Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 25. (16.6.1880)
- Date
- 1880-06-16
- Page
- Seite 217 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 217 — zu behandeln, sehen wir etwas von dem Einfluß, den die Söhne Abrahamauf die Gesellschaft der Gegenwart ausüben. Der Hebräer ist vor allen Dingen Handelsmann. Er will profitiren; er verlangt hundert Thaler. dann hundert Franken und geht schließlich auf einen Soldo herab. Es scheint, als habe die preußische Regierung etwas von dieser häßlichen Gewohnheit angenommen." So werden Bismarck - Puttkamer von dem päpstlichen Blatte als „Schacherjuden" hingestellt; das ist doch etwas zu stark. Berlin. 3. Juni. Auf die Beschwerde, welche der Vorstand der Königsberger Kaufmannschaft über die lediglich ihrer Religion wegen aus Rußland ausgewiesenen deutschen Reichsangehörigen erhoben hatte, ist aus dem auswärtigen Amte der kurze Bescheid ergangen, daß eingezogenen amtlichen Erkundigungen zufolge neuerdings ruffischerseits keine allgemeinen Anweisungen in dieser Beziehung ergangen wären. Homburg. In dem Prozeffe des Eßrogim-Händlers und MitredacteurS am Mainzer „Israelit" B r i l gegen Rabbiner Or. S ü ß k i n d , der deffen Annoncen einen „frommen Schwindel" genannt hat, ist Kläger auch mit snner Appellation abgewiesen und in die Kosten verurtheilt worden. Der „fromme Schwindel -mit den „gemaaßerten" Eßrogim aus Palästina wird nun wohl bald wieder für das nächste Succothfest auf's Neue losgehen. Lübeck. Hier fand die Einweihung der neuen Synagoge unter Theilnahme der Spitzen der städtischen und militärischen Behörden in feierlicher Weise statt. Der ganze Weg zwischen dem alten und neuen Gotteshause war mit Guirlanden und Transparenten geschmückt. In Colmar ist ein Rabbinerseminar im Entstehen. 16 Schüler sind schon da. Es fehlt nur am Direktor und an Lehrern. Diese werden in Frankreich gesucht. Ein Seminar wäre gut. Aber hier heißt's nicht die Thora zu mehren, sondern den Deutschen zu wehren! Es ist nicht entstanden aus Liebe zum Judenthum, sondern aus Abneigung gegen die deutschen Glaubensgenosien! Wir wollen sehen, ob es bestehen wird, denn was nicht Gottes wegen da ist — vergl. Sprüche der Väter 4, 11. Paris. Alexander Weill hat ein Buch unter dem Titel „Der neue Sinai, Lösung aller Probleme des Lebens und des Todes", soeben erscheinen lassen. Mit seiner jüngst verstorbenen Frau werden wohl alle Denkenden diesen Titel „zu anspruchsvoll" finden. Geistvoll ist's geschrieben, ganz in der Weise dieses Schriftstellers, der sich zum „Apostel" berufen glaubt. Paris. Der Versuch, eine rufiisch-polnische Gemeinde hier zu gründen, ist gescheitert. Geldmangel und der Widerstand der dortigen Rabbiner haben dieses günstige Resultat erzielt. (Hameliz.) Versailles, 33. Mai. Freunde und Verehrer errichteten heute dem verstorbenen 1)r. M. Hirtz, ehemals Profeffor der Medicin in Straßburg und sodann in Nancy, ein bescheidenes Monument auf dem isr. Friedhofe. Der Gefeierte war dereinst ein bedeutender Arzt, feuriger Patriot und treuer Anhänger des Judenthums, für das er oft in Broschüren und Artikeln eingetreten, wie er auch Mitglied des Consistoriums in Straßburg war. Marseille. Die Gesellschaft zur Ermunterung für Kunst unlf Handwerk unter den Israeliten hat seit ihrer Gründung (1849) 68 Zöglinge ausbilden lasien. Allein die Mitglieder werden immer weniger (von 108 sank die Zahl auf 56) und es erscheint nothwendig, den Unterricht im Ornamentzeichnen einzuführen und Prämien in Gestalt von Sparkaffenbüchern zu vertheilen. Unter Hinweis auf die Israeliten Rußlands unterstützt „Arch. isr." den Aufruf dieser Gesellschaft zu lebhafterer Theilnahme. Algier. Der Stadtrath beschloß: 1) Den Wunsch auszusprechen, daß das städtische Budget von allen Unterstützungen der verschiedenen Culte entlastet werde; 3) eine Wohnungsentschädigung an den Grandrabbi nicht zu genehmigen; 3)! 3000 Fr. Unterstützung des Presbyterialrathes und 3300 Fr. Wohnungsentschädigung für die protestantischen Geistlichen zu bewilligen. O Logik! Covstantine, 13. Mai. Die Straße, welche der Stadtrath den Namen des Herrn Norboni verliehen, ist auf Wunsch diese- Herrn „Cr^mieux Straße" benannt worden. Cavea (Creta). Am 16. Mai wurde die neue, schöne, wenn auch kleine Synagoge eingeweiht. — Der Consul Italiens Hierselbst, Herr David Segre, ist ein Glaubensgenoffe. In Bagdad wüthet die Hungersnoth fort, so daß die bedeutenden Unterstützungen (16000 M. und 1500 Rupien) verbraucht nnd weitere dringend erfordert sind. (Hamag.) Nach Bosnien find die Juden Ende des 15. Jahrh. aus Spanien eingewandert, sie halten das Andenken an ihr Vaterland fest, sprechen unter einander noch immer Spanisch, verstehen aber auch die Landessprache. Die ärmeren von ihnen beschäftigen sich mit Handwerken, die reicheren treiben Handel und Geldgeschäfte oder dienen den Behörden als Dolmetscher. Sie sind ruhige Leute, leisten jeden gern Dienste, werden aber von den Türken verachtet; ihnen wie den Zigeunern war es bis in die neueste Zeit verboten, den Todten Gedenksteine auf die Gräber zu setzen. In Serajewo haben sie einen Oberrabbiner, welchem die Rabbiner von Trawnik und Novi-Bazar untergeordnet sind. In Bulgarien genießen jetzt die Israeliten fast alle Freiheiten wie ihre andersgläubigen Mitbürger; sie haben zu wiederholten Malen ihr Wahlrecht ausgeübt. Drei Israeliten sind als Candidaten zur Abgeordnetenwahl zugelaffen worden, und wenn sie nicht gewählt worden sind, so geschah es. weil sie es mit einer bulgarischen Majorität zu thun hatten. — H. Gabriel Almosnino, der den Titel eines GroßrabbinerS von Sofia erhalten hatte, ist zu der Würde eines Großrabbiners von ganz Bulgarien erhoben und von Sr. H. dem Fürsten in derselben bestätigt worden. Zu den letzten Feiertagen hatte derselbe für die israelitischen Soldaten die Erlaubniß, das Paffah in ihren Familien zu begehen, erbeten und erlangt. Domborowo. (Kreis Horadno.) Ein junger Talmudgelehrter hat das Verbrechen begangen, nichthebr. Bücher und Zeitungen zu lesen. Sofort war die fanatische Meute hinter ihm her, ließ ihm alle Unterstützungen entziehen, denuncirte ihn wegen Entziehung von Militärdienst, was seine Arretirung zur Folge hatte. Glücklicherweise konnte er Nachweisen, daß er als zu schwach freigekommen war. Nun wurde intriguirt, daß er keine Wohnung bekam. So flüchtete er in eine einem Herrn Kevlandsky gehörige Mühle außerhalb der Stadt. — (V or-Mendelssohn'sche Zustände!) Arabien. Die Englischen Blätter veröffentlichen ein Telegramm aus Alexandrien, demzufolge sich nun auch der mächtigste Emir von Nord-Arabien, Jbn Raschid, gegen den Sultan empört hat und die Festung Bozrah im Hauran belagere. Ueber diesen Emir hört man nun Folgendes: Im Norden Arabiens und zwar nahe der Straße, die von Medina nach Bagdad führt, leben noch heute einige Nomadenstämme, die schon vor der Zerstörung des ersten Tempels aus Palästina ausgewandert waren und sich in Arabien angesiedelt hatten Ueber diese Stämme herrscht nun der genannte Jbn Raschid, deffen Residenz sich in dem Felsenschloffe Schaubek befindet. Diese Stämme befolgen noch heute die Lehren der Bibel, wogegen ihnen die Vorschriften des Talmud und der Rabbinen gänzlich unbekannt sind. Ihre Muttersprache ist das Arabische und nur wenige von ihnen verstehen noch hebräisch. Sie leben noch heute wie vor dreitausend Jahren in Zelten und erhalten sich zumeist durch Viehzucht. Dank ihrer Tapferkeit und ihrem kriegerischen Geist haben sie ihre Unabhängigkeit bis auf den heutigen Tag bewahrt. Sie sind große Freunde der übrigen Juden und senden häufig ansehnliche Geldspenden nach Jerusalem. (?)