Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 29. (14.7.1880)
- Date
- 1880-07-14
- Page
- Seite 255 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 255 — Bescht, ein Mann, der im Gerüche der Heiligkeit stand — wozu er selbst durch wiederholt ihm öffentlich gespendetes Lob nicht wenig beigetragen hatte — daß derselbe Mann, der ihm einst bei Vertheidigung des talmudischen Judenthums an der Seite stand, nun die Seele einer Bewegung wurde, die geeignet war, das Judenthum, wenn auch nicht gerade in seinen innersten Fugen zu erschüttern, so doch wenigstens demselben Unehre zu machen und eine Aufregung herbeiführen, die von weiter Tragweite werden konnte. Lag doch Polen damals gerade in den letzten Zügen, man besorgte jeden Tag eine Staatsumwälzung, und die Erfahrung hat es zu oft bewiesen, daß, von welcher Seite immer eine Umwälzung in einem Staate ausgeht, die Juden immer als die ersten Opfer fallen. Wie die Sachen nun einmal lagen, war es höchst wüuschenswerth. daß der Friede in den Gemeinden durch Nichts gestört werde. Es schmerzte ihn darum doppelt, daß sich das Symptom einer solchen Bewegung gerade in seiner Gemeinde zeigte, und er gab sich redlich Mühe, die Sache geräuschlos beizulegen. Wie sehr er sich aber auch im Innern unbehaglich fühlte, suchte er doch Anfangs der Sache keine allzu große Bedeutung beizumessen. Vor allem ließ er sich keine Anstrengung sauer werden, die dahin führen konnte, auf Bescht gütlich zu wirken. Und wenn auch Letzterer trotz freundlichen Entgegenkommens es durchaus zurückwies, persönlich mit seinem ehemaligen Freunde zu verkehren, so strengte sich Rabbiner Beer umsomehr au, Bescht durch Mittelpersonen zu bearbeiten. Erst als sich alles Dies fruchtlos erwies, meinte er einige Strenge anzuwenden, aber nur mit der Linken abweisend und mit der Rechten einladend. Er trug nämlich dem Eisikel Schochet, bei dem Bescht Kost und Quartier hatte, auf, ihm diese zu kündigen und ließ auch durchleuchten, er werde, so lange Bescht in seinem Widerstande verharren würde, einem Jeden untersagen, ihm Gastfreundschaft in Jaslowce zu gewähren. Eisikel Schochet war zwar einer der ersten Heißsporne Bescht's und deffen treuester Anhänger, gehörte jedoch zu jenen schwankenden Charakteren, die ihre Anhänglichkeit und Ueberzeugung ehe der Hahn kräht dreimal zu verleugnen im Stande sind. Er kündigte denn auch dem Bescht das Quartier auf. Chajim bestärkte seinen Propheten zum äußersten Widerstand. Er versprach ihm, ihn noch am selben Tage gastlich aufzunehmen. Um sich dazu zu beglückwünschen oder um sich zum völligen Bruche zur Muttergemeinde anzufeuern, wurde jenem feurigen Naß, das Vater Noa zu seiner Schande erfunden, lebhaft zugesprochen. Ziemlich angeheitert kehrte Chaim heim, um Vorkehrungen für Bescht's Aufnahme in seinem eigenen Wohnhause treffen zu lassen. — „Ester", sagte er die Schwelle kaum überschreitend, recht eifrig, „Ester, der Lamdasch (Pedant) — eine spöttische Benennung, die die Chassidim deuRabbinen auch noch heute beilegen — treibt uns zum Aeußersten. Er hat Eisikel Schochet bei Is8ur schechita — Verbot zu schlachten — untersagt, den Bai Schein tobh (Bescht) bei sich ferner zu beherbergen, wir müssen ihn daher bei uns aufnehmen und an Dir ist es nun, für ihn Alles gastlich herzurichten. Noch heute soll er bei uns einziehen." — „Chaim, ich will nicht, daß Du dieses Aergerniß in unser Haus nehmest", widersprach Ester heftig; „Du wirst Dich in den Couflikt mit dem Rabbiner zu sehr verwickeln, der nur zu Deiner Unehre enden und Dir einen Bann eintragen kann." — „Wir sind darauf gefaßt, aber auch gerüstet, ihn zurückzuschleudern, es sind unser Viele, es strömen täglich aus der weiten Ferne mehr und mehr zu, die sich an der zündenden Begeisterung Bescht's wärmen und aus deffen lebendigen Quell die wahre Lehre schöpfen wollen." — „Chaim, theurer Chaim, beherzige meine Ermahnung, mache nicht die Sache dieses Schelms zu der Deinigen, laß Dich nicht von dem Zuströmen dieser wenigen Wanderbettler, die entweder geblendet von den übertriebenen Nachrichten über dessen Frömmigkeit, oder selbst arge Wichte sind, so weit Hinreißen, ich bitte Dich, Theuerster, darum." — „Ungläubiges Schlangenweib! Nicht genug, daß Du das Wunder des Batkol's selbst, erlebt und .nicht gläubig werden kannst, willst Du noch auch mich berücken." — „Weil ich Hn als einen lüderlichen Menschen kenne und mein gottseliger Vatör von ihm noch mehr wußte: er soll sich ein sehr schweres Verbrechen zu Schulden haben kommen lassen ..." — „Dafür verdienst Du Lästerzunge eine Maulschelle", unterbrach sie Chaim, und die That auf diese Worte folgen laffend, versetzte er ihr eine derbe Ohrfeige. Chaim pflegte immer in Harnisch zu gerathen, wenn Ester Bescht's moralische Verdorbenheit, von der nur Wenige wußten und wiffen konnten, zur Sprache brachte. In nüchternem Zustande pflegte er es jedoch damit abzuthun, daß er ihr einen Verweis ertheilte; heute aber hatte das berauschende Getränk sein Blut zum Sieden gebracht, und er ließ sich so weit Hinreißen, seine treue Gefährtin für ihren besten Willen zu mißhandeln. „Dahin hat Dich also dieser teuflische Mann schon gebracht! Darin besteht also Deine Messias-Mission, daß Du Dein Weib mißhandelst!?" rief sie schmerzvoll aus. — „Der Lamdasch (Pedant) hat Deine böse Zunge gedungen, mich unaufhörlich zu sticheln; mein Groll gegen ihn soll sich also zuerst au Dir kühlen", entgegnete Chaim in wilder Erregung. Gereizt packte er sie mit der einen Hand und hämmerte mit der anderen rohen Faust auf sie unbarmherzig los. Ester stöhnte nur — das Schamgefühl erstickte in ihr jeden lauten Hilfschrei, den sie vor Schmerz hätte thun müffeu. Erst als seine brutale Faust ermüdete, machte sich Chaim auf und davon. Es währte lange, bis Ester sich so weit faffen konnte, nach ihrer Magd zu klingeln, um sie in's Bett bringen zu helfen. Die Magd erschrak sichtlich, als sie plötzlich ihre Gebieterin so verändert fand und fragte in jenem theilnehmenden Tone, der etwas Heilendes hat: „Theuerste, gütige Frau, was ist geschehen, was ist vorgefallen?" — „Frage mich nicht, treue Seele!" erwiderte Ester und fügte dann hinzu: „Ich habe Dir noch einen Auftrag zu ertheilen; sobald Chaim Dich oder jemand Andern dazu beordern wird, für den Gottesbetrüger Bescht ein Zimmer einzurichten, so sollst Du erklären, daß ich Gegenbefehl ertheilt habe." — „Gut! gut!" — „Nun, meine Liebe, laß mich allein." — * * -i- Noch am selben Tage zog Bescht bei Chaim ein, aber nicht in deffen Wohnhaus, sondern in das Chassidimstübel. Chaim verbrachte mit ihm und anderen Leuten dieses Gelichters bei fröhlichen Schmausereien seine beste Zeit, und vernachläffigte freventlicher Weise auch seine Geschäfte. Da er sich gegen Ester so schwer vergangen und ihm der Muth fehlte, ihr unter die Augen zu treten, mied er einige Zeit ihre Gegenwart ganz. Je mehr er aber diesem holden Engel wich, desto mehr rannte er dem Teufel in die Fangarme und, statt sein aufgeregtes Gewiffen zu beruhigen, suchte er es nur zu betäuben. Er ersann alle die niedrigsten Mittel und Mittelchen, sie zu kränken, zurückzusetzen und zu demüthigen. Es genügte ihm nicht, daß er ihr das freie Schalten und Walten im Geschäfte, welches durch ihre Klugheit immer zum Segen des Geschäfts beitrug, entzog, daß er sowohl seinem Geschäftsführer Samuely als auch seiner Propinatiousverwaltung verbot, ihr auf Verlangen Geld zn geben, sondern er beschränkte auch ihr Hauswesen auf ein Minimum. Bescht, der in seiner Verschmitztheit nur zu gut wußte, daß Ester der Abgott der Armen war, daß diese Leute, die damals schon den Wanderbettel trieben, die lebendige Zeitung jener Zeit bildeten und die schnellsten Verbreiter jeder Nachricht waren, ja, daß sie die nicht zu verkennende Eigenschaft besaßen, jeden Gegenstand ins Ungeheuerliche zu vergrößern, und daß sie es eigentlich waren, die ihm zu solchem Rufe verhalfen, konnte sich auch nicht verhehlen, daß wenn diese gegen ihn eingenommen werden sollten — was bei einer ferneren mißlichen Behandlung Esters von Seiten ihres Gemahls nur allzu folgerichtig vorauszusetzen war — sie ihn jetzt ebenso in Verruf, wie ftüher in Ruf zu bringen im Stande wären. Er war daher bemüht. Ester jeder Zeit als schützender Engel beizuspringen, allein sie wies seine vermittelnde Hilfe jedesmal entschieden zurück, sie wollte nun einmal diesem Menschen, der die Ursache ihres Ungemachs war, .sich nicht zu Dank verpflichten. — Aber es sollte noch ärger kommen. (Fortsetzung folgt.)