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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-08-04 · N° 32. (4.8.1880) · p. Seite 275

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 32. (4.8.1880)
Date
1880-08-04
Page
Seite 275 (sequence 3)
Language
German
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— 275 — furchtsvoll die Gebete verrichten und mit Herzinnigkeit in die Responsen, Psalmen und Hymnen einstimmen müssen. Ich empfehle ebenso warm, daß Anordnungen getroffen werden mögen, um in allen unseren Synagogen eine regelmäßige Kanzelbelehrung zu schaffen, daß ferner die Prediger den Vortrag von moralischen Belehrungen mit Erklärungen der Grund» sätze und Pflichten unserer Religion und mit Auslegungen der heiligen Schrift abwechseln laffen. Und dies als obersten Grundsatz: Jeder Synagogenbesucher möge wohl bedenken, daß seine Anwesenheit beim öffentlichen Gottesdienste nicht die Hauptsumma seiner religiösen Pflichten ausmacht, daß sie vielmehr nur als ein Mittel zu einem Zwecke dienen soll, daß sie in ihr eine standhaftere Anhänglichkeit an unsere heilige Religion, einen glühenderen Wunsch, ihre Vorschriften zu erfüllen, einen ernsteren Entschluß mit ihren erhabenen Lehren in Uebereinstimmung zu leben, herbeiführe. Möge der Herr in seiner Huld und Gnade »unsere Herzen läutern, daß wir ihm in Wahrheit dienen."*) Ich verbleibe, geehrter Herr, Ihr ergebener Dr. N. Adler. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Gelegentlich der hiesigen internationalen Fischerei-Ausstellung lenkte Herr Richard Lesser in der von F. Mauthner redigirten „Deutschen Lesehalle" die Aufmerksamkeit auf einen Mann, der als ein Patriarch der Ichthyologen sich die größten Verdienste um die Kenntniß der Fische erworben hat und schon vor hundert Jahren in seinen Werken für Pflege der Fischkultur auftrat, nämlich auf Marcus Eliefe r Bloch. 1723 von armen jüdischen Eltern zu Anspach geboren, lernte er der damaligen Sitte gemäß nur Hebräisch. Diesem einzigen Wissen verdankte er als Jüngling eine Hauslehrerstelle bei einem jüdischen Wundarzt in Hamburg, um dessen Kindern den religiösen Unterricht zu ertheilen. Hier lernte er erst, schon in der Müte der zwanziger Jahre, Deutsch lesen und schreiben. Weiter führte ihn der angefachte Wissensdrang zum Studium des Lateinischen, und mit Vorliebe begann er sich mit Anatomie zu beschäftigen. Durch Unterstützung von Verwandten in Berlin ward ihm sein heißester Wunsch ermöglicht, sich dem Studium der medizinischen Wissenschaften dort gründlich zu widmen. In Frankfurt a. O. promovirte er zum Doctor der Medizin, und ließ sich alsdann als praktischer Arzt hier in Berlin nieder. Die Ausübung seines ärztlichen Berufes hielt ihn aber in seinem Forschersinn nicht ab. Sein größtes Verdienst erwarb er sich durch die eingehende und umfassende Erforschung der Naturgeschichte der Fische, welche vor ihm von keinem Naturforscher so tief ergründet war. So erschien von ihm 1782—1795 auf eigene Kosten die „Allgemeine Naturgeschichte der Fische" in 12 starken Bänden mit 432 gemalten Kupfertafeln Bei dem hohen Kostenaufwand, den zumal die Herstellung der Kupfertafeln erforderte, konnte vr. Bloch nur mit Hilfe von fürstlichen und anderen begüterten Personen dieses Prachtwerk zu Ende führen. Unter den voran verzeichneten Subscribenten befinden sich außer der Königin von Preußen und den preußischen Prinzen die Könige von Dänemark, Schweden und Polen, verschiedene Bischöfe und Kardinäle, unter den öffentlichen Bibliotheken die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, die kaiserliche Bibliothek zu Wien, die der Freimaurerloge zu den drei Weltkugeln zu Berlin, sowie unter den vielen Privaten „Herr Moses Mendelssohn." Wie MoseS Mendelssohn war auch er bemüht, sich stets der reinen deutschen Sprache zu bedienen. Zur damaligen *) Daß der Herr Chief-Rabbi für sein besonnenes, friedliebendes Streben von dem Hetzblatt der deutschen Trotz-Orthodoxie auf's Unehrerbietigste tractirt und über seine ganze großartige rabbinische Wirksamkeit der Stab gebrochen wird — überrascht nicht, das gehört zum „Minhag" der jüd. ^on-xossuwus-Partei! In richtiger ConsequenzI müßte daS bekannte Triumvirat in seiner Tollkühnheit nun auch seinen I lächerlichen Cherem auch über den Chief-Rabbi in London verhängen. * Zeit, wo die deutsche Sprache in Schrift und Rede mit Verunstaltungen überwuchert war, wo selbst der große König es vorzog, in französischer Sprache zu schreiben, verdient der Jude Marcus Elieser Bloch in seiner formgewandten Uebung der deutschen Sprache und in seinem Streben, auf dem Gebiete der Naturwissenschaften für Bildung und Aufklärung des Volkes zu wirken, in dauernder Erinnerung zu bleiben. Es ist übrigens erwiesen, daß der Große Friedrich dem Naturforscher seine hilfreiche Unterstützung in dem großen gemeinnützigen Unternehmen gewährt hat. Seiner Gelehrsamkeit und seines edlen Charakters wegen hochgeehrt — er war Mitglied und Correspondent der Berlinischen, Danziger und Hallischen Naturforscher, der Schlesischen und Leipziger ökonomischen Gesellschaften, der Göttinger, Utrechter und Frankfurter Sozietäten der Wissenschaften — starb Bloch am 6. August 1799 auf einer Badereise in Karlsbad, wo er auch bestattet liegt. Seine überaus werthvolle Sammlung von Fischen ging nach seinem Tode in den Besitz des königlichen zoologischen Museums zu Berlin über, dessen Eingangssaal das Bild des großen Ichthyologen schmückt. Hamburg, 29. Juli. (Or. Corr.) Ich berichtete Ihnen s. Z. von dem Proteste des Vorstandes des Synagogenverbandes gegen den nach hartem Kampfe errungenen Vertrag wegen eines eigenen BegräbnißplatzeS und von der im Proteste ausgesprochenen Drohung, Schritte zur Erwerbung eines andern Platzes thun zu wollen. Auch theilte ich Ihnen mit, daß ein früherer Versuch von Mitgliedern des Synagogenverbands, die Erlaubniß der preußischen Regierung zu erlangen, einen bereits erworbenen Platz zu einem Gottesacker einzurichten, mißglückt sei. Jetzt hat man versucht auf Umwegen zu erreichen, was auf dem geraden Wege nicht zu erlange» war. Einige Mitglieder des Synagogenverbands kauften einen Platz in Wandsbeck und überließen ihn der dortigen jüdischen Gemeinde, unter der Bedingung, einen Theil desselben zur Beerdigung verstorbener Mitglieder des Synagogenverbands in Hamburg zur Verfügung zu stellen. Auch diesem Abkommen ist die Genehmigung der Regierung versagt worden, trotzdem der Oberrabbiner und ein einflußreiches Mitglied des Synagogenverbands sich in Schleswig persönlich darum bemüht hatten. Wenn man sich die Verhandlungen der Bürgerschaft bei Berathung der Begräbnißfrage ins Gedächtniß ruft und sich der Gehässigkeiten erinnert, welche von den Führern der Linken in Betreff der Juden daran geknüpft worden, weil angeblich die Juden für sich in allen Dingen besondere Vorrechte beanspruchten. so muß man ein solches Vorgehen, abgesehen von der Zersplitterung der Gemeinde, welche dadurch herbeigeführt worden wäre, schon deshalb auf das Entschiedenste verurtheilen, weil ein dadurch entstanden wäre und die Umgehung eines Slaatsgesetzes damit beabsichtigt war. Und wozu alle diese Versuche? Sollte man nicht glauben, es handle sich hier um die Verletzung der Pietät oder gar eines wichtigen Glaubensartikels? Nichts von alledem; ist in dem neuen Vertrage doch die ewige Ruhe den Tobten gewährt und zahlt die Gemeinde doch außer dem Preise für jedes einzelne Grab, M. 6000 für jedes Hektar Landes; zieht auf eigene Kosten eine Scheidewand und errichtet selbst die nothwendigen Gebäude. Der ganze Streit dreht sich um die Form; das Wort Eigenthum ist nicht ausgesprochen und dies sei die Grundbedingung eines jüdischen BegräbnißplatzeS. Warum denn, fragen wir, hat man bis auf den heutigen Tag keinen Anstand genommen, den jetzigen Begräbnitzplatz am Grindel zu benutzen, der nur gegen eine jährliche Abgabe vom Staate überlassen worden? und ist etwa der Gottesacker der deutsch israelitischen Gemeinde, welchen sie vor Jahren mit der Gemeinde in Wandsbeck gemeinschaftlich besessen und welchen diese jetzt allein besitzt, Eigenthum gewesen? Keineswegs! es ist stets eine, jährliche Abgabe dafür gezahlt worden. Aber die Herren kennen eben keine Rücksicht; was kümmert sie eine Zersplitterung der Gemeinde; möchte der Vorstand des Syna-

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