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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-06-16 · N° 25. (16.6.1880) · p. Seite 215

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 25. (16.6.1880)
Date
1880-06-16
Page
Seite 215 (sequence 5)
Language
German
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— 215 gesellschaftlicher Gesetzestreue, das mir neulich von bewährter Seite erzählt wurde, werden Sie wohl gestatten, durch Ihre geschätzte „Wochenschrift" in weiteren Kreisen zu verbreiten. Da Herr Rabbiner Süskind in Wiesbaden vor mehreren Jahren in Erfahrung brachte, daß der jüdische Metzger S. K... daselbst nicht nur am Sabbath — freilich bei nur halbgeöffneten Thüren des Geschäftslocals — sein Fleisch aushaue und verkaufe, sondern auch — wie man sagte — öfter, nachgewiesener Maßen aber einmal -Fleisch für "622 verkauft habe und trotz wiederholter Ermahnungen und Verwarnungen sein Verhalten nicht änderte; so hat derselbe dem Schochel seiner Gemeinde untersagt, bei K. ferner die Schächlerfunctionen auszuüben. Aber was geschah darauf hin? Der Schochet der Religionsgesellschaft*) zu Wiesbaden übernahm von nun an die Schächte rfunctio'n bei dem Metzger K, und dieser betrieb von nun an sein Geschäft am Sabbath erst recht bei geöffnetem Laden. Und so ist es gevlieben bis zu dem vor mehreren Wochen erfolgten Tod des K. — Die Glossen zu dieser religionsge sellschaftlichen Gesetzestreue können wir wohl dem einsichtigen Leser überlassen. (AebnlicheS haben wir ja aus der T r ierer Separatgemeinde berichtet. Das ist ja. was wir mit „T rotz- O rthodoxie" bezeichnen; der der Trotz höher steht als der ganze Schulchan-Aruch. Red.) Bad Ems. Unter Bezugnahme auf die in Nr. 20 d. Bl. stehende Mittheilung über den ältesten jüd. Lehrer Dickstein sehe ich mich zur Richtigstellung des Sachverhalts zu folgender Bemerkung veranlaßt: Dickstem ist ein geborner Pole, welcher 1813 mit den Ruffen nach Deutschland kam und damals etwa 20 Jahre alt war. Er ließ sich im Nassauischen nieder und nahm bald hier und bald dort israel. Schulstellen an. Nach Ordnung der isr. Cultusanstalten bestand er (unter besonderer Berücksichtigung) die Anstellungsprüsung. Er stand früher unter dem Rabbinat von Weilburg und mußte daselbst bei geringer Besoldung außer der Schule an seinem Wohnsitze noch 3—4 Filialschulen versehen. Als derselbe im Jahre 1860 unter mein Rabbinat zu stehen kam, erleichterte ich ihm diese Last mit den Filialschulen und hätte auch für ihn den Jahresbeitrag von 2 Thalern an den 1864 gegründeten Unterstützungs-Verein (Achawa) bezahlt; allein, da er damals schon weit über 50 Jahre alt war, konnte er — wie dies die Redaction d. Bl. mit Recht voraussetzte — keine Aufnahme finden. Jedoch erhielt er bis jetzt auf meine Empfehlung vom Collegen Herrn Dr. Stein und sonstigen Glaubensgenossen in Frankfurt a/M. zeitweise Unterstützungen; und werde ich bei der nächsten Zusammenkunft des hierländischen Synagogenraths eine bestimmte Subventionfürdiesenunverheiratheten und altersschwachen Lehrer beantragen, sowie ich auch bereit bin, Gaben für denselben zu übermitteln. Dr. Hoch städter. O efierreich-Ungarn. F. Wien. In seiner am 24. v. M. im Herrenhause gehaltenen sensationerregenden Rede sagte Herr Anton Ritter v. Schmerling unter Anderem: „Wir haben es zur Zeit dahin gebracht, daß besonders in den galizischen Regimentern — bei aller Achtung für diesen Stand — die Juden es sind, die das Hauptcontingent für die Unteroffiziere liefern, weil sie die Einzigen sind, die noch Deutsch sprechen, und die daher mit den Offizieren eine Vermittlung gegenüber der Mannschaft ausführen können. - Diejenigen Herren, die so sehr ge¬ *) Wie ich höre, hat diese ReligionsAesellschaft — was bekanntlich bei Schwerkranken zuweilen geschieht — ein Qtfn eine Namensveränderung vorgenommen, indem sie sich nunmehr Altisraelitische Cultus- Gemei nd e nennt. Diese dem Altkatholizismus abgeborgte Benennung ist aber deswegen falsch, weil der Altkatholizismus in ver katholischen Kirche dm Fortschritt oder doch wenigstens Opposition gegen den Rücktritt bedeutet, während die isr. Religionsgesellschaften dem krassesten Rückschritte auf dem religiösen Gebiete huldigen. Die Benennung ist aber zugleich auch ein beschämendes Armuthszeugniß für bm Namengeber, der wissen mußte, daß derAlt-Jsraelitische Cultus nichts anderes als der von Jerobeam eingesührte Kälberdienst ist. gen das jüdische Element eingenommen sind, und ich schwärme gerade auch« nicht für daffelbe (Heiterkeit), mögen sich fragen, ob es gerade angenehm ist. daß unsere gesammten Unteroffiziere Juden sein werden." Man sieht also, daß selbst die uns sonst Wohlgesinnten sich noch immer nicht von ihren mit der Muttermilch eingesogenen Vorurtheilen emancipiren können. Aus Ungarn. (Jahresbericht des Budapester Zweigveretns der Alliance Jsraelite Universelle 1879.) Es kann nur vom Uebel sein, wenn sich die Juden jedes einzelnen Staates zusammenthun, um eine eigene Alliance zu bilden; es ist dies eine Alliance ohne Alliirte. Wo die Kräfte nach verschiedenen Richtungen hin sich zersplittern , wo an Stelle der Einheit die Vielheit tritt, da kann die Wirkung nicht so mächtig sein, als sie durch das stärkende Band der Eintracht werden müßte. Uud welchen Sinn hat es auch hier, eine Trennung durchzuführen? Ist doch der Zweck der „Alliancen" kein anderer als der, überall dort, wo unsere Brüder unter Druck und Verfolgung leiden, Abhülfe zu schaffen, überall dort, wo die wohlthuenden Factoren „Cultur und Bildung" noch nicht bei unseren Glaubensgenoffen wirksam sind, sie pflegen zu lassen, auf daß die in Finfterniß Wandelnden ein neues Lichk erblicken. Non diesem Gedanken geleitet, haben es einige wohlgesinnte Männer in Budapest trotz gegensätzlicher Strebungen, welche eine „ungarische Alliance" beabsichtigten, durchgesetzt, daß in der ungarischen Capitale und von da ausgehend im ganzen Lande sich ein Filialverein der Alliance Universelle gebildet hat, von deffen Blühen der soeben ausgegebene erste Jahresbericht zeugt. — Gegenwärtig zählt der Verein in Budapest 322, in den Provinzialstädten 198 Mitglieder. Von den Vereinsbeiträgen und sonstigen Leistungen wurden an das Centralcomit4 in Paris 2125 Gulden 15 Kreuzer ö. W. eingeschickt. Der Verein hat sich an dem am 29. Februar d. I. im Cultustempel zu Badapest abgehaltenen Trauergottesdienst zum Andenken Crärnieux' vollzählig betheiligt und drückt den Herren Prediger Dr. S. Kohn und Obercantor M. Friedmann seinen Dank aus. Ein besonderes Requiem des Vereins ist in Aussicht genommen; ein Stipendium für Juristen mosaischen Bekenntnisses, welches den Namen des verewigten Cr^mieux führen wiro, soll an der Budapester Universität gegründet werden; der Fond soll durch freiwillige Beiträge aufgebracht werden. — Ueber die Wirksamkeit der „Alliance Isr." i. I. 1879 hat in derselben Plenarversammlung Herr Prof. Dr. D. Kaufmann mit begeisternder Beredsamkeit Vortrag gehalten. England. London. Eine sehr anerkennenswerthe Einrichtung befestigt sich hier immer mehr und verspricht sowohl den Synagogenbesuch lebhafter, das religiöse Denken gründlicher, als auch die Predigten anregender und gediegener zu gestalten. Es wechseln nämlich die Prediger der verschiedenen Synagogen in ihren Vorträgen ab. Es ist zu erwarten, daß das Bedürfniß nach einer gediegenen Predigt immer reger wird und der auffallende Zustand, daß 5 Predigerstellen unbesetzt sind, bald beseitigt sein wird. So wünschenswcrth es auch ist, daß jeder sich Berufenfühlende öffentlich lehre, so ist es doch, der Ordnung, der Würde und der Verantwortlichkeit dieses Amtes halber nicht, wie es von einer Seite gewünscht nurd, zulässig, daß Männer, die keine zureichende Prüfung bestanden haben, 'dieses synagogale Amt bekleiden. Eine andere freudige Wahrnehmung bietet das immer wachsende Interesse au wissenschaftlichen Vorträgen. Unter dem Vorsitze des Gelehrten vr.S. M. Sch iller-Szineffy hielt in einer sehr großen Versammlung am 9. Mai Rabbiner Green einen Vortrag über die philisophischen Gedanken innerhalb des Judenthums während des 1. und 2. Jahrhunderts u. d. g. Zeitr. In diesem Vorträge gab er ein biographisches Bild von Elischa (Acher) und eine Darstellung der gnostischen Anschauung, wobei er interessante Erklärungen talmudischer Stellen gab. Ebenso hat Prof. Marks Vorlesungen gehalten.

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