Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 26. (23.6.1880)
- Date
- 1880-06-23
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 224 — Emden, 11. Juni. Der Bericht über die Generalversammlung des Vereins jüd. Lehrer der Provinz Hannover (in Nr. 24 unter Hildesheim) bedarf nach mehreren Seiten hin der Ergänzung. Als officielles Protokoll für die nächste Generalversammlung genügend, weil die Anwesenden, oder doch der größte Thell derselben, die Verhandlungen kennen und wissen, was über die einzelnen Thesen gesprochen, in welche Grenzen dieselben eingeschränkt worden sind, reicht der Bericht für die Oeffentlichkeit um so weniger aus, als er zum Theil Ansichten enthält, die, wie schon die Anmerkungen der Redaktion*) beweisen, in weiten Kreisen Opposition Hervorrufen, und die in protokollarischer Form dargestellt, leicht zu Mißverständnissen Veranlassung geben. Ging es doch den Guttmann'schen Ansichten selbst in der Versammlung so. Hr. Seminarlebrer Sommer, der dieselben heftig angriff. fragte z. B.. ob er in der Brandenburgischen Geschichte neben dem Kurfürsten Joachim II. auch dessen Finanzmann Lippold erwähnen sollte u. Aehnl. Auch wurde von diesem, wie von andern Rednern betont, daß es sich keineswegs empfehle, in den jungen Gemüthern der Schulkinder stets von Neuem die Erbitterung über die Unbilden zu wecken, welche die Vorfahren erlitten;**) worauf Dr. Guttmann seine Meinung näher dahin prücisirte, daß diejenigen Personen und Ereignisse in der Weltgeschichte, welche auch in der jüdischen eme hervorragende Rolle spielen, auch nach dieser letzteren Beziehung zu beleuchten seien. So werde z. B. bei der Erzählung der Kreuzzüge in der Volksschule deren culturgeschichtliche Bedeutung nark betont, die von denselben hervorgerufenen Judenverfolgungen aber, sowie die hierbei bewiesene Bekenntnißtreue nur obenhin berührt. Das müsse in der jüdischen Volksschule anders sein. Hier sei gerade bei letzterm Punkte länger zu verweilen. Auch betonte Dr. G, daß sein Vorschlag nicht dlosKennlniß der jüdischen Geschichte, sondern eine richtigere Darstellung der Weltgeschichte bezwecke, indem Personen und Ereignisse erst dann in ihrer» wahren Lichte erscheinen, wenn auch deren Beziehungen zur jüd. Geschichte nicht blos obenhin, sondern in ihren» ganzen Umfange herangezogen würden. Unterzeichneter erklärte sich gegen den Guttmann'schen Vorschlag, zumeist aus pädagogischen Gründen. Die jüd. Geschichte sei kein Gegenstand, der sich nebenher als Anhängsel der Weltgeschichte behandeln lasse. Auch die jüdische Volksschule müsse in den acht Jahren der Schulpflicht Zeit für diesen Gegenstand finden und finde dieselbe auch nach den Erfahrungen des Redners. Dabei sei es selbstverständlich, daß die Berührungspunkte der jüdischen mit der Weltgeschichte von dem jüd. Lehrer beim Unterricht in der letzteren nicht außer Acht gelassen werden. Rach den „allgemeinen Bestimmungen" vom 15. October 1872 in der Volksschule die Weltgeschichte nicht in ausführlichem Zusammenhänge, sondern in Geschichtsbildern unterrichtet werden, und wenn auch die weiften jüd. Lehrer wegen ihrer im Allgemeinen nicht sehr großen Schülerzahl über diese eng gezogenen Schranken im Geschichtsunterricht hinausgehen. so könne doch die Hereinziehung der jüdischen Geschichte in die mit ihr in Berührung stehenden Ereignisse der Weltgeschichte einen besonderen Unterricht in ersterer nicht ersetzen. Durch einen besonderen Unterricht in der jüd. Geschichte aber, für welchen der Volksschule immer noch ein geeigneter Leitfaden fehle,***) werde auch der Hauptzweck Guttmann's, Personen und Ereignisse in wahres Licht zu stellen, soweit dies durch ihre Beziehungen zur jüd. Geschichte bedingt ist. mit erreicht. Diesen Gesichtspunkten sollten Ziff. 1, 2 und 4 der Resolution Ausdruck geben. Ziff. 3.: „Es ist danach zu streben, daß eine Weltgeschichte in diesem Sinne für jüdische Schulen geschrieben werde", fand von mehreren Seiten entschiedenen Wider- *) Mehr noch die folgenden Ausführungen des Herrn Einsenders in dem Vortrage des Hrn. Rabb. Dr. Leimdörfer auf der Hallenser Conferenz — den wir, sobald der Raum es gestattet, zum Abdruck bringen werden - nachdrücklichst betont worden. ° ***) Leimdörfer's jüngst erschienenen Leitfaden halten wir für recht geeignet, nur müßte sich der Verleger entschließen, den Preis herabzusetzen. (Red.) spruch.*) Wir wollen nur verlangen, daß die Weltgeschichte überhaupt nicht von irgend einen confessionellen Standpunkt geschrieben werde und es gtebt Leitfäden, von solchen kann ja in der Volksschule, wenn überhaupt von einem besonvern Buche. die Rede sein, welche, wenn z. B. Kohlrausch, Beck u. A. auch dtn jüdischen Schülern ohne Bedenken in die Hand gegeben werden können. Von einer besondern. mit jüdischer Tendenz geschriebenen Weltgeschichte s e i a b e r a b z u s e h e n. Denn so berechtigt auch der jüdische Particularismus auf dem Unterrichtsgebiete so lange ist, als in christlichen Schulen ein dem Judenthum und den Juden feindlicher Geist waltet, so haben wir doch keinen Grund, als Juden eine besondere Weltgeschichte in unsere Schulen einzuführen, da wir es dem jüdischen Lehrer überlassen können, die Geschichte in dem rechten Geiste zu lehren. Der Vortrag dfs Herrn Lehrer Stern- Hildesheim gab Veranlassung zu einer eingehenden Debatte über die Methode des Pentateuchunterrichts. Es standen zwei Meinungen einander gegenüber. Die Einen wollten Vorbereitung aus Grammatik und Lexicon, die Andern aus einer guten Uebersetzung.**) Die erstere vertraten dabei auch die Ansicht, daß die häuslichen Aufgaben für den hebr. Unterricht zu beschränken seien, während Letztere, zu denen auch Unterzeichneter gehörte, auch für diesen Gegenstand häusliche Aufgaben in gleichem Umfange mit den andern Gegenständen der Schule als unbedingt nothwendig erachteten. Es mußte hierbei, der Natur der Sache nach, auf den Unterschied zwischen Volks- und Religion»schule eingegangen werden, da nur für letztere in Zisf. 5 der Resolution der Umstand geltend gemacht werden konnte, daß di- Unterrichtsstunden im Hebräischen die freie Zeit des Schüe lers verkürzen." Im Uebrigen haben wir in der Versammlung einen erhebenden Eindruck von der Berusstreue und dem redlichen Streben der Lehrer in der Provinz empfangen. Landrabb. Dr. Buchholz. Ober Ingelheim (in Rheinhessen). 14. Juni. — Nachdem in Nr. 21 Ihrer geschützten Z'ttung in dem mit LI. bezeichneten Artikel aus Frankfurt a/M. mein Name genannt wurde, gestatten Sie mir wohl, die mehrfach besprochene sogenannte General-Versammlung des Vereins zur Unterstützung israel. Seminaristen im Gr. Hesse n ins rechte Licht zu stellen. Ich schwieg bis jetzt und hätte auch ferner lieber geschwiegen. Aber, nachdem ich als der einzige Gegner der ominösen Beschiüffe bezeichnet bin, ziemt es sich wohl, daß ich laut werde. Man wird keinen Anstand nehmen, meine religiöse Richtung als das Motiv meiner Gegnerschaft haizustellen. Ich habe aus meinen religiösen Än'chinungen me ein Hehl ge> macht; ich vertrete meine, Vielen zu weit gehende, Ueberzeugung, meine a l t reformistische Richtung stets ehrlich und offen. Aber mit dieser Sache haben sie mchts zu schaffen. — Meine zahlreichen Bekannten aller Richtungen — Freunde und Gegner — werden mir das Zeugnlß geben, daß ich stets mit Eifer und Hingebung für die Hebung und Förderung des isr. Religionsunterrichts und des israelitischen Lehrerstandes eintrat und daß ich mich insbesondere, was das Materielle in Hinsicht des religiösen Wiffens anbelangt, das ich vom Lehrer fordere, nur wenig oder gar nicht von den Männern der weit nach rechts gehenden Richtungen unterscheide. Sie wiffen ferner, daß ich stets auf dem Posten stehe — vnöIPB bv rVt!ÖI/K -- wenn es gilt, die Ehre des Judenlyums zu schützen und zu vertheidigen. Ich hatte dazu vielfach die Gelegenheit und habe sie stets redlich ausgenützt. Wenn ich gegen diese Beschlüsse ankämpste, so hatte ich auch hier nur die Ehre und die Wolfahrt desJudenthuns und die Förderung des Religionsunterrichts im Auge; sonst Nichts. *) Es ist fast nicht zu begreifen, wie die Versammlnng schließlich denn doch ihre Zustimmung zu dieser These 3 erlheilen konnte. Es sind uns bereits mehrere Artikel gegen vieselb« zugegangen. (Red.) **) Wir müssen hier auk un>ere Thesen (in Nr 22) hinw.isen, die einen geeigneten Mittelweg Vorschlägen. (Red.)