Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 32. (4.8.1880)
- Date
- 1880-08-04
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 279 — wird man, wenn die Thür nicht von Innen geöffnet wird, sie von außen öffnen lassen müssen." Die Thür wurde eingebrochen, aber weder von Ester, noch von den Kindern war eine Spur vorhanden. Alle sahen sich mit großen Augen an. Bescht aber führte Chaim mit sich in einen Winkel und fragte ihn: „Wo befindet sich dein Baaraeld?" „In der Kaffe beim Geschäftsführer Samuely." „Wie hoch beläuft es sich?" „Ich glaube so auf die 4000 Dukaten." „Und so viel Geld ließest du in fremder Hand?" „Ich glaube es dort sicherer." Bescht biß sich in die Lippen. „Nun, so gehe hin, ich glaube es wird mitgegangen sein." „Unmöglich." „In wenigen Minuten später wirst du anders reden." Chaim eilte sofort zu seinem Geschäftsführer, den er in der Schreibstube beschäftigt fand. Der Grußaustausch wurde hastig gewechselt. Man konnte es auch Samuely ansehen, daß ihm dieser Besuch nicht sehr angenehm war. „Ist etwas Geld da in der Kaffe?" fragte Chaim ohne jede Einleitung. „Vorige Woche waren 3676 Dukaten, wie Sie wissen. Da wir jedoch seit einiger Zeit keine Einkäufe machen, die Vorräthe aber an den Mann bringen, so ist der Baarvorrath diese Woche bis auf 5000 gestiegen", erwiderte der Geschäftsführer, nicht ohne Mühe sein peinliches Gefühl verbergend. Chaim war zu aufgeregt, um es bemerken zu können; er athmete daher froh auf. Ein Alp war ihm vom Herzen gefallen. Also das Geld war da. Er wurde in seinem Zutrauen zu Herrn Samuely jetzt nur noch mehr bestärkt. Um aber auch Bescht von dessen Redlichkeit zu überzeugen, gedachte er blos mit 1000 Dukaten die Kasse zu schwächen, das ganze Geld noch Hause zu bringen, schien ihm in der That sehr unthunlich; die hübsche Sara könnte vielleicht noch einen Appetit nach Dukaten verspüren. „Sie werden mir 1000 Dukaten geben", sagte er zu Samuely. Dieser räusperte sich, bis er seinem langjährigen Chef antworten konnte: „Ich darf Ihnen kein Geld geben." „Wie? was? Sie dürfen nicht?" rief Chaim ganz wild. „Setzen Sie sich, lieber R. Chaim, und hören Sie", suchte Samuely ihn zu beschwichtigen. „Was sitzen? was hören? das Geld will ich, das ganze Geld! hören Sie! und das sofort!" „Sie ereifern sich umsonst, ich kann Ihnen blos einen Dukaten pro Woche geben, sonst Nichts." „Das Geld her, die Schlüssel her, von jetzt an sind Sie entlaffen!" „Was nützt Ihnen das Alles. Sie sind einmal nicht mehr Herr Ihrer selbst. Sie stehen unter Curatel des Herrn Abraham Lippschütz und Ihrer Frau. Wenn Sie Geld haben wollen, müssen Sie sich an diese wenden. Ich, wie gesagt, habe nur die Machtvollkommenheit, Ihnen einen Dukaten wöchentlich auszufolgen." Die gelassene und unerschrockene Antwort des Herrn Samuely benahm Chaims Wuth die Tollheit. „Ich will von Nichts wissen, ich will nur mein Geld haben, sonst fordern Sie meinen Zorn heraus", sagte Chaim und ließ sich auf einen Stuhl nieder, seine schlotternden Füße versagten ihm den Dienst. „Sehen Sie, so thuen Sie gut", sagte hierauf Samely, „mäßigen Sie sich und hören Sie mich an." „Mir fehlt die Geduld, Sie zu hören; das Geld, sage ich!" schrie Chaim aufspringend und die Faust ballend. „Sie geberden sich in der That wie ein Wahnsinniger. Es ist also vollkommen gerecht gehandelt, wenn man Sie als leichtsinnigen unzurechnungsfähigen Menschen unter Curatel gestellt hat", sagte Samuely ganz gelassen. „Ich gehe zur Herrschaft und Sie sollen es schwer büßen!" drohte Chaim mit zitternder Hand. „Die Herrschaft war es ja eben, die diesen Akt so schleunig durchführen ließ", warf Samuely ganz ruhig ein. „Unmöglich." „Leider eine traurige Thatsache." — Chaim starrte vor sich einige Augenblicke hin, dann verließ er die Schreibstube, blieb aber vor der Thüre stehen, überlegte wenige Minuten, kehrte wieder zurück und fragte: „Und Ester?" „Wohnt bei Herrn Lippschütz auf dem Stocke." „Und was bedeuten diese vielen Briefe, die hier auf dem Tische liegen?" „Das sind Rundschreiben an unsere Commitenten. Geschäftsfteunde und Herrschaften, mit denen wir in Geschäftsverbindung stehen und denen wir vom Vorfall Anzeige machen." „Und das sagen Sie mir so ruhig, mit so kaltem Blute?" „Soll ich Ihnen die Wahrheit verleugnen?" „Ich weiß es nur zu gut, wer! es mir zugefügt hat, Niemand anders, als diese Morenu's,! aber sie sollen meine Rache fühlen!" sagte Chaim in einem! Tone der Verzweiflung und Wuth — und schwankte zur! Thür hinaus.; 10. Entlarvt. I Es ist Samstag Nachmittags. In Bescht's Klaus ging! es geräuschvoll zu. Sein Ruf als Wunderthäter hatte bereits - eine bedeutend große Anzahl Bewunderer aus den verschie-! densten und fernsten Gegenden herbeigelockt. Man war eben j vollauf beschäftigt, dem Sabbathmahle Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Bescht und Chaim führten den Vorsitz; zu Chaims J Rechten prangte die Mathronita Sara in Esters Schmuck und j ifc gegenüber saß ihre männliche Hälfte, Leib. Man aß, i zechte, sang und sprang in der lustigsten und ausgelassensten I Weise. Die Kemirot (fromme Tischlieder) wurden mit zigeu- , nerischen, masurischen und moskowitischen Melodien gesungen > und dabei jene Nationaltänze ausgeführt. Mit einem Male! wurde diese fröhliche Gesellschaft überrascht. Die Spitzen der! Gemeinde und alles, was un jüdischen Viertel lebte und webte,! bewegte sich dahin und drängte in die Klaus ein. Der Raum! war zu eng, alle die Menschen aufzunehmen, Thüren und Fenster wurden daher weit geöffnet, und wer nicht in's Innere gelangen konnte, drängte sich an diese. Der Tisch wurde aufgehoben und die lustige Gesellschaft that sich in einem Winkel zusammen. Nachdem der Schuldiener Stille geboten, trat i Rabbiner Beer in die Mitte der Klaus; seine schlanke Gestalt j überragte die aller Anwesenden. Nachdem er die Versammlung übersehen und mit einem prüfenden Blick gemustert hatte, richtete er an sie folgende Ansprache, die anfangs leise, wenn auch deutlich vernehmbar, im Redestrom aber Heller und volltönender erklang. „Die Kinder Israels hatten eben erst den geläuterten Gottesbegriff und die menschenveredelnde Gesetzgebung am Sinai empfangen, als ein Mann auftrat, der sich in seinem leidenschaftlichen Ehrgeize beleidigt und zurückgesetzt glaubte. Ein Mann, der der Frömmste der Frommen zu sein vermeinte und Aron nicht für würdig genug hielt, die Hohepriesterwürde zu bekleiden, er glaubte sich dem widersetzen zu müssen. Er suchte einen Anhang und fand eine Rotte, an deren Spitze sich zwei verwegene Männer stellten, die zu Allem fähig waren. Es waren dies Dathan und Abiram. Der Vornehmste der Propheten, der Bescheidenste aller Menschen, aber der Stolz der Menschheit: Moses, er wußte am Besten, daß die kleinste Ursache die schwersten Folgen nach sich ziehen könne, und gab sich daher Mühe, diese Parteiung im Keime zu ersticken. Um den Frieden in der Gemeinde zu erhalten, war er bestrebt, die friedlichsten Mittel anzuwenden. Er lud zu diesem Zwecke Dathan und Abiram zu sich. Diese aber schoben ihm herrschsüchtige Motive unter und weigerten sich, zu ihm zu kommen. Moses aber, dem der innere Friede über Alles ging, sah davon ab, daß er der Führer des ganzen Volkes war; er ging selbst zu Dathan und Abiram und ihm folgten die Aelteften Israels. So betreten auch wir jetzt den Pfad unseres großen Meisters, wenn auch wir vor die Dathan und Abiram unserer Gemeinde treten." „Verstummen sollen die Lügenlippen, die Freches reden wider den Gerechten mit Hochmuth und Verachtung," erscholl in diesem Augenblicke eme Stimme im soharistischen Galimathias, ohne daß man den Sprecher wahrnehmen konnte. Alle Anwesenden sahen erstaunt, manche sogar verblüfft um sich. Rabbiner Beer war aber diesmal garnicht verlegen und verstand es, die Versammlung aus ihrem Staunen zu reißen. „Reb Urisch," befahl er, „Reb Urisch, treten Sie vor jenen Mann, den Comödianten, von dem Sie diese Tausendkünstlerei schon seit lange her kennen, der sich mit diesem Stückchen um wenige Pfennige vor den Bauersleuten zu produciren pflegte und von dem Sie es wissen, daß er den Tod seiner Mutter durch einen freventlichen Fußtritt herbeiführte, und ich will hoffen, er wird dieses Kunststückchen, das nur Bauchrednerei ist, nicht wiederholen." Urisch trat hart vor Bescht und man konnte merklich wahrnehmen, wie dieser erblaßte. (Forts, f.)