Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 27 (1.7.1880)
- Date
- 1880-07-01
- Page
- Seite 235 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584080--4162-9584085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 235 — dem Militär, im Frieden den Bedrängten aller Art gehört. Sille Jahre findet eine solche Jnvalidenspeisung auf Kosten der genannten mohlthätigen Vereins statt, bei der ein Prediger die Festrede zu halten pflegt. Bisher war dieses Amt dem Herrn Hof- und Domprediger Adolph Stöcker zugefallen. Da sich nun der Vorstand aus Damen aller Confeffionen zusammensetzt. haben Angesichts der odiöser^ hetzerischen Wirksamkeit des genannten Hofpredigers mehrere Damen jüdischer Confession in einer Vorstandssttzung vor längerer Zeit den Antrag gestellt, Herrn Stöcker die Berechtigung, jene Festrede halten zu dürfen, zu entziehen. Die Damen erklärten, daß eine Persönlichkeit wie Herr Stöcker, daß ein Mann, der gegen eine Confession, der viele der Mitglieder des Vereins anangehörten. so freventlich hetzt und agitirt, nicht bei einem, von dem Vereine veranstalteten mohlthätigen Mahle als Festredner auflreten dürfe. Gegen diesen sehr berechtigten Antrag erhob sich Widerspruch und jedenfalls wurde ein Majoritätsbeschluß, Herrn Stöcker von jenem Festmahle fern zu halten, leider nicht gefaßt. Die Folge davon war, daß die jüdischen Damen des Vorstandes ihr Amt niederlegten, und daß fast ausnahmslos alle Mitglieder des Vereins, die der jüdischen Confestion angehören, dem Vorstande angezeigt haben, daß sie ihren Austritt nähmen. Dem mohlthätigen Verein wird dadurch leider ein empfindlicher Schaden zugefügt, aber wir halten es für vollkommen begreiflich, daß die betreffenden Damen, die ihr Amt eventuell zu jenem Festmahl führen würde, nicht in einem Raume mit einer Persönlichkeit, wie Herr Stöcker ist, weilen möchten, und daß sie nicht eine Festrede von einem Manne, der Stöcker heißt, anhören wollten. Uebrigens vernehmen wir, daß die Prinzessin Friedrich Carl, die Protectorin des Vereins, ihr außerordentliches Bedauern über diesen Conflikt geäußert hat. (Soweit der „B. B.-C." Wir können dem charakterfesten Schritt jener jüd. Damen nur unfern vollsten Beifall zollen. Red. K. Braunschweig, 20. Juni. (Or.-Corr.) Zufällig kommt heute die Rr. 18 der so lehr liberal flunkernden Wochenschrift „Im neuen Reich" mir in die Hand, und ich finde darin die Fortsetzung eines Artikels mit der lleberschrift: „Die Juden in der deutschen Rechtsgeichichte" von Ä Rhamm. Der Vers, scheint zu denjenigen zu gehören, die mit Bedauern und Entrüstung auf die gegen die Juden verübten Ungerechtigkeit zurückblicken, im Uebrigen aber wie sein großer Vorgänger und wahrscheinlich sein erhabenes Vorbild Trettschke, der Ansicht ist und bleibt, man müsse damit von Neuem beginnen. Es charakterisirt dieser Mitarbeiter vollständig die Richtung der genannten Wochenschrift, die sich den Anschein des Liberalismus giebt, in Wahrheit aber den Servilismus eingewurzelter Vorurtheile vertritt, besonders in der leidigen Judenfrage. Man höre nur Einiges aus dieser von ungerechtem und parteiischem Gesichtspunkte aus dargestellten „Rechtsgeschichte." „Man untersagte den Juden den Umgang mit Christen., verbot ihnen wiederholt, christliche Sklaven, Dienstboten, Ammen zu halten. Fieischesverbrechen zwischen Juden und Christen wurden mit geschärfter Todesstrafe geahndet (Anmerk. „Einer wahrhaft grauenvollen Procedur an einem Prager Juden aus dem I. 1530 gedenkt Döpler, Schauplatz der Leibes- und Lebensstrafen. Späterhin werden Landesverweisung und Staupenschlag, auch Verstümmelung die gewöhnlichen Strafmittel.") — Gegen Ende der Abhandlung sagt H. Rhamm zusammenfaffend: „So ist denn der Leidensgeschichte des ruhelosen, wandernden Volkes, dieses wahren „ewigen" Juden, ein Ziel gesetzt." — Aber als fürchtete er, dadurch dem neu aufgelauchten Judenhasse Eintrag zu thun, fährt er fort: „Wie viel von dem erduldeten Elende immerhin aber auch schuldlos erlitten fein mag, so entbehren doch die zahlrcich gegen die Verfolgten erhobenen Anklagen nicht in allen Punkten der Begründung.' Der unverwüstlichen Lebenssaft /des Volkes, dem Heldenmuthe, mit welchem der jämmerlichste Tod einem Uebertritte zu dem verhaßten Christenglauben vorgezogen ward, gebührt hohe Anerkennung; zu der geistigen Arbeit der deutschen Nation haben die Juden Erhebliches bei-! getragen. Aber Handel und Wandel erwiesen von jeher die widerwärtigen Eigenheiten des semitischen Stammes (Stöcker!) Wenn noch in neuester Zeit von jüdischer Seite (Herzfeld, Handelsgeschichte) behauptet wird, daß „unbeirrt von den Lästerungen des gelehrten und und ungelehrten Trosses der unparteiischen Forscher auch im Handelsverkehre die Juden eher über als unter dem Niveau der allgemeinen Moral, im Judenthum aber durchweg die lauterste und zuweilen eine ideale Rechtlichkeit auf jedem Gebiete gefordert finden werde," so ist für die hochtönende Phrase der Beweis nicht erbracht." Wer in einem gläsernen Hause wohnt, hüte sich, mit . Steinen zu werfen! Dieses Sprichwort hätte H. Rhamm beherzigen sollen! Sicherlich ist die von ihm als „hochtönende Phrase" hingestellte Behauptung mehr bewiesen und beffer erhärtet, als seine phrasenhaften Redensarten, die er zum größten Theile Anderen entnommen. So zerrt er die von Göthe im 4. Buche des 1. Theiles von „Wahrheit und Dichtung" gemachte Erfindung von dem vorbedeutungsvoll listigen Charakter Jacobs in einer um so widerlicheren Weise auseinander als er zunächst damit, wie mit einem eigenen großartigen Einfalle fernes Geistes coquettirt, sodann, wie es scheint, in völliger Unkenntniß der biblischen Geschichte sie auf alle Patriarchen ausdehnt. „Sind doch schon — so lautet seine Göthe'sche Weisheit — jene alttestamentlichen Mythen von den Erzvätern, auf welche das gläubige Israel (auch jeder anständige Christ!) mit andächtiger Verehrung hinbllckt, nichts als eine lange Reihe von Lug und Trug, von treulosen Praktiken, von abgefeimten Betrügereien zwischen Blutsfreunden, Anverwandten, Geschwistern! . Eben der Hinblick darauf, wie der Charakter des jüdischen Stammes bereits in der Kindheit des letztern all' die hervorstechenden Züge der Gegenwart trägt, widerlegt die immer wiederkehrenoe Meinung, als ob jene nationalen Untugenden, unter denen nach dem schroffen (wirkrich?) Verbiet Schopenhauers die Abwesenheit alles dessen was der Deutsche mit dem Worte „Scham" bezeichne, die hervorragenste, aber auch die im Leben förderlrchste sein soll — als ob jene Schwächen lediglich durch den Jahrhunderte lang währenden Druck erzeugt oder doch wesentlich gesteigert seien." Nachdem der edle Verfaffer noch darzulhun sich bemüht, wie „der Jude dem deutschen Volke ein Fremdling geblieben", indem er wiederum Gewährsmännern folgt, wie Luther und besonders Fichte, dessen angeführter Ausspruch . ihn zu einem deutschen Jstoci ftemplt, schließt er in großmüthigem Tone: „Ob zu solchem Gewaltstreiche (Ausweisung und Verwerfung nach Palästina) der aufgeklärte Staat des 19. Jahrhunderts sich verstehen werde, bleibt füglich abzuwarten." — Herr Rhamm und mit ihn: seine rechtsliebenden Gesinnungsgenossen aus der Zunft „Im neuen Reich" scheinen diesen Ausgang als Erfolg ihres Stöcker'schen Strebens etwas ungeduldig zu erwarten! Hamburg, 22. Juni. (Or.-Corr.) Heute trug man unter großer Betheiligung der verschiedensten Classen der israelitischen Bevölkerung die irdische Hülle des langjährigen Präses des Vorstands des Synagogen'Verbands zu Grabe. Der Verstorbene L. B. Oppenheimer, erreichte das hohe Alter von 85 Jahren, erfreuete sich aber trotzdem bis kurz vor seinem Tode der Rührigkeit und Lebhaftigkeit der Jugend. Diesen Eigenschaften, verbunden mit einer seltenen Jovialität und einem freundlichen Wesen, verdankte er auch wohl die Beliebtheit, welche er in vielen Kreisen genoß. Weniger durch hervorragende Bildung und großes Wissen ^ausgezeichnet, gelangte er erst in hohem Alter, bei Gründung des Synagogen-Verbands, zu öffentlicher Amtsthätigkeit, doch hat er sich dieser stets mit Eifer hingegeben. Er vertrat als Mitglied des Vorstands dieses Verbands selbstverständlich die streng orthodoxe Richtung, wenngleich er derselben wohl kaum ernstlich angehörte, wußte aber jedem Conflicte aus dem Wege zu gehen und vermied es, im Verkehr mit Andersdenkenden dadurch Anstoß zu erregen; was nicht allen seinen Collegen im Vorstande rühmend nachgesagt werden kann.