Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 31. (28.7.1880)
- Date
- 1880-07-28
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 267 — ihren Betern genügende Zeit zu überlassen, um die Megilloth aufmerksam zu lesen.*) 10) Die Recitation der Verse des Gebetbuches während des Priestersegens soll nicht mehr fortgesetzt werden. Aber der Vorbeter soll, bevor er 8irn scholaum beginnt, pausiren, so daß die Gemeinde den Schluß-JeK! rozaun recitiren kann. 11) Ich habe eine veränderte Form der Raskaroü^ bei Llatdnas Jad vorbereitet. 12) Ich gestatte die Auslassung der kijutirn bei den Malchijaus, Sichraunaus und Schauforaus nur ungern, da diese Abfassungen von hohem Werthe sind. 13) Eine weitere Ausscheidung in der anerkannten Liturgie der Jomim nauroim (mit Ausnahme der in Nr. 15 angegebenen) ist ganz und gar nicht zu wünschen. 14) Die in den LlaeKsaurirn gedruckten Jian TP während berThekiaus sollen nicht gesagt werden. Ich empfehle den Gebrauch einer veränderten Form dieses im Naotrsor gedruckten Gebetes, das v o r Itiekias LeKokar recitirt werden soll. 15) Die in die Keduscha an den Jomim nauroim eingeschalteten Pijutstücke, sollen ausgelassen werden. 16) Meine volle Aufmerksamkeit wendete ich dem Verlangen der Conferenz zu, eine solche Veränderung mit der Form des Kol nidre vorzunehmen, welche die irrige Auffassung seines Inhalts, die durch den Wortsinn der Ausdrücke in ihrer gegenwärtigen Gestalt veranlaßt ist, verhütet. Ich weiß wohl, daß einige, wenige vereinzelte Fälle sich getroffen haben, in welchen boshafte Feinde des Judenthums behauptet haben, daß wir durch Anwendung dieser Formel uns selbst von der Verbindlichkeit vor Gerichtshöfen geschworener Eide befreien wollen. Ich bin ernstlich der Meinung, daß wir eine Beeinflussung durch eine so infame falsche Anschuldigung nicht gestatten, um ihretwegen die Form eines Gebetes unserer Liturgie zu ändern. Alle unsere Autoritäten stimmen darin überein, daß es die Absicht des Kol. nidre ist, eine Absolution von den Gelübden und Versprechungen zu erbitten, welche Jemand freiwillig Gott gegenüber macht, und welche er aus Vergeßlichkeit oder Nachlässigkeit zu halten verfehlt. Aber es berührt nicht, und kann auch nicht im geringsten Grade berühren, die zwischen den Menschen untereinander eingegangenen Versprechungen und Verbindlichkeiten, da diese nur durch die gegenseitige Zustimmung der contrahirenden Parteien aufgelöst werden können. Noch Hai es irgend eine Beziehung auf irgend einen Eid als auf einen solchen, durch den Jemand ein Versprechen vor Gott eine religiöse Pflicht zu erfüllen bekräftigt, und welchen er nachher aus Versehen vergißt. Jedermann der die Kraft und Bedeutung des Originals kennt, weiß, daß dies die Absicht des Kol nidre ist, und die, welche mit seiner Terminologie nicht vertraut sind, werden durch den zu diesem Zwecke in ihrem Gebetbuch für die Festtage der Formel beigefügten Erklärung belehrt. Wäre ich bereit irgend eine Veränderung zu machen; so würde die oben erwähnte falsche und bodenlose Beschuldigung noch indirekt gestärkt werden können. Das Vorurtheil würde durch ein solches Vorgehen gefestigt werden. Es würde als ein Zugeständniß aufgefaßt werden, das unsere Vorfahren, welche die ursprüngliche Form benutzten und die nicht unter meiner Jurisdirection stehenden Gemeinden, welche dieselbe beibehalten, mit dem Kol nidre beabsichtigten sich von der verbindlichen Kraft der von ihnen vor Gericht geschworenen Eid zu befreien. (Schluß folgt.) Berichte und Correjpoudenzen. Deutschland. Berlin. Wir hatten bereits in Nr. 27 den Niedergang der Judenhetze signalisirt; jetzt schreibt auch die „Volszeit." *) Für Schir haschirim und Koheleth müßte da mindestens eine Pause von einer halben Stunde eintreten; es wäre geeigneter, die Megilloth junt Schluß des Mussaphs©ebete§ sagen zu lassen, damit die große Mehrzahl der sich an diesem „Hersagen" nicht betheiligenden Tempelbesucher und -Besucherinnen vorher das Gotteshaus verlassen kann. in ähnlichem Sinne: „Wäre wirklich die fortwährend wiederholte Behauptung der Herren Stöcker, Marr und Genoffen, ganz Deutschland seufze unter der Ausnutzung und Sklaverei der Juden, auch nur zum kleinsten Theile richtig, so müßte die Hatz, die seit nunmehr sieben Jahren mit immer zunehmender Wuth erst nur von Agrariern, Ultramontanen und Kreuzzeitungsmännern, dann von verschiedenen Liberalen gemeinsam mit einigen Predigern der „Religion der Liebe" betrieben worden ist, längst große Volksmaffen an sich gezogen haben. Daß dies nicht der Fall ist , ergiebt sich aus jenen Galvanisirungsversuchen, die jetzt im antijüdischen Lager an der Tagesordnung sind und deren intereffantester wohl in einer Schrift des bekannten Herrn Marr vorliegt, betitelt „Der Judenkrieg, seine Fehler und wie er zu organisiren ist." Dieses Pamphlet muß unbedingt niedriger gehängt werden — es gewährt uns so schätzenswerthe Einblicke in das Wesen der Anti-Juden-Agitation und ihrer Urheber und in das Wesen der gegenwärtig noch dominirende Rückschrittsbewegung überhaupt. als deren integrirender Bestandtheil jene ja aufgefaßt werden muß, daß wir einmal ausnahmsweise versuchen wollen, uns der Scheu zu entschlagen, die jeder anständige Mensch vor der nähern Beschäftigung mit literarischen Produkten dieser Art hat. Herr Marr, der sich im Eingänge der Schrift gewiffermaßen als den Feldherrn oer Germanen im „Judenkriege" hinstellt, bezeichnet diesen Krieg selbst als einen „Guerillakrieg" (S. 17), in dem Schwindel und S e n s a t i o n die Hauptwaffen sind; er spricht darum die Befürchtung aus, „daß die ganze Bewegung einschläft, nachdem sie den Reiz der Neuheit verloren hat." Wäre das wohl möglich, wenn sie wirklich, wie Herr Marr sagt, längst „in der Luft" lag? — Die allersaubersten Dinge werden uns aber von genanntem Herrn über seine Mitstreiter berichtet. Da ist zunächst ein Herr Nordmann, „ehemaliger Rittergutsbesitzer in Posen oder Schlesien", einer der routinirtesten Pasquillanten gegen die Juden. Dieser ehrenwerthe „Vorkämpfer des Germanenthums" (das sind sie Alle, Alle ehrenwerth!) klagte in der „Schlesischen Volkszeitung" darüber, daß unsere modernen „Nerven zu angekränkelt" seien, um die Juden — zu verbrennen! In demselben Artikel verlangte der Herr Nordmann Todesstrafe für jeden Autor, welcher anonym schreibe, und unterzeichnet schließlich: „Ein Protestant!" Ein andermal wieder bezeichnet der nämliche Herr das alte Testament als eine „Geschichte von Briganten und Schuften." Man denke: das sagt ein Kriegsgefährte des frommen Herrn Stöcker, des Verehrers des alttestamentarischen Königs Hiskias! Der durch das oben Angeführte wohl genügend chatakterisirte, gleichwohl aber verhältnißmäßig noch geistig bedeutendste Kampfgenosse des Herrn Marr wird von ihm beiläufig mit Titeln wie „Catiliniarier", „Jämmerling", „Großmaul" .„pseudonymer Feigling" u. dergl. bedacht, welche edlen Bezeichnungen sich übrigens theilweise auch noch auf andere Judenhetzer beziehen. Ein nicht minder feffelndes Bild entwirft Marr vom Verleger mehrerer seiner Haupthetzschriften, Herrn Otto Hentze in Berlin, der noch gegenwärtig, nachdem er mit jenem gebrochen hat, in demselben sauberen „Fach" weiter „arbeitet". Auch diesem Herrn wird von Marr „Schwindel" vorgeworfen; vielversprechend heißt es da: „Ich drücke mich hier absichtlich sehr milde aus, obgleich ich sagen könnte, daß der genannte Herr mich getäuscht hat, und begnüge mich, meine Leser aufzufordern, sich selbst in jeder beliebigen Verlags-Buchhandlung nach der Firma Otto Hentze in Berlin zu erkundigen." — Von der seligen „Antisemitenliga" berichtet Marr, sie sei von einem „Spekulanten" gegründet worden, und es habe sich bei ihr „Humbug" und „Schwindel" in die Judenfrage eingeschlichen. Herr de Grousillier laffe sich das gesagt sein: er frage das nächste Mal wenigstens erst „Genoffen" Marr um seinen Rath, ehe er sich daran macht, Männer wie Virchow „kritisch zu vernichten." Auch jener würdigste Kumpan des Herrn Marr, Otto Glagau, erhält sein Theil: wir erfahren, daß er sich von „persönlicher Verbitterung" beeinfluffen läßt. Und so könnten wir die Liste der Angriffe und Schmähungen