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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-06-23 · N° 26. (23.6.1880) · p. Seite 225

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 26. (23.6.1880)
Date
1880-06-23
Page
Seite 225 (sequence 5)
Language
German
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— 235 — Der besagte Verein hat die Heranbildung jüdischer Religionslehrer zur Aufgabe. Die staatliche Anstellung einen Religionslehrers an einem Seminare wurde um deswillen von vornherein allerseits gefordert und als Mittel zur Erreichung unserer Aufgabe aufs Eifrigste betrieben. Bittschriften gingen an die Regierung, an die Ständekammer, an die einzelnen Ständemitglieder. Hr. Rabbiner vr. S t e i n (Worms) und der Schreiber dieser Zeilen wurden beauftragt, persönlich als Vertreter des Vorstands in Darmstadt bei den Mitgliedern der obersten Schulbehörde Schritte in dieser Richtung zu thun. Herr vr. A. Stein fertigte nach dieser Audienz noch ein Memorandum aus, in welchem er unsere Wünsche darlegte. Der Schreiber dieses hatte als Mitglied verschiedene Commissionen, welche bei der Neuorganisation des hessischen Volksschulwesens (Entwurf der Lehrpläne u. dgl.) thätig waren, vielfach Gelegenheit, in privaten Besprechungen in dieser Richtung seinen Einfluß geltend zu macken. Die Regierung erklärte. daß sie gleich von vornherein bei Errichtung des neuen Lehrer-Seminars in Alzey den Wünschen der Juden Rechnung tragen würde; denn nur hier bietet sich hierzu die Möglichkeit oder vielmehr die paffende Gelegenheit: Alzey ist der Sitz eines Rabbiners, der vom Staate anerkannt ist; in Friedberg und Bensheim, den seitherigen Seminarorten ist kein Rabbiner! Diese Erklärung wiederholte die Regierung öfters — schriftlich und mündlich; zuletzt in Folge einer Interpellation des Abgeordneten Wolsskehl in einer Sitzung der Kammer im Febr. dieses Jahres. Sie stellte hierfür 240 M. (für 4 Stunden wöchentlich), in's Budget des Seminars, genau so viel wie für einen Religionslehrer einer Klaffe einer der anderen Confeffionen — Während der ganzen Verhandlung wurde von keiner Seite das Ansinnen gestellt, daß wir auf einen Lehrer in Friedberg bestehen oder auch nur ein besonderes Gewicht legen sollten. Es lagen hierzu auch keinerlei Gründe vor. Höchstens hätten wir p r o v i f o r i s ch, bis zur Fertigstellung des Alzeyer Seminars, ein solches Ansinnen begründen können. Die Herren aus Friedberg erk ärten wiederholt in öffentlicher Sitzung, daß sie die zu diesem Zwecke in den Statuten festgestellte Bestimmung, daß der Sitz des Vereins da tst, resp daß fünf Mitglieder desVorstands an dem Orte wohnen müssen, „in welchem von der Regierung für die ErtHeilung des Religionsunterrichts Sorge getragen würde" anerkennen und sich derselben fügen. Kein Wörtchen wurde von gegentheiligem Bestreben laut. Da auf einmal, ohne daß auch nur in der Einladung zur Generalversammlüng von einer solchen radicalen Umgestaltung der Statuten eine Andeutung gegeben wurde, erscheint bei der General-Versammlung ein Antrag und wird gegen allen Brauch in einer solchen Versammlung, mit Hülfe einer aus der Hirsch-Lehmannschen Orthodoxie in Frankfurt der 5 Herren aus Friedberg zusammengetrommelten Majorität, der sich leider auch der edle, ader hier uneingeweihte und irrig belehrte Dr. Bärwald angeschloffen, der famose Beschluß gefaßt, daß der Sitz des Vereins stets in Friedberg bleiben solle. Warum? Aus welchen Gründen? Man sagt: aus Orthododoxie! Aber in Wirklichkeit sinds nur mißverstandene Kahals- Jntereffen, denn die Friedberger Juden sind wahrlich nicht o r t h o d o x e r, als die Alzeyer! Der Beschluß war von vornherein st a t u t e n w i d r i g, denn die Frankfurter Herren, die mitstimmten, waren erst im Dezember und Januar eingetreien und sie sollten (nach § 25 der Statuten) ein Jahr Mitglieder sein, um stimmberechtigt zu werden. Das machte selbst der sanfte Herr vr. Stein energisch — aber leider zu spät.*) — geltend. Ich wurde nicht über stimmt —, ich wurde über schrieen. Bei ruhigem Nachdenken hätte kein Einsichtiger einem so illoyalen Beschluffe seine Zustimmung geben können, in einem Lande, in welchem das freieste Schulgesetz in loyaler Weise von humanen Männern ausgeführt wird. Wie sehr die ganze Entwickelung des jüdischen Religionsschulwesens durch *) Gegen einen statutenwidrigen Beschluß zu protestiren, ist enie zn spät. dieses Vorgehen geschädigt wird, läßt sich nicht absehen, wirb sich jedoch bald zeigen. Und warum? Nochmals warum? In Alzey wohnt der strebsame, seiner wissenschaftlichen Tüchtigkeit schriftstellerischen Thätigkeit willen in ganz Deutschland wohlbekannte, einer gemäßigten religiösen Richtung angehörige vr. Rothschild. Er wird den Seminaristen soviel Unterricht in den religiösen Fächern geben, als nothwendig ist. Reichen 4 Stunden nicht aus, — und sie werden nicht ausreichen — so kann er mehr ertheilen. auch wenn der Staat nur für 4 zahlt, denn er ist am Orte; er kann die Zeit ausnützen, wie es sich schickt. Unter seiner Leitung kann der dortige Cantor die Zöglinge für das Cantorat tüchtig machen. Er kann Einfluß gewinnen auf die religiöse und sittliche Haltung der jungen Menschen. Ec kann und wird sie in jeder Richtung stützen und fördern. Ist es zu unterschätzen, wenn der Lehrer stets in der Nähe seiner Zöglinge ist? — Er kann sie praktisch einführen in den Netigwnsunterricht (Uebungsstunden in der Religionsschule.) Sein Unterricht ist o a l ig a t o r i s ch; er ist Mitglied der Anstalts-Conferenz. wie die anderen Religionslehrer. Seine Noten zählen mit in den Zeugnissen. Wenn der Staat einen jüdischen Lehrer anzustellen haben wird, der Religionsunterricht zu ertheilen hat, wird er darauf das höchste Gewicht legen. Nach Friedberg geht zur Zeit ein junger Mann (aus der Schule vr. Hildesheimer' s), der in Frankfurt Hilfslehrer an der seit kaum einem Jahre bestehenden Religions- Unterrichtsanstalt des Herrn Rabbiner vr. Horovitz ist; ein junger Mann also, der eine sehr provtsorische Stellung hat der heule kommt, morgen geht. Dieser junge Mrnn, besten Befähigung zum Seminarlehrer mir mindestens zur Zeit noch sehr fraglich erscheint, kommt am Sonntag und wie wir jetzt vernehmen, seit Kurzem auch am Mittwoch Nachmittag, also an den einzigen freien Nachmittagen der Seminaristen! Ec kommt nach einer mehr als einstündigen Fahrt von Frankfurt gegen 2 Uhr in Friedberg an und geht nach 5 Uhr wieder weg. Der Verein muß es zahlen, o. h. wir können so viel weniger den armen Stipendiaten geben! Der Unterricht dauert 3 Stunden in einem fort — nicht 5 Stunden, wie es in Nr. 21 d. Z. heißt, und ist) facultativ! Die Anstalt kann sich um einen solchen Mann und seinen Unterricht nicht kümmern. Ec wird ignorirt und kann keine Note ertheilen. Der Staat erkennt diesen Unterricht nicht an. Die Anstatt wird in^ Folge dessen auch keine Rücksicht auf die jüdischen Zöglinge (Sabathfeier und drgl.) im Lehrplane nehmen können, was in Alzey sicher geschehen würde. Wenn eine Spaltung durch den Vorstand des Vereins provocirt und die Zahl der juo. Zöglinge in Alzey zu gering würde, so ist vielleicht das Zugeständniß der Regierung in Gefahr! Jedenfalls aber ist der Verein, dem sich viele Private und Gemeinden nicht mehr anschließen werden, verloren! Möge also die Oeffentlichkeit entscheiden, ob ich in meiner Eigenschaft als Mitglied des Vorstandes anders handeln.und stimmen konnte. I. Klingenstein. Oesterreich. Wien, im Mai. (Oc.-Corr.*) Soeben wurde der 7. Jahresbericht der isr. Alliance zu Wien, ein stattliches 82 Seiten enthaltendes Heft ausgegeben, der Zeugniß gibt, von dem eifrigen Bemühen des Vorstandes dieses Vereins, die statutenmäßigen Zwecke desselben zu realisiren. Entsprechend seiner Aufgabe, zunächst die Volkserziehung bei den Juden durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen und durch andere geeignete Mittel zu fördern, wurden 7 Gemeinden resp. Vereine in der Umgebung Wiens mit Subventionen zwischen 100 F. und 200 F. unterstützt; Spalalo, (Dalmatien) erhielt wie alljährlich 100 F„ Serajewo (Bosnien) zum Aufbau und zur Erhaltung der Schule zusammen 1000 F. Der Bericht enthält in Beilage 1 ein Facsimile des hebr. Dankschreibens des Letla vin und der Vorsteher dieser Gemeinde, » ') Unliebsam verspätet. (Red.)

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