Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-06-16 · N° 25. (16.6.1880) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 25. (16.6.1880)
Date
1880-06-16
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9584058--4144-9584067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." srr. 23. Magdeburg, den 16. Juni 1880. 11. Jahrgang. Feuilleton. ( Chajim Pro stak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Une wahre Geschichte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weißmann. (Fortsetzung.) Endlich verkündeten drei wuchtige Schläge, von dem Schamesch auf dem Schulchan (Tisch) geführt, die Eröffnung der Sitzung. Das zahlreich versammelte Publikum erhob sich. Jetzt holte einer der Gemeindebeamten das Memorbuch und las daraus Folgendes laut vor: „Im Namen des Waad Arbah Arazoth (der Vierländer-Synode) und im Namen unseres Rabbiners R. Jizchak Dob Beer Halewi*) verkünden und publiciren wir den schärfsten Bann über all die Contratalmudisten, i. e. diejenigen, welche den Sohar dem Talmud entgegen- oder gar über ihn stellen, wie auch über alle die, welche mi ihnen offen oder geheim umgehen und fördern. Ebenso wird der Bann verkündet über diejenigen, welche in dem verirrenden und verwerflichen Buche Obemdatb hajamim**) und in dem nicht minder blasphemischen und apokryphen Buche „Sohar" Erbauung und Belehrung suchen u. s. w." — Ein hundertstimmiges „Amen" dröhnte durch die Hallen. Vierhundert Jahre waren verstrichen, seitdem der Erzschelm Mose de Leon seine Hirngespinste unter falscher Firma in die jüdische Literatur einschmuggelte und sein Machwerk den „Sohar" als Geheimbuch des großen Tanaiten R. Simon b. Jochai ausgab. Die damaligen Rabbinen in ihrem geschworenen Haß gegen die griechische Philosophie, die, wie sie meinten, im besten Falle „keine Früchte, sondern nur Blüthen trägt" und in ihrem blinden Eifer gegen die jüdisch-spanische Cultur begrüßten diesen Wechselbalg mit seinen halbphilosophischen Tändeleien und hohlen Phrasen als einen Tanaüen- Sprößling, in dem Wahne, er werde den erregten Wissensdurst der Juden zu stillen vermögen und drückten ihre Augen über dessen Gebrechen zu. War es ihnen doch nur darum zu thun, der Philosophie Eins zu versetzen, sie erwogen daher nicht, woher es kam und wie es zu seinem Inhalt kam. Sie haben in ihrer Verstocktheit oder Beschränktheit nicht sehen können, welche tiefe Wunden jenes Lügenbuch dem Judenthum schlagen, wie es den jüdischen Geist gefangen nehmen, und daß es den Schwindel des Sabbathianismus ermöglichen werde. Noch in später Stunde, als jener Betrug sich gewaltig gerächt, der Sabbathianismus den Sohar gegen den Talmud auszuspielen begann und ihn sogar höher als die Bibel stellte, hatte er noch soviel Autorität, daß' die Rabbinen im Autoritätsglauben befangen sich zur freien Auffassung nicht aufraffen konnten. Erst als der Sohar dem Talmud einen solchen Faustschlag ins Gesicht versetzte, daß er zurücktaumelte, ging den Rabbinen ein Licht auf, fingen sie erst an einzusehen, daß sie einem Irrlicht gefolgt, eine giftige Natter am Busen gewärmt und großgezogen haben. Es geschah im Jahre 1759 als die böse Saat auch Früchte trug. Die geheimen aber verwegenen Sabbathianer,***) Sohariten oder Contratalmudisten erhoben ihr freches Haupt; sie suchten beim Episcopat zu Lemberg nach, die Träger des Talmud zu einem öffentlichen Disput, in welchem sie die heilige Dreifaltigkeit und das Kreuz als Sacrament aus der: den Juden heiligen Schriften zu beweisen sich erboten, anzuhalten. Sie erklärten auch zugleich im Falle ihres Sieges, dessen sie sicher seien, mit ihrem ganzen Anhang die Taufe anzunehmen. Der damalige Verweser des Lemberger Erz- *) Cr war bereits im Jahre 1741 Mitglied des Waad. *») Von Nathan Azassi. *#*) Anhänger des sich als Mesiia« ausgebenden Sabbathai Z'wi. bisthums, Ritter von Mikulski, rieb sich vergnügt die Hände und war hoch erfreut, der Kirche einen solchen Triumph zu verschaffen, er betrieb daher die Sache mit besonderem Eifer und äußerster Strenge. Der Tag der Disputation wurde auf den 16. Juli 1759 anberaumt und die Rabbinen mit Androhung der härtesten Strafen aufgefordert, sich ganz bestimmt zur Disputation einzustellen. Die Kathedrale von Leniberg wurde hierzu ausersehen. Der Tag kam heran, der Zudrang war ein außerordentlicher, alle Schichten der Gesellschaft waren vertreten und lösten Eintrittskarten um hohe Preise. Jankiew Leibowitz aus Buczacz, Juda Leib Krysa, Rabbiner von Nadworna, und Salomo Schor — der mit der Taufe den Namen Wolowski annahm — aus Rohatyn, diese verworfenen Täuflinge, waren die Wortführer der Sohariten; R. Chaim Kohen Rapaport, Rabbiner von Lemberg, Jzchak Dob Beer, Rabbiner von Jaslowiec, und der wegen seiner asketischen Lebensweise im Rufe der Frömmigkeit und Wunderthuerei stehende I s r a e l — der später berüchtigte Bescht — die Vertheidiger desrabbinischen Judenthums. — Die Sache wurde schlau angelegt, um die Rabbinen zu umgarnen. Der prüfend irende Diakonus Mikulski fragte vor Allem die Rabbinen, „welches Buch sie nächst Bibel und Talmud heilighalten?" „Den Sohar" entgegneten sie mit einem Male in ihrer frommen Einfalt und nicht ohne heiligen Schauer. — „Nun verkündet ja dieses nächst Bibel und Talmud so heilige Buch — fuhr Jener fort — die Erscheinung des Messias für das Jahr 1648, heute aber stehen wir schon im Jahre 1759. Warum wollt Ihr Euere Augen noch immernicht erschließen um zu erkennen, daß der Messias bereits in der Person Jesu Christi erschienen ist?" „Jene Stelle befindet sich unmöglich im Sohar" — lautete die Antwort der Verblüfften. — Es mußten hierauf mehrere Soharcxemplare herbeigeholt werden, die bestrittene Stelle fand sich leider im ersten Theile des Sohar Seite 139 in allen Ausgaben vor. Die verblüfften Rabbinen machten große Augen, als glaubten sie es nicht. Sie wurden aber im Laufe der Disputation auch noch dessen überwiesen, daß der Sohar von der Trinität schwärme. Da Keiner von ihnen wissenschaftliche Bildung besaß, sie ihre Rechtfertigungen auch nicht selbst in einer verständlichen Sprache, sondern durch einen Dolmetscher Vorbringen mußten, und die Wunder, die sie sich von dem Asketen Israel versprochen, sich nicht einstellen wollten, verloren sie ganz den Kopf und den Muth und gaben sich besiegt. Unter schälendem Hohn und Spott wurden sie entlassen; sie hatten sich so verächtlich, gemacht, daß man ihnen nicht einmal die zweifelhafte Ehre erwies, sie zur Taufe aufzufordern. Als Juda im Todeskampf mit dem weltbesiegenden Rom sich unter seinen Trümmern begrub, hatte es sich nur mit Ruhm bedeckt. Als man den Juden im Mittelalter keine andere Wahl als Tod und Taufe ließ und sie es vorzogen für ihre Ueberzeugung mit Muth und Begeisterung zu sterben, haben sie die Welt belehrt, wie man für die höchsten Güter der Menschheit einstehen soll. . Jetzt aber gingen die Träger der polnischen Judenheit frei und unbeläftigt. aber verhöhnt und verachtet, verspottet und entehrt aus, um einen Preis, für den jeder Jude wohl lieber tausend Tode sterben wüpde. Dahin hatte es der knechtische Autoritütenglaube gebracht und das hatte ihnr das Lügenbuch Sohar, der kabbalistische Dusel, angethan. — Seit dieser Zeit erst entschloß man sich gegen das Evangelium der Kabbalisten, gegen das gefälschte Buch Sohar Front zu machen. Jacob Emden, der Hort der Rechtgläubigen, bewies seine Bastardität, R. Ezechiel Landau, Rabbiner von Prag, brandmarkte dessen Anhänger gradezu als Posch'im (Abgefallene), die Vier-Länder-Synode legte ihn in Bann und R. Jzchak Dob Beer, der sich von dessen Gemeinschädlichkeit am besten überzeugt hatte, verordnete, mit diesem Bann jede Gemeindeversammlung seines Rabbinatsitzes Jaslowiec zu eröffnen und zu schließen. Auch heute wurde damit die Assi- ■. WA

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.