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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-06-23 · N° 26. (23.6.1880) · p. Seite 223

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 26. (23.6.1880)
Date
1880-06-23
Page
Seite 223 (sequence 3)
Language
German
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— 223 — Briefe aus Ungarn. Es giebt kein zweites Land in Europa, in dem die Juden in dem öffentlichen Leben der Nation eine gleiche Rolle spielten wie in Ungarn. Wenn eine Akademie die höchste Autorität eines Landes in allen Fragen der Wiffenschaft und der schönen Literatur genannt werden kann, so kann Ungarn in jedem Jahre aus dem Munde dieses Orakels die Bestätigung vernehmen, daß die Juden in geradezu unverhältnißmäßiger Weise an dem Fortschritt der Literatur und Cultur fördernden Antheil nehmen. In der Erforschung der ungarischen Sprache haben Juden so Großes geleistet, daß die Akademie nicht umhin konnte, auch in diesem Jahre zwei junge jüdische Gelehrte, Prof. l)r. Sigmund Simonyi (Steiner) und Prof. Ignatz Halnß (Fischer), den ersteren durch den großen Marczibünyipreis, den letzteren durch den Sstmuelpreis gebührend auszuzeichen. Simonyi ist obendrein noch zum Mitgliede der sprachwissenschaftlichen Sektion an der Akademie ernannt worden. Gleicher Auszeichnung hatten sich in diesem Jahre mehrere jüdische Forscher auf dem Gebiete der Naturwissenschaften zu erfreuen. So wurden die Profefforen Julius König vom Budapester Polytechnikum, Isidor Frölich von der Budapester und August Kanitz von der Klausenburger Universität z l correspondirenden Mitgliedern der dritten Klaffe an der ung. Akademie der Wiffenschaften ernannt. Auch eine nationalökonomische Preisfrage wurde von einem Juden — Jstüczy meint, die Taufe helfe Nichts — Namens Hugo Kilsnyi (Klein). Sektionsrath im Communicationsministerium, gelöst und mit dem von einem ungarischjüdischen Adeligen gestifteten Löoaypreise gekrönt. Am Ehrentage der Akademie, bei Gelegenheit der Enthüllung des Szech^nyi-Denkmals, das ein Jude geschaffen hat,*) hat das verbreitetste deutsche Blakt des Landes, der „Pester Lloyd" die Ode des größte» ungarischen Dichters Johann Arany in der gelungenen Uebersetzung des Juden Albert Sturm und das allerneueste lllustnrte Organ des Landes, „Orszüg-Vilüg", einen Festartckel über die Präsidenten und Sekretäre der ungarischen Akademie von dem jüdischen Akademiker Prof. Josef Bünöczi (Weiß) gebracht. Dieser junge Gelehrte wird wohl noch in diesem Jahre die ungarische Literatur mit einer Biographie Kisfaluvy's bereichern, auf welche die ungarische Preffe bereits jetzt mit Spannung hinweist. Derselbe wird auch in Verbindung mit Prof. I)r. Bernhard Alexander die erste Bibliothek von philosophischen Autoren in ungarischer 11 bersetzung herausgeben, für die bereits ein Verleger gewonnen ist und die Unterstützung der Akademie in Aussicht steht. Und doch ist die Betheiligung der Juden an dem neuerwachten nationalen Leben Ungarns noch so jung. D. K. Berichte und Korrespondenzen. Deutschland. Magdeburg. Die „Magdeb. Zeit" fährt fort, das Treiben Stöckers und der Christlich-Socialen scharf zu geißeln und auf das Gefährliche, das in dem Gehen- und Geschehen-Lassen dieser Aufreizungen seitens der Behörden liegt, bei Zeiten hinzuweisen. Sie schreibt unter'm 16. wie folgt: Nur noch einige Blätter nehmen von den an den Freitag-Abenden stattfindenden Stöcker'- schen Scandalosa Notiz, und dieser Verzicht auf Berichte hierüber entspringt dem Vorsatz, an dem Aergerniß, das allwöchentlich einmal gegeben wird, nicht mitschuldig zu werden. Die Christlich-Socialen freilich bilden sich ein, die Preffe lasse, weil sie ein böses Gewiffen habe, die Stöcker'schen Themata unbesprochen, und genau wie vor zwölf Jahren die Lassalle'- schen Socialisten rühmen die Socialisten des Hofpredigers von sich, das Schweigen der Gegner garantirte ihren Sieg in naher Zukunft. Wäre man damals achtsamer gewesen und hätte die liberale Partei jede Aeußerung der Socialdemokraten kritisch controlirt, um sie zu widerlegen, die socialistische Bewegung wäre vielleicht nicht so demagogisch gefährlich geworden, *) Wir kommen darauf zurück. als sie es späterhin war, und wenn jetzt mehr geschähe, um der christlich-socialen Demagogie zu wehren, wir machten vielleicht das Anwachsen von Bestrebungen unmöglich, die schließlich grade so gefährlich find, wie die Lass alle' schen Irrlehren. Beide demagogischen Agitationen speculiren auf die schlechtesten menschlichen Eigenschaften, denn sie appelliren an den Egoismus der Massen und stacheln die Besitzlosen gegen die Wohlhabenden auf. Herr Stöcker giebt seinen socialistischen Hintermännern zu bedenken : „Der Jude Bleichröder ist reicher als alle evangelischen Geistlichen zusammengenommen", und solch' ein Satz wird nie vergessen. Er prägt sich mit dem Stöcker'schen Proletariat als Vorsatz ein, Abrechnung zu halten, wenn die Umstände dies gestalten. An Dreistigkeit der Aufreizung der Armen gegen die Reichen läßt der christliche Hofprediger den jüdischen Socialisten weit hinter sich, und in diesem Verhältniß wirdHerr Stöcker gefährlicher alsLassalle, auch weil er populärer zu sprechen weiß wie der rechtsphilosophische Socialist. Sie haben jetzt in Berlin einen festen Stamm von vielen Tausenden, die bereit sind, in jedem Augenblick eine Judenhetze zu insceniren, gegen welcbe die mittelalterlichen Gräuel ein Kinderspiel bleiben würden, und nicht blos zu Juden Hetzern erzieht Herr Stöcker seinen Anhang, sondern zu Leuten, die über jeden Reichen herfallen würden. Wie lange noch wird diesem Unwesen nicht gesteuert werden? Berlin. Auf der II. Kreissynode sprach sich der Gymnasial-Director S ch o t t mü ll e r unter Anderem wie folgt aus: „Was die Christlich-Sozialen betreffe, so seien alle gebildeten Kreise einstimmig in der Verurtheilung der christlich-socialen Bestrebungen und er beantrage dehalb, im Widerspruch mit einer Bemerkung des Berichts: „Die Synode sieht die Bewegung der Christlich-Sozialen nicht als ctwasErfreuliches all, erblickt in denselben vielmehr den Heerd eines unheilvollen Zwistes und ist der Ueberzeugung, daß das Christenthum in vielen Fällen um ihretwillen verlästert wird." Dieser Antrag wird nach einer sehr heftig n Gegenrede des Pastors Diestelkamp mit großer Majorität angenommen. Berlin. Nach dem Bericht über die Kranken-Verpflegungsanstalt der jüdischen Gemeinde hat die Frequenz derselben im Jahre 1879 bedeutend zugenommen, indem 147 Kranken mit 4973 Verpflegungstagen mehr als im Jahre 1878 vorhanden waren. Im Ganzen sind 1879 zu einem Bestände von 77 Kranken neu hinzugekommen 505 Männer, 244 Frauen und 113 Kinder, in Summa mit dem Bestände 939 Krauke welche 30,515 Verpflegungstage absorbirt haben. Entlassen sind im Laufe des Jahres 771 Kranke, gestorben 84, so daß am 1. Januar 1880 ein Bestand von 84 Patienten vorhanden war. Die Gesammtausgabe beziffert sich auf 121.638.94 Mk. wozu noch 16,861,26 Mk. aus der Fremden-Krankenkaffe, 6658,90 Mk. aus der Reconvalescentenkaffe und 7191 Mk. für das pneumatische Cabinet kommen. Durch den Wohlthätigkeitssinn der Vorvorderen und Zeitgenossen, welchem die Reconvalescentenkaffe und die Fremdenkaffe ihre Erhaltung verdankt, ist die Verwaltung in den Stand gesetzt, armen Kranken bei ihrer Entlassung einen Zehrpfennig gegen die erste Noth mitgeben zu können. Durch die Fremoenkafse ist es im vergangenen Jahre möglich gewesen. 76 solcher auswärtiger Glaubensgenossen mit 4711 Verpflegungstagen ärztliche Hilfe zu gewähren, deren weniger bemittelte Heimathsgemeinden die Wohlthat der Krankenhausoerpflegung nicht bieten können. An Freibelten von 16 Stiftern derselben besitzt die Anstalt 24, an jährlichen Renten die Summe von 7841,76 Mk. In unmittelbarer Verbindung mit dem Krankenhause befindet sich ein für 40 Personen eingerichtetes Siechenyaus, m welchem bis Schluß 1879 nur 9 Personen, welche den statuarischen Bedingungen entsprechen, Aufnahme gefunden haben. Zu diesem Gründungskapttal für diese Anstalt ist ein Gesammtkapital von 232,500 Mk. vorhanden.

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