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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-08-04 · N° 32. (4.8.1880) · p. Seite 276

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 32. (4.8.1880)
Date
1880-08-04
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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— 276 gogenverbands doch selbst gern Gemeinde Vorstand spielen und hat schon vor Jahren diesen Titel beansprucht, ist indessen mit diesem Ansprüche vom Senate abgewiesen worden. Bildet sich aber eine neue Synagoge und beabsichtigt diese, einige zeitgemäße Reformen des Gottesdienstes einzuführen; so wird über eine Trennung von der Gemeinde geschimpft, obschon der Cultus nicht zur Verwaltung der Gemeinde gehört und an eine Trennung vom Synagogenverbande selbst nicht einmal gedacht wird. Nicolai, O/Schl. (Unliebsam verspätet.) Am 19. Juni endete nach längeren, schweren Leiden der Tod vorzeitig das Leben eines unserer geartetsten Bürger und unserer würdigsten Glaubensgenoffen. Herr Lazarus K i r s ch n e r. der durch Intelligenz, Klugheit. Herzensgüte, Friedensliebe, Ehrenhaftigkeit, ächt jüdischen Sinn und wahrhaft religiöse Wärme sich rühmlich auszeichnete, schied im Alter von etwa 60 Jahren viel zu früh für seine Angehörigen und die reiche Schaar seiner Freunde und Gönner, deren er viele in der Nähe und Ferne hatte. Der würdige Sohn hochachtbarer, äußerst frommer Eltern wußte er talmudisches und rabbinisches Wiffen mit moderner Bildung harmonisch zu verschmelzen. Das Vertrauen seiner Bürger und Glaubensgenoffen übertrug ihm seit Jahren allerlei Ehrenämter. Er war in der Eigenschaft eines Stadtverordneten, Repräsentanten und Vorstehers der Synagogengemeinde viele Jahre hindurch mit bestem Erfolge thätig. Mit wahrer Hochherzigkeit und opferfreudiger Hingebung förderte er in Vereinen und außerhalb derselben alle Bestrebungen, welche auf humane Zwecke und Linderung der Roth gerichtet waren. Die Armen, die Wittwen und die Waisen verlieren in ihm einen klugen Berather, einen einflußreichen Beschützer und väterlichen Freund. In jeder Verlegenheit und kritischen Situation suchte und fand man Rath und Hilfe bei Lazarus Kirschner. Er wußte sich auch bei sonst verstockten Ohren Gehör zu verschaffen und wo er mit eigenen Händen nicht Helsen konnte, wußte er Andere zum Helfen zu veranlaffen, so daß man von ihm mit Fug und Recht behaupten kann: nwwN p inr ntSWön Unsere wegen ihrer widerhaarigen, streitsüchtigen Elemente arg beleumundete Gemeinde fand oft einen natürlichen Damm an der Friedensliebe seines allen Guten und Edlen warm und verständnißinnig entgegenschlagenden Herzens. Von der hohen Achtung, deren sich der Verblichene in den weitesten Kreisen zu erfreuen hatte, legte das stattliche Leichengefolge am 21. Juni glänzendes Zeugniß ab. Aus der Nähe und Ferne eilten viele Glaubensgenossen herbei, die Spitzen der Behörden und städtischen Collegien ließen es sich nicht nehmen, dem Tobten die letzte Ehre zu erweisen. Die Tragweite des schmerzlichen Verlustes, der hier mit den Angehörigen zugleich die größere Gesammtheit betroffen, würdigten in längeren Reden der ältere Bruder des Verstorbenen, Herr S. H. Kirschner aus Loslau und die HH. Rabbiner vvr. Cohn aus Kattowitz und Rosenthal aus Beuthen, O/S. Er ruhe sanft und in Frieden m"S£3n. Leipzig. Die seit Jahrzehnten in den meisten israelitischen Religions-Gemeinden discutirte, gegenwärtig wieder mit so großer Lebhaftgkeit sich in den Vordergrund drängende Frage bezüglich der Einführung eines geregeltenGemeindegesanges, beabsichtigen die Herren Cantoren Liebling und I a c o b s o n der Lösung entgegenzuführen durch Herausgabe eines sehr practisch eingerichteten „israelitschen Schul- und Gemeindegesangbuches" zum Gebrauche beim Unterrichte in der Liturgie und beim öffentlichen Gottesdienste. Dasselbe enthüllt in drei Abtheilungen den liturgischen, meist traditionellen Gesangsstoff für das ganze jüdische Kalenderjahr, fast durchgehends einstimmig bearbeitet, und zwar: 1) für Sabbath (Freitag Adend- und Sabbath Morgen-Gottesdienst), 2) für Peffach, Schabuoth und Succoth, 3) für die hohen Feste: Rosch haschanah und Jom kippur; außerdem eine reichhaltige Sammlung von deutschen Gesängen (Predigtliedern) für die aä I—III bezeichnten Gottesdienste sowohl, als auch für sonstige feierliche Anlässe. — Das Unternehmen, die traditionellen Gesangsweisen, wie sie Jahrhunderte lang in der Synagoge üblich und die gleichsam mit dem hebräischen Texte unserer erhabenen Gebete verwachsen sind, besonders sorgfältig zu pflegen, um diesen musikalischen Schatz, der unserer Heranwachsenden Jugend unbekannt und der gegenwärtigen Generation immer fremder wird, zu erhalten, verdient entgegenkommende Förderung. Trotz der Reichhaltigkeit des Stoffes und der sehr beträchtlichen Herstellungskosten, wird der Preis des Buches 2 Mark (bei Partieenabnahme entsprechender Rabatt) nicht überschreiten, um dadurch die Einführung desselben in Synagogen und Schulen, selbst kleinerer Gemeinden, zu ermöglichen.*) Cöln, 21. Juli. Die Lehranstalten unserer Stadt haben in diesem Etalsjahre folgenden Besuch zu verzeichnen: 1 . Die Volksschulen: 10866 Kinder; 9342 katholische. 1211 evangelisch und 313 israelitische; 2) Die Nachhülfeschulen : 773 Kinder; 639 katholische, 112 evangelische und 22 israelitische. 3) Die Privatschulen; a. Mädchenschulen 860 Schülerinnen, 424 katholische, 346 evangelische uno 90 israelitische; d. Knabenschulen 118 Schüler, 53 katholische, 52 evangelische und 13 israelitische. 4) Die Taubstummenschule 48 Knaben und 33 Mädchen; zusammen 81 Kinder, 67 katholische, 13 evangelische und 1 israelitisches. 5) Die höheren Anstalten 3355 Zöglinge; 2232 katholische, 812 evangelische und 311 israelitische. Es entfallen demnach (die Nachhülfeschule abgerechnet) auf die Volksschulen: Kalb. Evang. Jir. 83.5°/« 12.9°/o 1.8°,. auf die höheren Schulen 66,5°/o 24,2°/, 9,2°/, Fürth. Die Collatur der diesigen „Gabriel Rießer'schen Stipendien-Stiftung" veröffentlicht einen Bericht über die letzten 2 Jahre ihrer Wirksamkeit, dem wir Folgendes entnehmen: Die Stiftung ist bekanntlich im Jahre 1866 von einer Anzahl von Freunden Rießer's (gest. 22. April 1863) gegründet worden. „Man hielt es für eine Ehrenpflicht, das Andenken des Mannes durch eine Stiftung zu ehren, der, wie kein zweiter, die Forderung auf die uns Jahrhunderte lang schnöde versagte bürgerliche Gleichstellung uns uno unseren Gegnern gegenüber zum beredten und kräftigen Ausdruck brachte, und dessen ganzes Leben eine fortgesetzte Demonstration dafür gewesen ist, daß unser religiöses Bekennlniß nicht zum Vorwände für die Nerkümmerung unserer staatsbürgerlichen Rechte genommen werden dürfe, und daß die Annahme eines fremden, nur um äußerer Vortheile willen erheuchelten Bekenntnisses eine ehrlose Handlung sei. Daß man gerade in Fürth eine besondere Rießer-Stiftung errichtete, hat seinen Grund darin, daß in Fürth die Mutter Rießers beerdigt liegt, zwei Schwestern Rleßers in Fürth wohnten, und in der Gemeinde Fürth, seinerzeit der Vorkämpferin für die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Bayern, verhältnißmäßig mehr persönliche Freunde und Verehrer Gabriel Rießers lebten, als irgendwo anders. Eine Stipendien-Stiftung wurde um deswillen gewählt, weil die Beförderung des Studiums dem Judenthume nur zur Ehre gereichen konnte, und der Bekenner der jüdischen Religion seines Bekenntnisses halber von den meisten specifisch confeffionellen Stiftungen ausgeschlossen war, ohne daß besondere, nur für Juden zugängliche, ausgiebige Stipendien- Stiftungen ein Aequivalent boten. Die Stiftung begann mit sehr kleinen Mitteln; es wurden aus der hiesigen Gemeinde nur 800 Gulden GründungScapital und nicht ganz 100 Gulden Jahresbeiträge aufgebracht. Nach dem vorliegenden „Abschluß" beträgt das Gesammtvermögen 10,144,91 M. Mehrere ungenannte Fürther Gemeindemitglieder haben 1040,50 M. zum Grundvermögen der Stiftung überreicht; ferner haben Legate und Geschenke zukommen lassen: Herr *) Bestellungen wolle man rechtzeitig an B. Jacobson, in Leipzig (Canalstraße 6) richten.

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