Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 29. (14.7.1880)
- Date
- 1880-07-14
- Page
- Seite 252 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 252 — Ausdrücken meine durch die Generalversammlung einstimmig beschlossene Ernennung zum ständigen Ehrenmitglieds des Krieger- und Militärvereins zu Dirschau dokumentirt. In dem mehrere hundert Mitglieder zählenden Verein befinden sich 4—5 Juden» im Vorstande keiner. Dr. Caro. — Bei dieser Gelegenheit sei die nachfolgende literarische Notiz mitgetheilt: Vielen Lesern dürfte die Erscheinung eines sogenannten „Schaßpollak" nicht unbekannt sein. Das sind Mnemotechniker, die, ohne gerade besonders talmudgelehrt zu sein, den Wortlaut und die lokale Eintheilung des Talmud so im Gedächtniß haben, daß sie nach Angabe irgend einer Seitenzahl den Inhalt, oder umgekehrt nach dem Inhalt die Seitenzahl anzugeben wissen. Daß solche Gedächtnißkünstler auch im 15. Jahrhundert schon vorhanden waren, erzählt uns Rabbi Jacob W e i l, weiland Rabbiner in Erfurt. Ein Rechtsgutachten (85) in welchem er das Treiben eines gewissen Abram verurtheilt, der, den Bann Rabenu Gerschoms nicht achtend, zwei Weiber geheirathet und unbefugter Weise rabbinische Funktionen ausgeübt hat, schließt er mit folgenden Worten: „Es scheint mir übrigens, daß ich den Mann kenne und ihn in Augsburg gesehen habe; als Kennzeichen diene:, nach einem Blick in ein Buch liest er auswendig zwei oder drei Seiten weiter. — Bekanntlich hat auch Dase eine 40stellige Zahl nach einem Blick darauf auswendig herzusagen gewußt. Nichts Neues unter der Sonne! Wiesbaden, 4. Juli. (Ein Curiosum!) Herr I. Bril, der Redacteur der hebr. Ausgabe des „Israelit," der mit seine Jnjurienklage gegen den hiesigen Herrn Rabbiner Süßkind wegen eines von diesem veröffentlichten, auch in diesen Blättern abgedruckten, „Ein frommer Schwindel" überschriebenen und gegen die Esrogim-Annonce des Bril gerichteten Artikels in den beiden Instanzen abgewiesen und in die Kosten verurtheilt worden ist, ladet in einer hebr. „Extrabeilage" des „Israelit" die Leser desselben zur „recht baldigen Bestellung" auf seine auch in diesem Jahre aus der „heiligen" Stadt Jaffa zu beziehenden Esrogim, von welchen Teruma und Maasser abgegeben werde, ein. Den gläubigen Lesern des „Israelit" ist natürlich verschwiegen worden, daß die gegen den Rabbiner S. angestrengte Klage, von welcher Herr vr. Lehmann und sein hebräisches Factotum mit so großer Siegesgewißheit eine Verurtheilung desselben erwarteten, ohne den gewünschten Erfolg geblieben ist, und daß beider öffentlichen Verhandlung das ganze Gebühren unter anderm noch dadurch besonders illustrirt wurde, daß der bei Gericht producirte von welchem es inder in dem „Israelit" vom 7. Juli v. I. abgedrucktenAnnonce heißt, daß er in der Expedition des „Israelit" „zur Ansicht" offen liege (also nicht, wie es in der diesjährigen Annonce heißt, jedem Käufer zugestellt werde) erst im Monate Nenaellem (Aw) d. i. A ugust * **)) ausgefertigt und — auch datirt war Der Eingangs erwähnten Annonce ist als Empfehlung beigedruckt eine deutsche (!) Bescheinigung des nun verstorbenen Oberrabbiners Aschkenasi (er war aber trotz dieses Beinamens kein Deutscher, sondern ein geborner Marokkaner, der natürlich vom Deutschen nichts verstand) und eines Esrogim-Händlers von Zell bei Würzburg. Eine in der heiligen Sprache abgefaßte und von sehr unheiligen Gemeinheiten erfüllte Abhandlung soll den Lesern, auf deren Geldbeutel es abgesehen ist, um so mehr imponiren, je weniger sie von dem Inhalte verstehen. Das sind eben Geschäftsfinessen, die uns weiter nicht kümmern. Ob Sie, Herr Redacteur. die gelehrt sein sollenden Auslassungen dieses Bril einer Widerlegung für werth halten, bezweifeln wir?*) Das Curiosum aber, *) Der Artikel des Hrn. S. war Anfangs August veröffentlicht worden. **) Freilich könnte man den Hrn. Brill, der uns vor Jahren einmal auf einer sog. poln. „Kunstreise" besuchte und sich damals noch gar nicht so lehmannisch-orthodox gerirte, lieber ruhig „brüllen" laffen, aber wegen ves rrjD O2N .T.T |B soll man ja — zumal, wo es sich um,-ntti ^21 handelt — selbst einem antworten. Wir kommen im Literaturbl. auf diesen Teruma- und ülaasssr-Schwindel noch gründlich zurück, sobald wir nur erst Raum dazu finden. worauf wir hier doch aufmerksam machen möchten, das ist das Motto, das an die Spitze dieser Abhandlung gestellt ist. Dieses Motto, dem bekannten Gedichte Hei ne's entnommen, in welchem ein Kapuziner, Frater Jos6 (Bril nennt ihn „er verwechselt Frater mit Pater) und ein Rabbiner über die Frage: „welches ist der wahre Gott?" eine öffentliche Disputation halten. Nachdem nun der Frater er» klärt hatte: „Unser Gott, der ist die Liebe, Jesus Christus, ist sein Namen, Seine Duldsamkeit und Demuth suchen wir stets nachzuahmen"; schließt er mit den Worten, die als Motto hier gedruckt stehen: „Deßhalb sind wir auch so sanft, so leutselig, ruhig, milde. Hadern niemals, nach des Lammes, des Versöhners (Jesus Christus) M u st e r b i l d e." Unerklärlich ist es, wie ein Lehmann, dem doch selbst seine Gegner zugestehen müssen, daß er seine Rolle als schwarzer Ritter des Obscurantismus, wenigstens unserem jüdischen Land volle*) gegenüber, mit Virtuosität zu spielen versteht, es zugeben konnte, daß sein hebräischer Waffenträger eine solche antijüdische Phrase an die Spitze einer religionsgesetzlichen Abhandlung stellte. Erklärlicher ist es dagegen, wenn Bril in seinem hebräischen Aufsätze mit wahrer Seelenlust in Heine'scher Unsläthigkeit sich ergeht; denn da befindet sich der Mann so rech) ganz in seinem Elemente. Dafür gibt es denn auch keine andere Antwort als die, welche der Rabbi in demselben Gedichte dem Kapuziner Jos6 gibt: „Um für deine Saat zu düngen meines Geistes dürren Acker, — Mit Mistkarren voll Schimpfwörter hast du mich beschmiffen wacker." So folgt Jeder der Methode, dran er nun einmal gewähnet. Homburg v. d. H., im Juli. (Or.-Corr.) Am 1. d. Mts waren 25 Jahre seit der Gründung des hiesigen Mendelssohn- Lesevereins verflossen. Dieser Verein wurde von dem damals 26jährigen, für alle jüdischen Interessen begeisterten Herrn Louis Lehmann mit der Tendenz ins Leben gerufen, durch Zeitschriften. Broschüren und populär gehaltene Werke die Liebe zum Judenthum und seiner Geschichte unter den hiesigen Gemeinoemitglieder zu wecken und durch unterhaltende Lectüre die Theilnahme für den Verein dauernd wach zu erhalten. Mit seltener Geschicklichkeit und mit aufopfernder Selbstlosigkeit hat Herr L. L. seit dem Bestände des Vereins denselben geleitet und sich hierdurch die Liebe und den Dank der Vereinsmitglieder in hohem Grade erworben. Daher beschlossen dieselben auch auf Anregung unseres Rabbiners Herrn vr. Appel den Jubilar durch eine kleine Aufmerksamkeit zu erfreuen, und so überreichte in Begleitung einer Deputation Herr Rabbiner vr. A. demselben an seinem Ehrentage unter herzlicher Ansprache einen silbernen Pokal mit passender Inschrift, sowie eine schön ausgeführle Adresse. Der Jubilar war tief gerührt und dankte mit bewegten Worten. — Auch nach Außen hin ist Herr L. L. bestrebt, seinen jüdischen Mitbürgern Achtung zu verschaffen und ihre Interessen zu vertreten. So hat derselbe, nachdem dieser Gedanke bereits vor 2 Jahren von ihm angeregt wurde, es jetzt beim Magistrale durchzusetzen gewußt, daß vieser den Namen „Judengaffe", der, wie in vielen andern Städten, so auch hier immer wieder an unsere mittelalterliche Schmach erinnerte, in „Wallstraße" abänderte; es würde sich empfehlen, diesem Beispiele aller Orten zu folgen. Stettin, 8. Juli. (Or.-Corr.) Aus der benachbarten Gemeinde A.verdient das Nachfolgende an die Oeffentlichkeit gebracht zu werden. Der daselbst angestellte Cultusbeamte bekommt einen jährlichen Gehalt von 60 Rthlr., schreibe sechs zig Thaler. Dieses Gehalt soll nach getroffener Vereinbarung vierteljährlich bezahlt werden, seit drei Terminen, also 9 Monaten, ist dieses nicht geschehen. Ist es nicht ein himmelschreiendes Unrecht von einer Gemeinde, eine so winzige Summe von 5 Thlr. monatlich nicht pünktlich zu bezahlen? Die Fr—eiheit dieser Gemeinde geht jedoch noch weiter; an den *) Das ist die wörtliche Uebersetzung von jHKil