Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 27 (1.7.1880)
- Date
- 1880-07-01
- Page
- Seite 236 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 236 — Vor längerer Zeit wurde von einigen wenigen vertrauensseligen Mitgliedern des Synagogen-Verbaads an den Vorstand desselben eine Eingabe gerichtet, des Inhalts: Derselbe möge einen Prediger anstellen, (entsprechend der neuen Synagoge-Reweb-ZeboIarun) denselben verpflichten, an die Knaben, welche Baimizwa werden, eine öffentliche Ansprache in der Synagoge zu richten; die Abhaltungen von Trauungen in der Synagoge zu gestatten und einen vierstimmigen Chor einzuführen. — Zwar ist ein Bescheid auf die Eingabe bis jetzt nicht erfolgt, doch soll, wie im Publicum behauptet wird, in den Sitzungen des Vorstands, an welchen auch der Oberrabbiner theilgenommen hat, beschloffen worden sein: Die Anstellung eines Predigers sei nicht discutabel (?) und auf einen vierstimmigen Chor nicht einzugehen;*) dagegen sollen Trauungen in der Synagoge zulässig sein und auch Ansprachen des Oberrabbiners an die als Barmizwa zur Thora Gerufenen erfolgen. Wir fürchten, letztere Maßregel werde, anstatt den Besuch der Synagoge zu fördern, viel eher dazu beitragen, die Knaben auch an jenem Sabbath von der Synagoge fernzuhalten. Der Inhaber der auch im Auslande wohlbekannten, seit mehr als hundert Jahren unter der Firma Gebrüder Bonn in Altona bestehenden hebräischen Buchdruckerei, Herr I. A. Marcus feierte heute die goldene Hochzeit. Der Jubilar besitzt eine seltene Jugendfrische und ist noch im Stande, das Setzen auch der kleinsten Schriftzeichen selbst zu besorgen. Möge der, durch seine Friedfertigkeit allgemein beliebte Mann, noch recht lange sich des Vollgenusses seiner genügen und körperlichen Kräfte erfreuen. Nordhausen, 20. Juni. Heute früh kurz nach 8 Uhr wurde in Gegenwart folgender Mitglieder des Curatorimns: der Herren Oberbürgermeister Niemann, Banquiec S. Frenkel, Rabbiner Di\ Leimdörfer und Buchdruckereibesitzer Th. Müller, sowie der bauleitenden Techniker Herren Baunreister Kämmerer und Maurermeister Heber die Feier der Grundsteinlegung des Gebäudes der „Plaut-Stiftung" vollzogen. Nachdem der Maurerpolier Hr. Bnchmann dem Hrn. Oberbürgermeister Riemann nach Handwerksvrauch den Hammer überreicht und ein auf die Stiftung sich beziehendes Gedicht vorgetragen, in welchem des Stifters ehrend gedacht und der Zweck des zu bauenden Haines, in welchem Liebe, Hoffnung und Trost die Fundamente bildeten, kurz dargelegt wurde, hielt Herr Oberbürgermeister Riemann eine Weiherede. „Fast genau ein Jahr sei verflossen" — führte der Festredner aus — „als der Ehrenbürger unserer Stadt, Herr Jacob Plaut, dem Gedanken Ausdruck gegeben, für alte bedürftige hiesige Einwohner eine Altersversorgung zu stiften. Das verflossene Jahr habe die Stiftung der Ausführung näher gebracht und Se. Majestät der Kaiser und König zur Errichtung derselben die Genehmigung ertheilt. Heute stünden wir bereits vor der Grundsteinlegung. Möge dieses Haus ein wahres Heim werden für alle darin aufgenonrmenen Alten und Hilfsbedürftigen beiderlei GeichlechtS, ein Heim, in dem sie sich behaglich nnd wohl fühlen und dailkend des edlen Stifters gedächten; möge die Stiftung allezeit geleitet werden in dem Geiste, der sie geschaffen habe, im Geiste edler Humanität, und möge sie sein ein beredtes edles Beispiel für Diejenigen, welchen die Mittel gegeben seien, in ähnlicher Weise Gutes stiften zu können. Damit sei der Bau geweiht." Hierauf wurde die in einen Stein eingelassene verschlossene Glasbüchse, enthaltend u. A eine Cop e der Siistungsurkunde, das V-rzeichniß der Mitglieder der städtischen Behörden, ein Verzeichniß der Mitglieder der israelitischen Gemeinde, ein Gedicht des Rabbiners Br. Leimdörfer, mit einer Steinplatte bedeckt, cementirt und dann von den awesenden Mitgliedern des Cu ratoriums die üblichen 3 Hammerschläge gethan. Oesterreich-Ungarn. Aus Nikolsburg, der einstigen Metropole der jüdischen Gemeinden Mährens, wird berichtet: Ein hiesiger Handelsmann, Moses Glaser, der bereits seit 30 Jahren in Baumgarten in Niederösterreich hausiren geht, wurde am 16. Juni von einem dortiger Wirthschaftsbesitzer ermordet. Der Ermordete kam allwöchentlich Donnerstag Abends, spätestens Freitag, zu seiner Familie nach Nikolsburg, was aber in der vergangenen Woche nicht der Fall war. Samstag früh begab sich deshalb der Sohn des Betreffenden in das genannte Dorf, konnte jedoch keine Auskunft über seinen Vater erhalten. Aus diesem Grunde eilte er zum Bezirksgerichte nach Feldsberg und machte Meldung von dem Fortbleiben seines Vaters, worauf mehrere Gensdarmen in das Dorf beordert wurden. Nach längerer Nachforschung erfuhren dieselben, daß der alte Glaser sich am Mittwoch in ein Haus wegen Wein- » steinankaufs begeben habe. Der Besitzer dieses Hauses, der überhaupt ein berüchtigter Mensch ist, wurde ins Verhör genommen, hatte jedoch hartnäckig geläugnet, von Glaser etwas zu wiffen. Mit verstärkter Prlrourlle wurde daffelbe Haus am 19 d. M. Nachts bewacht; um Mitternacht ließen die Gensdarmen sich die Thüre öffnen, durchsuchten die Wohnung und fanden im Kasten mehrere Stücke Leinwand und dergl. Der Verdacht wurde hierdurch bestärkt und beim Durchsuchen des Kellers fand man den Ermordeten dort begraben. Jetzt erst gestand der Verdächtigte, den Juden unter der Angabe, ihm Weinstein zu verkaufen, in den Keller gelockt und dort ermordet zu haben. Am 20. d. M. wurde der Mörder, Namens Jünger, dem Bezirksgerichte in Feldsberg übergeben. Frankreich. Paris. „Arch. isr." geben zu, daß Israeliten nicht als Be - amte der französischen Gesandtschaften fungiren. Das franz. Blatt sieht aber darin — mit Recht — nicht wie die von uns reproducirte Corr. der „Köln. Zeit.", das Bestreben der Republik, Israeliten von diesen Posten fernzuhalten, sondern ein bloßes Spiel des Zufalls, da Juden Consulate von bedeutender Wichtigkeit verwalten. (Sollte nicht die Rücksicht auf die den Juden gegenüber zumeist exclusiven europäischen Höfe dabei stark in's Gewicht fallen?) Sett den 10 Jahren der Republik dienen mehr Juden, als je vorher, in Frankreich in den verschiedensten Staats-Carrieren, in der Politik, des Magistrates und der Verwaltung Sehr viele Präfecten, Unterpräfecten, Maires, Magistratsbeamte, Ingenieure, Generalzahlmeiüer gehören zu unserem Cultus. Wer genau die Ernennungen verfolgt, muß die Erkenntniß erlangen, daß die Republik die Frage der Religion bei der Wahl ihrer Beamten ganz außer Acht läßt, und nur auf Befähigung. Geist und Patriotismus sieht. Paris. Am 1. Juni waren für das Denkmal Cremieux's 24,727 Frcs. gezeichnet. Der iSr. Gesellschaft zu gegenseitiger Hilfe der „Töchter Serubabe.'s" sind die Rechte einer juristischen Person verliehen worden. — Herr Arthur Bloch, Sohn des Vorsitzenden der Civilgenossenschaft des portugiesischen Tempels in Paris, ist zum Mitgliede der Akadeniie der schönen Künste in Rom und zugleich zum Offizier dieser Akademie ernannt worden. (Arch. isr.) — L'llniv. isr. bringt die „Cantorenfrage" zur Sprache. Das Wiffen fehlt auch in Frankreich zumeist, die Kenntniß des Hebrärschen und der B'bel, welche neben einenr reinen Charakter die Grundlage btldet für die Befähigung zu dem „Priesterlhume des Gesandten der Gemeinde" (p"^). — Für Frankreich wird vorgeschlagen die Talmud-Thora, die Vorschule des Rabbiner seminars, zu einer Lehrer- und Cantoren" schule umzugestalten! Wir in Deutschland haben nichts umzugestaltea, uur müssen neu schaffen — denn das Vorhandene befriedigt in den seltensten Fällen. Palästina. Jerusalem. In der neuesten Nr. des „Chawazelet" lesen wir folgendes Urtheil eines Augenzeugen über die Chalukawirlhschaft: „Jeder, der die Zuitände Jerusalems richtig kennt, weiß wohl, daß nicht nach Recht und Billigkeit die Chaluka verwaltet wird, sondern nach Gunst und Ab- *) Ein jüd. orthodoxes Bl. hatte jüngst erklärt, daß gegen die Einführung von Ehoigesang sich von orthodoxester Seite nichtseinwenden lasse.