Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 27 (1.7.1880)
- Date
- 1880-07-01
- Page
- Seite 233 (sequence 3)
- Language
- German
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— 233 — ausgeübt werden. Die Discusion sei frei, nur eine allgemeine Directive wöge ihnen gegeben werden. Der Antrog Blumenfeld wird einstimmig acceptirt. Den Vertrauensmännern wird die weitere Organisation der Conferenzen überlassen, und der ron t)r. Brann-Breslau erwähnte Gegenstand als Thema der Berathung besonders empfohlen. Saul-Kosten beantragt, „die General-Versammlung wolle beschließen, die Beiträge für den Lehrer-Verein wegfallen zu lassen." Er hoffe, daß dem Verein dann bald alle Lehrer in Schlesien und Posen beitreten werden. Cohn-Oels betont, daß man nur für das Interesse habe, wofür man Geld zahle. Darum sei er gegen den Antrag. K ä m p f-Görlitz und Asche r-Krotoschin schließen sich dem an. Letzterer wäre höchstens für eine Ermäßigung des Beitrags. Saul-Kosten zieht darauf seinen Antrag zurück. Es folgt eine eingehende Debatte über die tiefbelrübenden Erscheinungen, weiche die anrisüdische Strömung des letzten Jahres zu Wege gebracht. Man war darüber einig, daß die jüdische Schule vom confessionellen Hader sich nicht dürfe beirren lassen. Sie werde vielmehr nach w,e vor ihren Zöglingen als die obersten Grundsätze der Sittenlebre die Worte der Schrift einschärfen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", und: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat nicht ein Gott uns geschaffen? Warum sollen wir einer gegen den Anderen treulos sein?" Schluß der Sitzung 2 Uhr. Die Behandlung des weltgeschichtlichen Unterrichts vom jüdischen Standpunkte. Von einem jüdischen Lehrer. Der Verein jüd. Lehrer in der Provinz Hannover hat auf seiner letzten, am 24. Mai stattgefundenen Generatversammlung nach einem Vorlrage des Herrn vr. Guttmann- Hildesheim: „In wie weit verdient in einer israelitischen Volksschule die jüdische Geschichte beim Unterrichte in der Weltgeschichte Berücksichtigung" folgende von Herrn vr. Meyer- Hannover gefaßte Resolution angenommen: „Beim Unterrrchte in der Weltgeschichte in den jüd. Schulen ist der jüdische Gesichtspunkt nicht aus den Augen zu verlieren, um die Weltgeschichte nicht in einseitiger Weise den Kindern zu lehren." Der jüd. Gesichtspunkt ist bei der Behandlung des weltgeschichtlichen Unterrichts in jüd. Schulen nicht aus den Augen zu verlieren, — so lautet die pädagogische Forderung, die wir ru folgenden Zeilen einer pädagogischen Beleuchtung unterziehen möchte». Herbart sagt: „Die Geschichte ist die Lehrerin der Menschheit, und wenn sie es nicht wird, so tragen die Juaendlebrer der Geschichte die Schuld." Dieser Ausspruch unseres großen Meisters dringt mit unabweislicher Nothwendigkeit u> uns, bei der Behandlung des Geschichtsunterrichts eine solche Richtung emzuschlagen, um einen heilsamen, segendringenden Einfluß auf die Kindesnatur zu erzielen. Seitdem eine Geschichteforschung existirt und uns das Ergebniß derselben in den umfangreichsten universalhistorischen Werken bis auf die kleineren und kleinsten Compendien dargereicht wird, ist die Geschichte, die Lehrmeistenn der Menschheit, mehr oder weniger in das religiöse und politische Parleigetriebe hineingezogen und tendenziös zugestutzt worden, je nach dem Standpunkt des Geschichlsdarstellers, der sich eben von den sich bewegenden Ideen seiner Zeit, worin er lebt, beeinflussen läßt, so daß das Wort Göthe's nur allzuwahr erscheint: „Was ihr den Geist der Zeiten nennt, das ist der Herren eigner Geist." Geschichte »st aber die Darstellung des Geschehenen. Es tritt darum als die erste Pflicht an den Geschichtslehrer heran, die Thatsachen darzustellen, wie sie sich wirklich zugetragen haben.^ mit der retnsten Objectivilät, frei von jedem religiösen Sonderinteresse. Ich verweise nochmals auf die schwere Verantwortung, von der Herbart spricht. Die concreten Gestalten der Geschichte müssen ohne jede Zuthat, ohne jede Färbung von Seiten des Lehrers auf den Schüler wirken. Es schließt das nicht aus, daß der Lehrer mit einer Wärme der Begeisterung, mit dem Aufwands seiner ganzen sittlichen Persönlichkeit den Kindern ein anschauliches Bild von dem Darzustellenden giebt; wie gesagt, die Thatsachen allein sollen reden. Sonst erziehen wir Menschen — eine harmonische Entwickelung des Schülers ist doch die höchste Aufgabe des Erziehers — Menschen, die im späteren Leben mit der Non-licirist-Erklärung Herausrücken: Diese behaupten so, jene also. Zweideutigkeiten sind aber unsittlicher Natur und sie entstehen, wenn wir nicht beim Unterrichte — hier speziell in der Weltgeschichte — den allgemein sittlichen Maßstab anlegen. Während der katholische, sich großer Objectivität befleißigende Weiter die Reformation eine kirchliche Revolution u. s. w. nennt, merkt man dem „Pütz" nichts von seinem Katholicismus an. Mir liegt eine Recension über den Leitfaden zur allgemeinen Geschichte von Prof. Lange vor, worin der Satz monirt wird: „Die protestantische Kirche, die ihren Mitgliedern große Freiheit im Thun und Glauben gewährt u. s. w." Der Recenseut bemerkt hierzu mit Recht: „Die Pastoralconferenzen in der Oranienstraße sind doch anderer Meinung." Man denke sich als Pendant zum Lange den christlichconservativen Dittmar. Man denke sich Geschichtswerke im Sinne des alten, neuen, griechischen oder Deutschkatholicismus; des oberkirchenräthlichen Christenthums, des evangelischen, lutherischen, reformirten oder des Protestantenvereins. Eine Bearbeitung der Weltgeschichte vom jüdischen Standpunkte von einem Lehmann, einem Philippson, oder gar van einem Schreiber und Complicen!! Der Emheilsgrund bei der Geschichtsdarstellung muß der rein mensch l i ch e sein und der Geschichtslehrer, der diese Ansicht vertritt, steht nach meiner Ansicht auf einem allseitigen Standpunkte. Es fallen mir die Worte ein, die ich vor einiger Zeit in dem Vorworte eines Religionswerkes von Kehr gelesen: „Möge unsere Liebe immer mehr katholisch u. s. w. allumfaffend, unser Glaube imnter mehr protestantisch werden u. s. w., Protest einlegen gegen jede Art des Gewissenszwangs" und — füge ich hinzu— die Hoffnung auf jüdischer Basis ruhen, daß die rein sittliche Lehre, d. i. die jüdische, sich dereinst über den ganzen Erdball verbreiten werde. Wenn die obenerwähnte Resolution davon spricht, daß eine Einseitigkeit beiNichtbeachtungdes jüd.Gesichtspunktes herbeigeführt wird, so liegt die ähnliche Tendenz zu Grunde, wie sie uns Diltmar in der Einleitung zu seinem Leitfaden der Weltgeschichte vorführt: „Der Einheitsgrund, von welchem die Darstellung getragen wird, ist entweder der politische, oder der ethische, oder der religiöse, oder der allgem ein menschliche, nämlich der christliche u. s. w." Der individuell christliche sowohl, als auch der individuell jüdische Standpunkt sind als einseitig anzusehen. Der weltkundliche Unterricht überhaupt — und darunter ist ja bekanntlich „Geschichte" begriffen — muß frei von kirchlichen Anschauungen bleiben. Das trennend confessionelle Element gehört in die Religionsstunde. „Ter Lehrer der Geschichte hat demnach an seiner Stelle im Dienste seines eigenen Volkes, nicht in eigenem Namen, noch im Namen einer besonderen Kirchengemeinschaft oder Partei dastehend, nicht die Aufgabe, das Facit seiner religiösen und politischen Erfahrungen, dargestellt in seiner confeffionellen und politischen Stellung zum leitenden Prinzip seiner Darstellung zu machen, sondern jedem religiösen oder politischen Glauben sein durch redliche Ueberzeugung geschaffenes Recht lassend, bas Verstaudniß der verschiedenen Richtungen zu erschließen, ihre Mitwirkung an der nationalen Arbeit anzuerkennen und damit die Grundlagen wahrheitsgemäß aufzuzeigen, die zur Bildung einer begründeten Ueberzeugung erfordert werden." Berichte und Correjpondenzen. Deutschland. Magdeburg, 24.Juni. (Or.-Corr.) Es wareine tiefergreifende Trauerfeier, welche am Sonntag Nachmittag im hiesigen Tempel stattfand; so beklagt, beweint und betrauert eine Gemeinde nur einen Beamten, den sie in Wahrheit geliebt und geschätzt, an dem