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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-06-16 · N° 25. (16.6.1880) · p. Seite 216

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 25. (16.6.1880)
Date
1880-06-16
Page
Seite 216 (sequence 6)
Language
German
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— 216 — Auch auf dem Gebiete 'der Schul - Thätigkeit macht sich ein reges Streben kund. Man wünscht, daß sämmtliche Schulen der einzelnen Synagogen unter die Verwaltung eines gemeinsamen Schulvorstandes gestellt werden. In der Gebetsreformfrage, die einer baldigen endgültigen Erledigung entgegen sieht, machen sich nun auch die conservativen Stimmen in ruhig würdiger Weise geltend und vertheidigen den alten Ritus in allen Stücken. Es ist vorauszusehen, daß bedeutende Aenderungen die Zustimmung des Oberrabbiners nicht erlangen werden. Unsere Wohlthätigkeitsanstalten haben jüngst sehr traurige Erfahrungen gemacht, indem die Fälle sich häuften, in welchen Männer davon gingen und ihre Frauen und Familien der allgemeinen Wohlthätigkeit in gewisienloser Weise überlassen. Mit Recht sind daher die Anstrengungen zu begrüßen, die man machen will, um energische Maßregeln gegen diesen Mißbrauch anzukämpfen. Einige recht erfreuliche Thatsachen sind auch über die öffentliche Stellung der Israeliten anzuführen. In erster Linie, das Urtheil eines königlichen Schulinspectors, der die jüdischen Freischulen inspicirte. Er rühmt die geistige Entwickelung in hohem Maße, daß jene dem Umstande zu verdanken sei, daß die jüdischen Kinder noch eine zweite Sprache, nämlich die h e b r ä i s ch e, erlernten. An diese aus solchem Mund kommende Anerkennung des hebräischen Sprachunterrichts, welche überall ihre Würdigung finden möge, reiht sich eine andere sehr schätzenswerthe Anerkennung der Verdienste jüdischer Männer an. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient aber die so oft belächelte Wirksamkeit der Londoner Miffionsgesellschaft zur Bekehrung der Juden und zwar deshalb, weil dieselbe inJerusalhm Schulen und Wohlthätigkeitsanstalten unterhält, welche den Juden koschere Kost, Wohnungen mit Mesusa's, Laubhütten, Lulaw und Esrogim bietet, sie in freundlichster Weise aufnimmt und sie dabei zum Abfall von ihrer Religion verleitet. 132 jüd. Seelen sollen so in ihrer Gewalt sein. Was soll man dazu sagen, daß durch solche Ueberlastungen in der heiligen Stadt Jerusalem Juden von ihrem Glauben abgeführt werden, während in allen anderen Gegenden die Miffion vergebens arbeitet. Und das unter den Augen der frommen Rabbinen Jerusalems. Es ist die Pflicht aller Israeliten, dieser Gefahr entgegenzutreten durch Gründung von Schulen, die dieselben Vortheile bieten und doch eine strenge religiöse Erziehung angedeihen lassen. Rußland. Tiflis. Aus der Verhandlung über die Blutanklage ist hervorzuheben, daß selbst der Staatsanwalt die Freisprechung beantragt hat. Im Gegensätze zu den deutschen Hamans, die jede Andeutung, als ob sie selbst von Juden abstammten, als Ehrenkränkusg auffaffen, hat der in der Blutanklage so gehäffig auftretende Ljutostansky sich mit Tallith und Tephillin photographiren laffen, um durch dies in Buchhandlungen ausgestellte Conterfei die Meinung zu erwecken, daß er Jude und selbst Rabbiner gewesen sei. Er ist aber, wie „Hameliz" urkundlich nachweist, am 29. December 1835 als Sohn katholischer Eltern im Dorfe Blostyn (Gouvern. Kowno) geboren, erhielt Tags darauf in Kurtowie die Taufe und die Namen Thomas und Hippolyt. 22 Jahr alt wurde er zum kathol. Priester geweihet und erhielt den Namen Fulgenti. Am 28. Febr. 1864 wurde er Jermonach. Am 9. April 1868 wurde er wegen Unsittlichkeit, Erbschleicherei, falsche Denunziation und Pflichtvergeffenheit aus dem Priesterstande gestoßen und dem weltlichen Richter übergeben und bestraft. Das sind — die echten Judenfeinde. — Die Unkosten, welche die Blutanklage von Kutais verursacht, haben drei Anonyme derart gedeckt, daß zwei je 5000 Rubel und der dritte den Rest gegeben haben. „Hameliz" will nächstens ausführlich Rechnung darüber legen. In Tiflis ist die Freisprechung von Seiten der jüd. Gemeinde im Gotteshause gefeiert und der Advokat Herr Alexandrow (Herr Köpernick war schon abgereist) festlich bewirthet worden. I Petersburg. Wieder steht Herr S. P o l i a k o f f im Begriffe, Gutes zu thun und Gutes anzuregen. Es wird beabsichtigt, einen Verein zur Colonisation russischer Juden in Rußland zu gründen und ist die obrigkeitliche Erlaubniß dazu schon nachgesucht worden. Der Verein will Ackerbau- und Handwerksschulen errichten und Land (nebst Inventar) für die Ansiedelung bereitstellen. Einen kleinen Schaden scheint jdieser große Plan zu bringen, nämlich daß den Colonisten von Borispol die zum Ankäufen erforderte Anleihe von 15000 Rubel versagt wird, da alle Mittel dem großen Unternehmen zufließen. Herzerhebend ist's, wie von allen Seiten einerseits Spenden für die jüd. Colonien angemeldet werden, anderseits aller Orten Ansiedler sich finden, die ihre Habe und ihre Kraft dem Unternehmen weihen wollen. Da finden sich unter den arbeitsscheuen Juden Schmiede und ähnliche Handwerker. Aus dem Kreise Kiew. Die Gemeinde hat von jedem Militärpflichtigen, der aus irgend einem Grunde vom Dienst befreit worden ist, 50 Rubel eingefordert und es so ermöglicht, jedem Ausgehobenen 3—400 Rubel *ur Ernährung seiner Angehörigen während seiner Dienstzeit, oder zur Begründung eines Erwerbes nach der Absolvirung derselben zu übergeben. Dieses nachamenswerthe Beispiel einer freiwilligen Wehrsteuer ist die Folge eines Artikels des „Hameliz." Für die Kolonien sind in Kiew auf Veranlaffung des Herrn Brodsky 20,000 Rubel gesammelt worden, die Herrn Poliakoff überschickt werden — außer dem Beitrage (40,000 von Herrn Brodsky allein) zur Begründung einer Handwerkerschule. (Hazeph.) Von Slonim berichten russische Zeitungen folgenden Akt der Geistesgegenwart einer Jüdin. Sie hatte eine Kuh gekauft und einen Bauern gemiethet, der in einem Nachbardorfe wohnte, daß er ihr helfe, sie heimzubringen. Es entstand Unwetter und dunkelte, so daß es dem Bauern leicht gelang, sie zum Uebernachten in seinem Hause zu bereden. Nach Landessitte ward ihr eine Stelle auf dem Ofen eingeräumt, von dem aus sie in den Hof sehen konnte. In der Nacht erwachte sie mehrmals und sah mit Entsetzen, daß der Bauer eine Grube gegraben und seine Axt schärfe — Flucht war unmöglich. Die Bäuerin beruhigte in der Kammer ihr kleines.'Kind. Schnell ging die Jüdin zu dieser hin. erbot sich, da sie ausgeschlafen, das Kind zu warten, indeß könne Jene ja auf dem Ofen schlafen. Kaum war der Tausch geschehen, als der Bauer in die Stube trat. Da schlich sie zur Kammerthür hinaus und rief um Hilfe. Die herbeieilenden Nachbarn fanden den gräßlichen Wirth mit blutiger Axt vor der Leiche seiner Frau. Der Verbrecher ist den Gerichten überliefert. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Die „Wahrheit", dieses vom Herrn von Grouffilliers redigirte Antisemiten-Lüg e nblatt, stirbt an Abonnentenschwindsucht und Mitarbeüer»GehirnauSschwitzung eines elenden Todes. Die Beerdigung findet mit der letzten Nr. dieses Quartals statt. Die verderbte Welt will nun einmal die „Wahrheit" nicht hören, geschweige denn lesen und dafür noch bezahlen. O, über diese verkehrte Welt! Die „W ahrheit" vergeht und die „Liga" besteht —- aber fraget nur nicht wie. —H. v. G. hat mit seinen Wahrheit und Li cht verbreitenden Bestrebungen entschieden Pech. Er hatte vor einiger Zeit in Charlottenburg eine „Stearin- und Parafin- Lichter-Fabrik", über deren Ende der dortige „Vorschuß-Verein" Licht verbreiten könnte; doch kann hier die „Wahrheit" dem Herrn von Grouffillier selbst etwas unangenehm werden, darum laffen wir lieber die Tobten ruhen. Magdeburg. Dem judenhetzerischen Gebühren des vismarck'fchen Blattes folgt die Nemesis auf den Fuß. Das hochofficiöse Organ der Curie macht der neuesten BiSmarck'schen Kirchenpolitik den Borwurf, daß sie „jüdisch" sei. Die „Aurora" — so heißt daS nichts weniger als „rosenfingrige" Blatt, schreibt nämlich wie folgt. „In dieser Art, die Fragen

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