Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 31. (28.7.1880)
- Date
- 1880-07-28
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 268 — Marr's gegen fast alle seine Kampfgenossen noch weiter fortsetzen, wenn es sich der Mühe verlohnte. Bemerkenswerth ist noch, daß mitten unter den Schimpfereien auf seine grüßtentheils entweder anonym oder pseudonym schreibenden College» Marr die Anerkenntniß entschlüpfen läßt, „daß die jüdischen Autoren, welche gegen uns in Broschüren zu Felde zogen, in einem Verhältniß wie 10 zu 1 offen auftraten", natürlich ein neuer Beweis für die bekannte „semitische Feigheit." Es erhebt sich nun die Frage: Was soll das Alles? Zu welchen Folgerungen gelangt Herr Marx nach Mittheilung aller jener für das antijüdische Lager so gravirenden Thatsachen? Das Nächstliegende wäre wohl die Erkenntniß, daß eine Agitation, der sich fast nur schlechte Elemente anschließen. eine schlechte, daß eine Agitation, die, trotzdem sie Jahre lang mit allen, auch den verwerflichsten Mitteln (nach Marr's Mittheilung „Schwindel", „Sensation" u. s. w.) betrieben worden ist, keinen Boden im Volke hat finden können, ein grundlose ist. Aber davon ist Herr Marr weit entfernt; nach seiner Ansicht fehlt es der „Bewegung" nur — an Geld und das soll nun möglichst rasch und maffenhaft zusammen gebracht werden. „Die D i s c r e t i o n bleibt gewahrt" — lautet der letzte Zusatz — die Contribuenten, fürchtet Hr. Marr, könnten sich sonst durch ihr Schamgefühl abhalten lasten, eine so schlechte Sache zu fördern. Herr Marr braucht sich keine Mühe zu geben; eine Agitation, die schon so tief gesunken ist, wie diejenige, der er sich angeschlosten, hat keine Aussichten mehr. Homburg v. d. H., Anfgs. Juli. Sie haben bereits berichtet, daß unser Rabbiner Herr Dr. Appel hier bleibt. Sofort, nach Bekanntwerden der Nachricht von seiner Berufung nach Krotoschin wurde hier eine von fast allen Gemeindemitgliedern unterschriebene Petition an den Cultusvorstand eingereicht, Alles aufzubieten, um eine so bewährte Kraft wie Herr Dr. A. hier zu halten. Diese Petition bestimmte den Vorstand eine für unsere Gemeindeverhältniste nicht unerhebliche Gehaltsaufbesserung eintreten zu lasten, verbunden mit sonstigen Verbesserungen im Vertragsverhältniß. Hierzu kommt noch, daß Herr Dr. A. sich kürzlich mit der Tochter des Hrn. Oberrath Millstätter in Karlsruhe verlobt hat, die wohl auch für das Verbleiben in unserem schönen Homburg plaidirte. — Wer aber auch hierherkommt, der ist ganz entzückt von unserem Badeorte; denn die Saison ist in vollster Schönheit im Gange. Unser Cantor und Restaurateur Braunschweig, seit Jahren berühmt durch seine vortreffliche Küche, hat ein schönes Hotel in bester Lage als Eigenthum erworben, einen großen prachtvollen Saal erbaut mit kleineren Sälen und Veranda dabei. Nicht allein, daß die Strengreligiösen sich dort heimisch fühlen, nein, auch von solchen Leuten, die es mit den Speisegesetzen nicht so genau nehmen, wird das „Hotel Braunschweig" ausgesucht. Ich war deßhalb auch immer in hiesigen maßgebenden Kreisen ein Fürsprecher, daß dem Herrn B., in seinem Amte als Cantor, alle nur thunliche Erleichterungen gewährt werden, weil es von großer Wichtigkeit ist, daß in einer vielbesuchten Stadt eine. gute und feine Restauration ist.*) Das ist auch der Grund, warum ich von der Sache überhaupt spreche. Unter den hier weilenden Kurgästen befinden sich mehrere Rabbiner und auch viele Privatpersonen, deren Namen von gutem Klange ist. Es ist hier seit einigen Jahren der Sabbath-Gottesdienst während der Sommersaison in zwei Hälften getheilt, der erste um 63/* und der zweite um 10 Uhr Vormittags, so daß die Brunnen- und Badegäste Zeit haben, die Synagoge zu besuchen, wo man ihnen alle Ehren erweist und sie zur Thora ruft. Da Mizwoh goreres Miz- *) Kürzlich hörte ich mit Bewunderung, welche Opfer sich in dieser Beziehung eine feine Londoner Dame in Sch langend ad, wo nur ein einziger Jude wohnt, auferlegt. In dem vielbesuchten Seebade Ostende ist es dieses Jahr auch besser geworden, indem die seitherige dortige Restauration in andere Hände übergegangen und außerdem noch Conurrenz eingetreten ist. Es war auch sehr nöthig. woh ist, so stehen sich unsere Gemeindeinstitute und Wohl« thätigkeitsvereine nicht schlecht bei dieser neuen Einrichtung. Wenn ich Morgens früh mich an den Quellen hier bewege, eine Liebhaberei, die ich mit hervorragenden Personen in unserer altjüdischen Geschichte, beispielsweise mit unseren Patriarchen, theile, da höre ich mit Vergnügen von Vorstehern und ausgezeichneten Personen das Lob der Breslauer, ihre Friedensliebe, ihren Tact, ihre Pflichttreue rühmen. In Bruchsal wird z. B. eine neue Synagoge gebaut, drei Viertheile der Gemeinde sind für eine Orgel, der Rabbiner tritt für die Ansicht der Minorität ein, widersetzt sich aber nicht, sobald es sich darum handelt, den Frieden der Gemeinde zu wahren. Durch seinen Unterricht bringt er vr. Eschelbach er auch fertig, daß selbst die Kinder solcher Eltern, die keinen Sabbath rc. mehr halten, freudig alle religiösen Pflichten erfüllen. — Von Dr. Stein in Worms spricht ein hier anwesender hervorragender Fremde sich ebenfalls in sehr befriedigender Weise aus. Ich habe voriges Jahr selbst das Vergnügen gehabt, als liebenswürdigen und verständigen Mann ihn kennen zu lernen. — Auch aus Eschwege, einer Gemeinde, die wenig von sich sprechen macht — bekanntlich eine Eigenschaft, welche gute Hausfrauen besitzen — und wo ein Rabbiner der jagte milieu wirkt, habe ich viel Gutes vernommen. Um braven Leuten aufzuhelfen, werden dort in kurzer Zeit viele Tausende von Mark freiwillig aufgebracht, Ordnung herrscht in den Gemeindeverhältnisten, und Friede und Eintracht unter den Juden, worunter viele Fabrikanten sind. Der Sohn des Hrn. Rabbiner Goldmann ist Stadtrath dort. Für Heute genug, Scholaum, Scholaum, lorochauk welakorauf! — Louis Lehmann. Aus dem Regierungsbez. Cassel. (Schluß.) Ich glaube ganz sicher, daß mein erster Brief nicht ohne Erfolg geblieben; das Blatt erwähnte fürder die Juden nicht. Nur in einer der seither erschienenen Nr. habe ich eine auf die Juden bezügliche Stelle gefunden. In Nr. 19 besprach das Blatt nämlich die neuen Wuchergesetze, ohne jedoch nur einmal von' jüdischem Wucher zu sprechen. Hernach kam cs auch auf die Presse zu sprechen, nannte diese aber nicht mehr eine „jüdische," sondern eine „feile." Danach berichtete es weiter: ein Kriegerverein in einer norddeutschen Stadt habe am Palmsonntag zum Abendmahl gehen, am Ab.end vorher aber den Kaiser!. Geburtstag feiern wollen. Der Geistliche der (mit Recht) darin keine geeignete Vorbereitung zum Abendmahle erblickt, stellte den Leuten vor, entweder erst am Gründonnerstag zum Abendmahl zu gehen oder das Bankett zu verlegen. Darüber habe das „von Juden redigierte" Witzblatt „Kladderadatsch" den betreffenden Geistlichen verhöhnt. Daraus gehe hervor, was sich das deutsche Publikum alles gefallen lasten müsse. Daraufhin schrieb ich dem Redakteur nochmals und zwar u. A. Folgendes: „Daß Sie gegen den Wucher zu Felde ziehen, freut mich, denn ich halte ihn für den gefährlichsten aller Auswüchse. Wir betonen auch nicht den jüdischen Wucher und sprechen im Zusammenhangs damit auch nicht von einer jüdischen sondern von emer „feilen" Presse. Dafür meinen Dank. Und doch thut es mir leid, noch einmal etwas erinnern zu müssen. Sie nennen den Kladderadatsch ein „jüdisches" Blatt. An der Redaktion desselben mag wohl ein, vielleicht — auch mehrere — Juden sein, aber es ist so wenig ein jüdisches, wie die „Cöln. Zeit." z. B. ein christl. Blatt ist. Wenn das Witzblatt also irgend etwas verhöhnt, so verhöhnen nicht die Juden, sondern nur die Redakteure, oder noch besser der V e rfasser des betreff. Artikels, der ebenso gerade ein Christ sein kann. Man darf die Ausschreitungen eines Juden nicht allen Juden anrechnen, so wenig.wie ich, wenn ein Beamter (vergl. vor. Brief) gewisse Gelder (ich meine den Pfarrer, der die Kirchenkaffengelder) veruntreut, seinen ganzen Stand für Spitzbuben erklären kann. Das deutsche Publikum brauchte sich hier wohl nichts gefallen zu lassen, sondern nur das christliche und zwar höchstwahrscheinlich von einem