde ein bedeutender Jude sich an die Spitze stellen, dann würde das kalt acompli selbst von der Regierung unbeanstandet bleiben. Die Synagoge dürfte nur nach Außen nicht als solche gekennzeichnet sein. Feuilleton. Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehuugszeit des Chassidismus. Sine wahre Geschichte aus der zweite« Halste des 18. Jahrhunderts von A. S. Weißmann. 9. Unter Curatel. Es war Mittag vorüber. In Bescht's Klaus wurde eben das Morgengebet beendigt. Der Schöpfer des Chassidismus hatte, wie in Allem, auch beim Beten die Unregelmäßigkeit zur Regel gemacht und die Unordnung zur Ordnung erhoben, und so wurde auch beim Beten die vorgeschriebene Zeit nicht eingehalten. Noch heute sieht man sehr oft die Chaffidim das Morgengebet am Abend und das Abendgebet am Morgen verrichten. Bescht spazierte noch im Schnellschritt die Klause auf und ab mit den Fingern schnallend, „bababa“ und „mamama“ vor sich trillernd, in Äoetnn (Gehirnthätigkeit) vertieft, und Chaim äffte es ihm in einen Winkel nach, ihm fehlte die Lebhaftigkeit und Beweglichkeit. Die Meisten hatten die Klaus schon verlaffen. Ais sie an der Küche, die Ester's Wohnstube war, vorbeigingen, fiel es ihnen auf, daß die Fensterläden in so später Stunde noh geschlossen waren, und sie stürzten allesammt in die Klaus zurück, um die Neuigkeit zu melden. Jeder wollte sie zuerst melden. Chaim wurde einigermaßen bestürzt, die Nachricht kam ihm unerwartet. Bescht aber blieb nur bedenklich stehen. „Sie hat vielleicht sich und den Kindern ein Leid angethan", flüsterte Chaim dem Bescht zu, ihn hastig mit sich reißend. „Ich glaub's nicht; aber allerdings