Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 26. (23.6.1880)
- Date
- 1880-06-23
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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'SSS^S Bcilagc zur „Jsraclitischci, Wochenschrift." i?r. 26. Magdeburg, den 23. Juni 1880. 11. Jahrgang. K e lt i U c t o u. Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus Eine wahre Geschichte aus der zweite» Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. 6. DerBescht. Israel Bescht lachte sich recht vergnügt ins Fäustchen, als man aus purer Ueberraschung das Wiederverkünden des Bannspruches — als Schlußformal der Assifa — gegen die Antagonisten des Talmuds und ihr neues Testament, den Sohar, unterließ. Ob zwar der Bannstrahl bei ihm längst ein verbrauchtes Pulver war, so sah er es doch als ein gutes Omen an, daß er heute nicht zum zweiten Mal aufblitzte. Dadurch ermuntert, beschloß er, der auf solche Omina als himmlische Fingerzeuge viel gab, das Eisen zu schniieden so lange es noch warnt. Er begab sich daher lnoch am selben Abend zu Chaim Prostak, zu dem Manne, den er sich zu seinen Zwecken aussah. — Ehe wir ihn jedoch that kräftig in unsere Erzählung eingreifen lassen, wollen wir das Wenige was uns von seiner Lebensgeschichte bis zum Tage seines öffentlichen Auftretens bekannt ist, kurz und gedrängt Zusammentragen. Israel Bescht hatte im ersten Viertel des 18. Jahrhnnderts in Zadebrowa. einem Dorfe zwischen Przemys'l und Jaroslaw, auf der Route von Lemberg nach Krakau, das Licht der Welt erblickt. Sein Vater Leiser beschäftigte sich neben dem Betrieb des Schnapsausschankes auch mit dem Roßhandel. Leiser der Roßhändler lebte lange Zeit mit seiner Frau Fradcl, die den Wirthshausgeschäften allein Vorstand und auch wegen der guten Küche, die sie führte, viele Gäste an sich lockte, in üngesegneter Ehe. Eines Tages widerfuhr diesen Leuten eine große Bescheerung. Chaim Malach, der berüchtigte Verkünder des Wiedererscheinens des messianischen Schwindlers Sabbathai Zewi, der sich selbst als dessen Vorläufer gebehrdete, lehrte bei ihnen ein, und verweilte dort ziemlich lange. Der arme Messiasverkünder, konnte, wie es von einem Malach selbstverständlich ist, seine Zeche baar nicht bezahlen, er ertheilte den Leuten aber dafür den Segen, über den er naturgemäß reichlich verfügte: „Es möge ihnen ein Sohn geboren werden, dessen Ruhm (Sehern tob), von einem Ende der Welt bis zum andern erklingen soll." — Der Segen traf ein. Fradel gebar einen Sohn und sie nannte — der Roßhädler Leiser schmachtete seit einigen Jahren (in Folge eines Betrugs-Verdachtes) in schwerer Haft — seinen Namen Israel Balschemtob. Andere meinen, diesen Namen habe ihm der damalige Przemys'ler Rabbiner zum traurigen Andenken an seines Vaters Kerkerhaft beigelegt, lucus a non lucendo. Genug an dem, der Junge entwickelte sich bald so sehr, daß in seinem zweiten Jahre, als dem Vater die Kerkerniauern nach fünf Jahren geöffnet wurden, seine Mutter ihn als einen vierjährigen ausgeben konnnte. Vater und Mutter verwendeten viel auf die Ausbildung ihres einzigen Kindes. Die bedeutendsten Melamdim (obscure Talmudlehrer) wurden für hohes Geld ins Haus genommen. Der Balschemtob aber zeigte die wenigste Lust zum Lernen. Seinen Melamdim, die mit ihren Zöglingen ebenso schonend, wie die Thierbändigcr mit ihren Wilden umzugehen pflegten, erwiesen sich ihm gegenüber ganz unvermögend, er kratzte ihnen vielmehr förmlich die Augen aus. Er mar ein unbändiger Wildfang und wir können die Tatsache nicht verschweigen, daß er in seinem wilden und trotzigen Wesen im zwölften Jahre seines Lebens, seiner Mutter einen Fußstoß versetzte, der ihren Tod herbeiführte. Das war tnr Grund seines plötzlichen Verschwindens aus dem väterlichen Hause. Er trat in Dienst, oder verkaufte sich vielmehr einer gerade nach jenem Vorfall vorbeiziehenden Wandercomediengesell - schaft, einer zweifelhaften Sorte von Seiltänzern, Taschenspielern und Hocuspocusmachern. Aber er hielt's auch da nicht lange aus. Das Seiltanzen mochte ihn eben so wenig angesprochen haben, wie die Geistessprünge, die seine Talmudlehrer mit ihm beim Studium des Taltnuds anstellten. Als er eines Tages mit seiner Reisegesellschaft, auf dem Wege nach Jaslowiec in Przylowice über Nacht bleiben mußte, und er diesen Tag besonders viel auszustehert hatte, vertraute er sich dem dortigen Arrendator, der Jude und der Vater der in unserer Ezählung eine so wichtige Rolle spielende Ester war. Esters Vater fühlte Mitleid mit dem Jungen, der damals kaum 15 Jahre zählte, und wußte ihn so lange versteckt zu halten, bis jene Tausendkünstler aus diesem Bereiche waren. Da der Junge noch immer so viel Wissen besaß, als ein Belfer (Behelfer, Hilfslehrer) oder ein jüdischer Dorflehrer jener Zeit htben mußte, um hebräischen Leseunterricht den damaligen Erfordernissen gemäß ertheilen zu können, so verblieb er als solcher in Przylowice und es fiel ihm das beneidenswerthe Loos zu, das herrliche Mädchen Ester im Lesen zu unterrichten. Er führte seit diesem Tage ein Büßerleben, fastete viel, besonders Montags und Donnerstags, kasteite seinen Körper auf menschenwidrige Weise, nahm die Tauchbäder bei strengster Kälte unter offenem Himml, welzte sich nakt im Schnee (das sog. Gilgul Scheleg). Da zu kamen noch die fast ununterbrochenen Andachtsübungen' Alle Mitternächte pflegte er aufzustehen und den sogenannten Tikkun chazoth (Mitternachtsandacht), zu verrichten, wobeier die Büßlieder in einem so wehmüthig elegischen Ton absang, daß es den Zuhörer mächtig ergriff. Auch die Mußestunden des Tages — und er hatte bereu viele —, da er nur Ester und diese auch nur im Hebräischen zu unterrichten hatte, zog er sich in die Berge dieser Gegend zurück und beschäftigte sich dort mit frommer Lectüre, sodaß die Schluchten von seinem elegischen Singsang wid rhallten. Meistentheils war es das Rothwälsch des Sohar, das er weithin erklingen ließ. Da er auch noch manches Kunststückchen aus der Taschenspielerschule auszuführen verstand, war es kein Wunder, daß er bald den Ruf eines Wundermannes und Heiligen erlangte. Als Ester fertig lesen konnte und damit Bescht's Thätigkeit in Przylowice zu Ende war, zog er nach Jaslowiec, wirkte dort in gleicher Eigenschaft abwechselnd als Kinderwinkellehrer oder als Belfer, d. h. als Gehilfe bei einem solchen. Sein asketisches Leben trieb er hier mit einem gewiffen Aufwand In der Mitte seiner dreißiger Jahre hatte er in dieser Gemeinde bereits ein solches Ansehen und einen solchen Ruf der Heiligkeit erlangt, daß, als die Sohariten das talmudische Judenthum zur öffentlichen Disputation herausforderte, und das einseitige Talmudstudium, den jüdischen Geist derart verflachte, daß die gesammte polnische Judenheit nicht einen einzigen gewandten Mann zu stellen hatte, er es wagen durfte sich selbst, Wunder verheißend, vorzuschlagen und man thöricht genug war, darauf wie auf baare Münze zu zählen. Solcher Art war der Mann, der sich mit dem Gedanken einer neuen Sectenbildung im Judenthum trug, und jetzt sehen mir ihn an die Verwirklichung seiner längst gehehegten Pläne gehen. Er trat gerade in demselben Augenblick nnangemeldet bei Chaim ein, als dieser mit Ester, die ebenfalls den ganzen Tag gefastet hatte, bei Tische saß, um jetzt erst am späten Abend zu frühstücket!. Er war eine schlanke, hagere, man kann sagen ausgttrocknete Gestalt. Sein langes, fahles Gesicht war von einem dünnbehaarten struppigen Bart umrahint. Ein jungfräulicher Schnurrbart umschattete seinen immer verzogenen Mund. Seine unruhig umherrollenden At^en saßen tief in ihren Höhlen, destomehr dominir e seine nicht unschön geformte, geschwungene Nase. Ein langer Pekesch von glattem Cotongewebe, damit er eines jeden Zweifels von Schatnes (zweierlei Stoffe u. z meinen und