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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-07-08 · N° 28. (8.7.1880) · p. Seite 242

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 28. (8.7.1880)
Date
1880-07-08
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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— 242 ann der jüdische Theologe nicht, denn er weiß es ja nur zu gut, daß die Kinder dieser Ehe das Judenthum in keiner Synagoge, ja in keiner jüdischen Religionsschule kennen lernen werden, er weiß es ja genau, daß in dieser Mischehe kein Sabbathlicht entzündet, kein Wein gesegnet, kein Sabbath gehalten, keine Hagada gelesen, keine Sedernacht gefeiert, kein Rosch-haschanah, kein Jomchakippur mit dem tieferschülternden und hochaufrichlenden erhabenen Ernste begangen werden, kein Feststrauß, keine schallende Succah die Familie zum Lobe Gottes rufen werden, er weiß es ja voraus, daß in dieser Mischehe von einer heiligen Thora nur mit bedauerndem Lächeln, von den Rabbinen der Mischnah und des Talmuds nur mit spöttischem Hohne, von den gottbegeisterten Märtyrern des Judenthums gar nicht geredet werden wird. Was soll er da fordern, was sicher nicht gehalten wird? O, der üdische Theologe weiß es genau, daß, wenn der Mann in der Mischehe ein Christ ist, seine Kinder den christlichen Religionsunterricht besuchen und später dem Christenthume äußerlich angehören werden, wenn die Mutter eine Christin, sie ihre Kinder.in christlichem Geiste erziehen wird, daß die Knaben nicht beschnitten, sondern wahrscheinlich getauft und christlich confirmirt werden. Er weiß es, daß die Liebe zur jüdischen Literatur, zur jüdischen Wissenschaft in der Mischehe ihre Stätte nicht finden wird, wie soll er den Unsinn begehen und fordern oder auch nur erwarten, daß die Kinder dieser Mischehe Juden werden sollten. So nimmt der jüdische Theologe einen Indern Standpunkt ein, wie der christliche. Dieser will für sein Ehristenthum, sei es Protestantismus oder Katholizismus, Seelen werben, will die Kinder gewinnen, er ist dabei seinem Gotte, seiner Religion immer noch treu, denn sie lebt vom Prosel ytismus. Aber jener, der Jude, will Nichts für dos Judenthum gewinnen, weiß, daß die Kinder dem Judenthum entfremdet werden und dennoch segnet er mit dem Segen der Thora, des Buches, welches Treue gegen alle seine Gebote fordert, diesen Ehebund. Möchte man da nicht mit Jeremijah in der dieswöchentlichen Haftara ausrufen (2, 9): „Wahrlich nun will ich mit euch streiten, ist des Ewigen Spruch, und mit den Kindern eurer Kinder will ich streiten. (10) Da gehet nur hinüber zu den Chittierinseln und seht zu, sendet nach Kedar und betrachtet genau, und seht, ob so etwas geschehn. (11) „Hat je ein Volk seine Götter vertauscht und sie sind doch nichts Göttliches, und mein Volk vertauscht seine Herrlichkeit um ein Unnützes." Freilich der Buchstabe der Thora spricht von den Völkern der I e tz t z e i t nicht, wo er vor dergleichen Ehevermischung den heidnischen warnt, und auch der B u ch st a b e der Mischnah und des Talmuds, sowie der Codices nicht. Aber ist darum die Mischehe mit ihnen erlaubt, zuläfiig, weil der Buchstabe dieser Schriften nicht mehr auf die Gegenwart paßt? Liegt in dem Buchstaben kein Geist, der über ihn hinausweist? Brauchen wir das den Männern, die ja immer den „Geist" dem Buchstaben gegenüber betonen, erst zu sagen. Wollte die Thora nur die Mischehe mit jenen Völkern nicht, oder ist nicht vielmehr ihre Warnung auf die Annahme gegründet, daß die Mischehe die Juden dem Judenthu me entführt, von ihren heiligen Pflichten abwendet und zu einem wesenlosen Nichts hinführt? Und ist das heute anders? Ist die Mischehe nicht die volle Lossagung von allen Pflichten die ein Jude oder eine Jüdin zu erfüllen haben? Kann in der . Mischehe bei ihrer Farblosigkeit oder entschieden christlichen I Tendenz das Judenthum gepflegt und geübt werden? Das I Judenthum der Thora und der Tradition? Heißt das Humanij tät, seiner geschichtlichen Verpflichtung untreu werden? Es ist daher nicht zu bestreiten, daß ein Jude, welcher eine Mischehe einsegnet, der Leichenbestatter des Judenthums wird, das die Ehegatten in sich tragen, der Todtengräber für die Religion der Kinder dieser Ehe und ein Verräther an seiner Glaubensgenosienschaft, an dem heiligen Buche, dessen Segensworte er ausspricht. Und wird er wohl für das Ehepaar ein Priester, ein Lehrer der Wahrheit, daß er's glauben macht mit seinem salbungsvollen Tone, der Gott, der die Thora gegeben, segne diese Ehe, die von der Thora nichts wissen will, daß er das Ehepaar in diese Selbsttäuschung hineinführt, daß diese Verhöhnung aller Pietät, dieser Abbruch aller Beziehungen zu einer gewissenhaften jüdischen Lebensweise von dem Juden- , thume gut geheißen, ja sogar als eine „segenswürdige" That gepriesen werde? Wer denkt da nicht an Bileams Eselin? In dem Munde führt er das Wort „Ewiger" und seine Eselin, die den Engel Gottes sieht, schlägt er und mißhandelt er um den Weg zu gehen, den Moab wünscht? Ist das nicht eine Mißhandlung der Theologie, auf der ein solcher Theologe reitet? Weil er mit theologischer Deutekunst die Thora an die Ecke drückt, glaubt er das Gefühl zu betäuben das ihm zuruft: Du vernichtest das Judenthum? Und noch tiefer muß dieser Theologe sinken, der um Geld solche verlogene Religionshandlung begeht, der seine Unwahrhaftigkeit sowie Heuchelei mit dem Talar der Heiligkeit bedeckt und sich gut bezahlen läßt. Und wenn es der Theologe gar mit Widerstreben thäte, aber thäte, weil eine „pflichtvergessene" Gemeinde solches von ihm verlangte, ober weil er die Kritik der Spötter, der Judenfeinde fürchtete, so bleibt er doch ein Bileam, ein Mann o h n e C h a r a k t e r, der vor Menschen sich bückt und mit ihnen goldene Kälber formt, der kein Führer, sondern ein Sclave, keine geistige Macht, sondern eine ohnmächtige Marionette geworden ist und die Rolle spielt, die man ihm bezahlt und von ihm verlangt. Ist ein solcher Priester- Rabbiner ein Mann, der Gottes Segen über Menschen aussprechen kann? Ist eines solchen Theologen Segen wirklich ein Segen für das Ehepaar? Es kommt die Zeit, wo die Täuschung zerrinnt wie ein Wolkenbild, wo die Erinnerung an die Vergangenheit erwacht, dann faßt es den Schuldigen wie mit Löwenkrallen und fordert von ihm unerbittliche Rechenschaft, dann stellt sich vor ihn das ganze Truggewebe, dann zeugen wider die Eltern die entfremdeten Kinder, dann seufzt das beladene Herz unter seiner Trugeslast. Ist das ein Segen gewesen? Und wenn ein jüdischer Theologe sieht, wie aus den Mischehen Christen hervorgehen, die dem Judenthume feindlich entgegentreten, was wird, was muß sein Herz ihn quälen? Einem Simson hat die Delilah das Herz gebrochen, und an Jerusalem haben die Samaritaner ihren Rachedurst gestillt. Wer Mischehen zwischen Juden und Christen einsegnet um Geldes und Ehre halber, aus Furcht oder Zaghaftigkeit, wird weder dem Ehepaare noch sich ein Segen werden, sein Geld wird ihn verlassen, seine Ehre ihn fliehen und seine Furcht immer größer werden. Am allerwenigsten nützt er aber dem Judenthume und ebensowenig den Juden. Die Mischehe gewinnt

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