Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 27 (1.7.1880)
- Date
- 1880-07-01
- Page
- Seite 234 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584080--4161-9584084- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 234 — sie in aufrichtiger Verehrung gehangen. Und so war es auch. Cantor Aron Salomo N a t h a n s o n halte, wie selten ein Beamter, die ganze und volle Liebe seiner Gemeinde, in der er nahezu vier Jahrzehnte gelebt und gewirkt, durch sein mildes, friedliches und freundliches Wesen, ihre Hochschätzung durch sein bedeutendes Wissen, ihre Verehrung durch die Biederkeit und Makellosigkeit seines Charakters, sich erworben. Dieser seiner Stellung in der Gemeinde Rechnung tragend, hatte der Herr Rabbiner vr. Rahmer auch das Programm für die Trauerfeier entworfen und alles zu einiger würdigen Leichenbestattung angeordnet. Die Ehre, die sonst nur verstorbenen Rabbinenzu Theil wird, daß sie im Tempel aufgebahrt werden, solle auch ihm, dem treuen Diener und Hüter des Gotteshauses, in dessen Vorhof der Verstorbene Jahrzehnte gewohnt, erwiesen werden — widerspruchslos wurde dieser Vorschlag des Rabbiners acceptirt. Das Gotteshaus war in ein großes Trauerhaus verwandelt. Fast die ganze Gemeinde hatte sich gegen 5 Uhr im Tempel versammelt. Vor dem Betpult stand der schmucklose Sarg, welcher die sterblichen Ueberreste des Verblichenen barg, auf einer Bahre ruhend, und mit einem schwarzen Tuche bedeckt. Die heilige Lade, Kanzel und Altar waren schwarz drapirt. Kurz vor Beginn der Trauerfeierlichkeit zogen die Schüler der Religionsschule, von den Lehrern geführt, in geordnetem Zuge auf und nahmen um die Bahre ihres Lehrers Platz. Sovann erschienen die Leidtragenden, geführt vom Rabbiner. Sie hatten ihre Plätze zu den Stufen des Almemors genommen. „Die Trauerfeier begann mit einem hebräischen, von Herrn Cantor Winter mit Orgelbegleitung vorgetragenen Gebet; es folgte ein deutscher Chorgesang vom Synagogen-Gesangverein und alsdann die Gedächtnißrede des Gemeinde-Rabbiners Herrn vr. Rahmer. Redner war tief ergriffen ob des plötzlichen Hinscheidens, seines theuren Amtsgenoffen, der nicht nur in nahezu vier Jahrzehnten für die Gemeinde gebetet, die Jugend belehrt, Freud und Leid mit jedem Einzelnen in der Gemeinde getheilt und in treuer Pflichterfüllung seines Amtes allezeit gewaltet, sondern auch weil er als ein talmudisch und rabbinisch gelehrter Mann ihm ein treuer Freund geworden, mit dem er so gern Rath gepflogen. Er entwarf ein lehrreiches Lebensbild des Verstorbenen, die schönen Tugenden der Berufstreue, Charaktertüchtigkeit und Friedensliebe des Verstorbenen besonders hervorhebend. Er schilderte ihn als treuen Diener seines Gottes, als berufstreuen Diener seiner Gemeinde, als treuen Lehrer, Freund und Berather der Gemeindemitglieder. Kein Auge blieb thränenleer, als der Redner ihm den Scheidegruß der Gemeinde und des Gotteshauses zurief. In die Ehre des Sargtragens theilten sich Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentanten der Gemeinde. Ein unabsehbarer Zug von Leidtragenden folgte hierauf dem Verblichenen bis an die Gruft auf dem jüdischen Begräbnißplatze. Daselbst wurde außer dem Ritual noch ein ergreifendes Gebet vom Herrn Rabb. vr. Rahmer gesprochen und zwei erhebende Lieder vom Synagogen-Gesangvereine gesungen und der Sarg eingesenkt. Die ganze Feierlichkeit machte den tiefsten Eindruck und legte ein schönes Zeugniß von der Liebe ab, welche sich der Verstorbene allgemein erworben und die sie auch über das Grab hinaus noch bewahren wird." — So ungefähr schildert ein Augenzeuge den Traueract in der „Magd. Zeit."; wir können noch hinzufügen, daß die Trauerrede auf Wunsch der Hinterbliebenen im Druck erscheint, und daß hier ein Comit6 in der Bildung begriffen ist, welches der Gemeinde die Gelegenheit geben will, ihre Ehrenschuld gegen den in ihrem Dienste ergrauten Beamten an der Wittwe desselben ehrenvollst abzutragen. Magdeburg. Nichts characteristrt so sehr den Niedergang der Judenhetze und die Hoffnungslosigkeit ihrer elenden Scribenten als ein kurzer Auszug aus den neuesten „Antisemitischen Heften" von W. M a r r. Der arme Ritter an Geist stößt folgende Seufzer aus: „Aus den Schaufenstern der meisten Berliner Buchhandlungen verschwanden die antisemitischen Schriften, während die semitischen sich breit vor dem Publikum machten." „Wie dem aber auch sei, die kronprinzlichen Worte aus der Synagoge wurden zu einer gewonnenen Schlacht für Israel und das „Vae rictis!" klang höhnisch laut in den Spalten der Judenzeitungen. Es gibt ja unter den Menschen stets eine erschreckende Anzahl oberflächl cher und abergläubischer Naturen, sowie es viel Servilismus und Streberthum gibt, die sich fürchten, eine selbstständige Meinung zu haben und denen Gesinnung und Ueberzeugung Nichts sind, als die Kammerzofen ihrer Herrschaft." „Treitschke's Auftreten in den „Preußischen Jahrbüchern" brachte einen Sturm zu Wege, als ob der „laude" Profeffor der leibhaftige antisemitische Mazziui wäre. Aber es scheint, als ob der verdienstvolle Historiker auch bereits wieder kampfesmüde geworden sei. Ernsten Männern genügt es bekanntlich nicht, von der Menge nur bejubelt zu werden. Solche Männer besitzen die Schwäche, Thaten vom Publikum zu verlangen." „Momentan steht die Sache so: Israel hat dem ersten Anprall widerstanden, und weil es nicht geschlagen ist, affectirt es einen Sieg. Israel hat seine Kräfte koncentrirt und organisirt." „An einen unabweisbaren Gedanken hat sich aber die deutsche Nation zu gewöhnen; daß zu jeder anständigen Kriegführung, welche nicht marodiren soll, Geld gehört, Kombattanten und Kontribuenten. Lasse man berufene agitatorische Naturen, wie Stöcker, I st o c z y, mich u. A. nicht isolirt. Wir müssen und werden sonst fallen,*) wenn wir einzig auf den Reiz der Neuheit angewiesen sind, wenn wir nur ein — CircuePublikum haben Eine freiwillige Antijuden st euer sei hiermit ausgeschrieben." (Aber wer wird ein Narr sein und sie zahlen?) Berlin, den 24. Juni. (Or.-Corr.) Die den Lesern die ses Blattes wol schon aus den politischen Zeitungen bekannte Thatsache, daß das Repräsenten-Collegium der hies. jüd. Gemeinde den von der Rabbiner-Wahl-Commission zum Rabbiner der hies. Gemeinde empfohlenen und vom Gemeinde-Vorstand angenommenen vr. Groß aus Augsburg mit überwiegender Majorität (14 gegen 6) ablehnte, hat nicht geringes Aufsehen, in manchen Kreisen Aufregung, bei der Mehrzahl der Gemeinde aber Befriedigung veranlaßt. Man läßl es dahingestellt, ob dieses Resultat den extrem reformatorischen Ansichten des vr. Groß — er soll sich unter Andern für Einsegnung von Misch - Ehen bereit erklärt haben**) — oder der endlich rege gewordenen Erwägung der Repräsentanten, sich von den Einwirkungen des „Ringes", der seinen schädlichen Einfluß leider schon zu lange, besonders bei Rabbinerwahlen geltend gemacht, zu befreien, zu verdanken ist. Herr Professor vr. Lazarus wie Herr Justizrath Makower haben in Folge der Abstimmung ihre Entlassung aus der Wahl-Commission und dem Repräsentanten Collegium nachgesucht. Es kann nur der Wunsch aller wohldenkenden Gemeindeglieder sein, die Einheit und den Frieden der Gemeinde zu wahren: Es wird dies aber unmöglich werden, wenn die Wahl des Rabbiners nach den Rathschlägen einer Coterie erfolgt, deren letztes Ziel die Verflachung des Judenthums zu einem inhaltslosen Deismus, die Ueberleitung der jüd. Gemeinde zu einer freireligiösen Genossenschaft ist. Berlin. Eine Festlichkeit, die alljährlich am 16. Juni, am Jahrestage des Einzugs der Truppen im Jahre 1871, hier stattfand, die Speisung der Invaliden durch den „Preußischen Frauen- und Jungfrauen-Verein" hat vorher zu einem häßlichen Scandal geführt. Der „Preußische Frauen- und Jungfrauen-Verein" ist, wie man weiß, eine wohlthätige Stiftung, die viel Gutes geleistet hat, und deren Wirken im Kriege *) Das haben dem ersten Haman Frau und Freunde vorhergesagt und es ist bekanntlich auch in Erfüllung gegangen? **) Wir vermögen nicht zu glauben, daß ein Schüler Frankel's sich durch den Glanz, Berliner Rabbiner zu werden, so sehr habe blenden lassen, daß er eine solche, das Judenthum in seiner heiligsten Institution — Familienreinheit — tödtlich treffende Concession gemacht haben solle.