Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 26. (23.6.1880)
- Date
- 1880-06-23
- Page
- Seite 226 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 226 — die durch den großen Brand im Sommer des vor. Jahresder Synagoge, Schule und ihres Vermögens beraubt wurde. Für hebr. Literatur wurden 922 F. verausgabt, für Unter stützungen an Studirende 396 F., die Verwaltung und Propaganda erforderten 2994 F. Zu der von der Alliance geplanten Wirksamkeit in Galizien, einem Boden, der am dringendsten der Culturarbeit bedarf, fehlt noch immer das Entgegenkommen aus der Mitte der Vorgeschrittenen im Lande selber und sind die Mittel des Vereins überdies noch nicht bedeutend genug. Die Filiale in C z e r n o w i tz schlägt vor, die Alliance möge talmudisch vorgebildete Jünglinge aus den polnischen Provinzen, die in den größeren Städten des Landes an Mittel- oder Hochschulen ihre Studium betreiben wollen, in diesem Streben durch Geldbeiträge, Stipendien etc. unterstützen — eine Anregung, die principiell vom Vorstande acceptirt wurde. Um jedoch die Thätigkeit des Vereins zu concentriren und praktische Resultate im Lande zu erzielen, beschloß der Vorstand, geleitet von der Ansicht, daß nur ein Institut, von dem Bildner ausgehen, auch Bildung nachhaltig und in allen Theilen zu verbreiten im Stande sei, demnächst an die Errichtung einer Anstal t zur Heranbildung von Religionslehrern zu schreiten. Leider besteht in der österreichischen Reichshälfte keine derartige Anstalt und doch wird der Bestand und die Mrkfamkeit einer solchen mit Rücksicht auf die nach dem gesetzlichen Ausmaße geradezu minimale Ausbildung der jüd. Zöglinge in den Disciplinen der jüd. Religionslehre, wie namentlich im Hebräischen, an den Volksschullehrer-Bildungsanstalten von Jahr zu Jahr ein dringenderes Bedürfniß. Es scheint uns dies ein sehr glücklicher Gedanke und wünschen wir lebhaft, baß derselbe baldmöglichst ins Leben gerufen werde. Die Alliance zu Wien hat sich den Bemühungen der Schwester-Vereine, die Entscheidung b r rumänischen gesetzgebenden Factoren in Angelegenheit der rechtlichen Stellung der Juden in Rumänien zu ihren Gunsten zu lenken, angeschloffen — wieder ohne Erfolg. Es gelang dem Vorstände mit Hilfe der Presse den willkürlichen Ausweisungen jüd. Gewerbsleute aus Rumänien Einhalt zu thun. Im klebrigen hält die Alliance in Betreff der äußeren Stellung der rumänischen Juden ihre Aufgabe für erschöpft, indem sie die Erringung der vollen Gleichberechtigung von der Ausdauer und dem Fortschritt der Glaubensgenoffen Rumäniens selber erwartet. Die Mitgliederzahl hat sich vermehrt und st eg von 538 auf 611. Die Herren G. Zer ko witz in Triest und Dr. Jacob Tauber, Rabb. in Eibenschitz wurden zu Correspondirenden, Hr. Prof. vr. Graetz in Anerkennung seiner hohen Verdienste um das Judenthum zum Ehrenmitgliebe ernannt. Eine Filiale constitrurte sich in Czernow.tz mit Hru. Landrabb. vr. Igel an der Spitze. Das Vermögen der Alliance erreichte im I. 1879 die Höhe von 114,700 F. in Effecten, Baarbestand 2574 F. An Jahresbeiträgen gingen ein: 3497 F. 208. an Spenden 269 F. 51. Den Schluß des Berichtes bildet ein Rückblick auf die bisherigen Erfolge der Alliance und ein Ausblick aus die Zukunft, den der Präsident Josef Ritter von Westheimer mit d:r ihm eigenen Wärme der Empfindung geschrieben. Bei der am 6. Mai d. I abgehaltenen General-Versammlung wurde der Bericht genehmigend zur Kenntniß genommen, die ausgeloosten Vorstands-Mitglieder nnedergewählt, in den Beirath neu Hr. Jacob Freund, vr. Alfred Stern forderte den Vorstand auf, in seinen Bemühungen um die Rechlstellung der rumän Juden nicht zu ermüden, Herr Feßler beantragt die Creirung von Stipendien für jüo. Theologie-Studirende und die Mitwirkung der hebr. Blätter in Galizien für die Bildungszwecke der Alliance. Der Vorsitzende erwidert, daß der Verein nicht ein Wohlthätigkeits-Nerein im hergebrachten Sinne sei und daß die galiz. Juden auch deutsch geschriebene Zeitungen zu lesen im Stande seien, llebrigens wurden diese Anregungen vom Vorstande zur Kenntniß genommen. Wir schließen dieses Referat, indem wir dem Vorstande, namentlich dem mit jugendlichem Feuereifer an diesem Werke arbeitenden Hr. v. Werthermer, der kürzlich das 80. Lebensjahr glücklich erreichte, unsere vollste Anerkennung und unsere besten Glückwünsche für das Gedeihen seiner Bestrebungen aussprechen. — Am letzten Pfingstfeste behandelten unsere lieben Predidiger, sowohl Herr vr. Jellinek, als Herr vr. Güdemann, von den Kanzeln daffelbe Thema: Die Apostasie. Es häuften sich nämlich in letzter Zeit die Fälle von Austriltserklärungen aus dem Judenthum in bedenklicher Weise, freilich, wenn man näher ans die Motive sieht, aus rein äußeren Motiven. Beide Prediger sprachen mit edlem Feuer und ergriffen ihr Publicum. Die „Mahnrede" des vr. Jellinek: „Der Abfall vom Judenthum", ein Muster geistlicher Beredlsamkeit, ist im Druck erschienen (I. Shloßberg's Verlag). Die Rede ist geeignet, die weitesten Kreise zu interessiren. W. Kanitz (Nähren).tm Juni. (O-.-Eacr.) Aus seiner Reise nach Böhmen und Mähren hat Se. Majestät der Kaiser Franz Josef auf's Reue Gelegenheit gefunden, sich von der Treue nnd Anhänglichkeit aller seiner Völker auf's innigste zu überzeugen. In allen Städten und auf allen Stationen wurde er mit einem ungewöhnlichen Enthusiasmus begrüßt. Als er am 12. d. M. auf seiner Rückreise nach Wien die Station Kanitz-Eibenschitz paffirte, wurde ihm daselbst ein überaus feierlicher Empfang bereitet. Die weltlichen wie geistlichen Behörden ohne Unterschied der Confession, die Veteranen. Feuerwehr und Turnvereine, wie die Lehrkörper der Städte Kanitz, Eibensch.tz und der zu dem Bezirke gehörenden Ortschaften nebst einer nach Tausenden zählenden Volksmenge hatten sich am Bahnhofe eingefuuden, um den Kaiser ehrfurchtsvoll begrüßen zu können. Der Bahnhof war prachtvoll ausgeschmückt und reich beflaggt. Rach 6 Uhr Abends kam der Hofzug in Kanitz an. Der Kaiser stieg aus dem Waggon und richtete u. A. an die Bürgermeister von Eibenschitz und Kanitz huldvolle Worte. Der jüdische Bürgermeister von Eibenschitz, Herr Herm.Singer, lenkte durch seine imposante Gestalt sowohl wie durch die auf den Feldzügen erworbenen Auszeichnungen ganz besonders die Aufmerksamkeit des Monarchen auf sich. Der Kaiser ging dann einige Schritte weiter und beehrte die Rabbinen von Kanitz und Eibenschitz mit Ansprache. Beide erbaten sich die Erlaudniß, bedeckten Hauptes den üblichen Segen sprechen zu dürfen; was der Monarch auch bereitwilligst zugab. Herr Rabb. vr. Friedlünder schloß seine Ansprache mit Segenswünschen und einem begeisterten Hoch auf den Monarchen, der mit dem Ausdruck des Dankes unter nichtendenwollendem Hochrufe den Waggon wieder bestieg. vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg, 20. Juni. Die hiesige Gemeinde hat einen großen Verlust erlitten. Ihr frommer, gelehrter, auch in weiseren jüdisch-literarischen Kreisen bekannter und werthge« schätzter, hierorts von Jedermann verehrter erster Cantor und Religionslehrer A. S. N a t h a n s o n ist, nachdem er am Freitag-Abend noch dem Gottesdienste beigewohnt, in der Nacht zum Sabbath am Herzschlag plötzlich verschieden. Gemeindevertretung und Rabbiner sind soeben mit den Verkehrungen zu einem würdigen Leichenbegängniß mit vorangehender Trauerfeierlichkeit im Tempel beschäftigt, worüber wir in nächster Nr. Näheres berichten werden. Der Allmächtige sende der in die schmerzlichste Trauer versetzten Familie seinen gnädigen Trost, dem Dahingeschiedenen seligen Frieden und ewiges Seelenheil! Das Andenken des Frommen und Tugendhaften bleibt zum Segen! Magdeburg. In der dieswöchentlichen Nr. der „Zeit. d. Jud." berichtet der Hr. Rabbiner aus Brandenburg gelegentlich, daß „die Militärbehörden, wenn sie die Mannschaften jüd. Religion zum Fahneneid vorbereitet haben wollen, den Rab-