Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 25. (16.6.1880)
- Date
- 1880-06-16
- Page
- Seite 213 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 215 Die Jntereffenten, welche aus den ärmeren Klaffen Amsterdamer Juden bestehen, deren Zahl nicht unbedeutend, wandten sich an den Gemeinderath mit dem Ersuchen, sie im Genüsse ihrer seit jeher innegehabten Stellen in den erwähnten Straßen auch fernerhin s o l a n g e zu belasten, bis ihnen ein anderer Platz, dem alten entsprechend, angewiesen werde. Anspruch darauf meinten sie deshalb zu haben, weil damals, als der erwähnte Beschluß im Stadtrathe gefaßt wurde, Bürgermeister und Affefforen zugleich aufgefordert worden waren, einen geeigneten und interimistisch genügenden Platz für den Markt einzurichten, bis die Verschüttung der Leproezengracht, die ausdrücklich für den künftigen Markt bestimmt worden, vollendet sein werde. Nun aber ist die Dämpfung der Leproezengracht noch nicht zu Stande gekommen; der andere Platz hingegen, der den Hausirern angewiesen wurde, sei, nach allgemeiner Beurtheilung, durchaus dem Zwecke nicht entsprechend. Denn der Raum sei zu klein, um Alle aufnehmen zu können, sodann sei die Lage für Kunden nicht geeignet. Deshalb hielten sich die Kleinhändler berechtigt, ihre alte Stätte zu behalten, was sie auch in ihrem Gesuche an den Gemeinoerath angaben. Diese Umstände aber wurden leider nicht berücksichtigt und ungeachtet im Rathe eine Stimme für die Willfahrung des Gesuches sich erhob, wurde es doch abweislich entschieden. Demzufolge erging am 23. April Seitens des Bürgermeisters und der Affefforen die Verordnung an die Polizei, die Straßen im Judenviertel von Ausstellung der Karren n. s. w. zu säubern. Die durch diese Maßregel hart betroffenen Jntereffenten aber konnten sich mit dieser Verordnung durchaus noch nicht befreunden, und am 31. dss., am Freitag, an einem der sonst für sie geschäftreichsten Tage, kam es zum Ausbruch zwischen ihnen und den Polizeiagenten. Letztere drangen ohne Erbarmen auf Räumung dieser Straßen, während die armen Hausirer nicht so schnell den Aufforderungen nachkamen, indem sie sich begreiflicher Weise von der Stätte, wo sie Jahrelang ihren und ihrer Familie Unterhalt gefunden, nicht ohne wehmüthiges Zaudern entfernen konnten. Bei solcher Gelegenheit kam es auch zu unerquicklichem Wortwechsel zwischen beiden Parteien; die Gemüther wurden erhitzt, es entstand ein Zusammenlauf von Neugierigen, Unwilligen und Unzufriedenen. Dies Alles gab der Sache den Schein eines ernsten Aufstandes. Die Polizei darüber erbost, verschärfte ihre Aufforderungen mittelst strenger Maßregeln. Da rückte das ganze Judenviertel heraus; man sah Frauen, Kinder, ja Greise; auch viele Christen, die entrüstet über das strenge Verfahren gegen die armen Juden, bereit waren, für dieselben zu kämpfen. Es fand in der That hierauf ein kleines Scharmützel zwischen den Bürgern und den Polizeiagenten statt, in welchem es von beiden Seiten einige Verwundete gab. Die Polizei patroullirte in Gruppen durch die Straßen. Viele Läden wurden geschloffen aus Furcht vor fliegenden Steinen. Sämmtliche hiesige Hauptorgane äußerten sich zu Gunsten der armen Hausirer. So schreibt die „Amsterdamsche Courant" vom 23. d.: „Ist Widersetzlichkeit g^gen Befehle der Behörde tadelhaft, muß man doch andererseits anerkennen, daß einer sehr zahlreichen Klasse von Bürgern, die keinen andern Nahrungszweig haben, als Verkaufen auf öffentlicher Straße, plötzlich die Gelegenheit genommen ist, ihr Geschäft zu treiben. Die Frage wirft sich von selbst auf, ob wirklich dringende Umstände vorhanden seien, die es nöthig machen, arme Leute von dem Flecke, wo sie sich gewöhnlich bewegen und wo die Kunden gewöhnt sind sie zu finden, zu entfernen, solange der neue Marktplatz nicht fertig ist, welcher laut Beschluß des Gemeinderaths, noch vor einigen Jahren für sie bestimmt wurde; nämlich die Leproezengracht." „De Tijd", das Hauptorgan der Katholiken der Niederlande, fügt noch Folgendes hinzu: „Auch wir meinen, daß man mit der Räumung der Schubkarren, der kleinen Buden u. s. w. aus einem Viertel, wo sie seit undenklicher Zeit gestanden haben, hätte warten können, bis die Leproezengracht in einen Platz und überdeckten Markt verwandelt worden. Dar Publikum war hier an die Ausstellungen gewöhnt, weshalb das zeitliche Uebersiedeln nach dem Zwanenburgwal sehr nachtheilig für die Hausirer sein muß, für Leute, die meistentheils keinen Schaden ertragen können. Warum, ohne irgend welchen scheinbaren Nutzen, ihnen denn jetzt schaden, wenn die Räumung doch ohne Beschwerde geschehen könnte, sobald der RathSbeschluß betreffend der Leproezengracht ausgeführt würde? u. s. w." In demselben Sinne äußerte sich das hiesige „Algemene Handelsblad". Aus diesen kurzen Auszügen der Presse der Niederlande ist zu ersehen, daß die armen jüdischen Kleinhändler sich einer ungetheilten Sympathie erfreuten. Das zeigte sich auch dem genauen Beobachter der Vorfälle vom 21. d. an Ort und Stelle. Die Polizei hatte schwer zu kämpfen, wenn sie einen Bürger arretiren wollte; die Volksmaffe, meist Nichtisraeliten, legte dabei der Polizei alle möglichen Hindernisse in den Weg, weshalb es dieser auch in den meisten Fällen nicht gelang. Gegen 3 Uhr führte man einen Juden ins Gefängniß, unter Begleitung von 3 5 Polizisten mit blank gezogenen Säbeln; und auch dann erst, nachdem der Mann sich recht tapfer vertheidigt und mit den Polizisten derart gerungen hatte, daß von seinen Kleidern nur einige Fetzen hängen geblieben waren. Zufällig war unser Oberrabbiner, vr. I. H. Dünner, Augenzeuge dieser traurigen Scene. Nach Hause gekommen, ersuchte derselbe schriftlich den Bürgermeister um eine Unterredung. Inzwischen ging es auf dem Kampfplatze noch ziemlich heiß her. Denn die Polizei ließ nämlich auch noch nach 4 Uhr, als kein einziger Karren u. dgl. auf den Straßen mehr anzutreffen war und die Volksmenge sich ruhig verhielt, Patrouillen umher ziehen, die gegen 7 Uhr hier und da mit Steinen, Planken und Körben begrüßt wurden. Es wurden 13 Personen arretirt. Um 8 Uhr rückten endlich die Patrouillen in ihre Quartiere zurück. Die Nacht verlief ruhig. Samstag gegen 1 Uhr wurde unser Oberrabbiner zum Bürgermeister zur Unterredung beschieden. Ec schilderte dem Bürgermeister die Lage der Hausirer, erklärte ihm, wie dieselben durch die Befehle, ihre Stellen zu räumen, zum Aeußersten getrieben wuroen, und vertheidigte einigermaßen das schroffe Auftreten derselben. Unser Bürgermeister, Herr v. Tienhoven, ein Mann von hoher Bildung, ehemaliger Universitäts-Profeffor, nahm die Fürbitte des Oberrabbiners sehr günstig auf. Es wurde beschloffen, daß die Hausirer drei Straßen räumen mußten; die übrigen im Judenviertel befindlichen Straßen sollten ihnen zur Verfügung bleiben. Die am Freitag arretirten Bürger würben sofort freigelaffen. Für den nächsten Freitag, dem man besorgt entgegensah, hatte der Herr Oberrabbiner es übernommen, die Hausirer zum Gehorsam, resp. zur friedlosen Räumung der drei Hauptstraßen zu veranlassen; doch verbat er sich beim Polizeidirector jede polizeiliche Einmischung. Von einer Bürger-Commifflvn, die aus den verschiedenen Klaffen der Israeliten zusammengesetzt war, unterstützt, gelang es in der That dem Herr» Oberrabbiner, die noch immer erbitterten Hausirer von jeder Widersetzlichkeit zurückzuhalten und so lief der sehr gefürchtete Freitag ganz friedlich ab; die Bemühungen der hiesigen Sozialisten, die Kleinhändler auf ihre Seite hinüberzuziehen, scheiterterten an dem selbst in der Erregung gesunden Sinne der semitischen Race. Außer dem Oderrabbiner machten sich bei diesem Friedenswerke u. A noch die Herren L. S. Rubens, Vorsteher des niederl. isr. Kirchenraths der Hauptsynagoge zu Amsterdam, M. de Fries, Mitglied des genannten Kirchenraths und besonders auch Herr S. Munk, sehr verdient. Letzteren sah man am letzten Freitag in der Judenbreitenstraße umherlaufen, die Leute bittend sich von dieser Straße in die Seitenstraßen zurückzuziehen. Wer von diesen Karrenbesitzern dem Hrn. M. klagend erwiderte, er habe heute weniger als sonst oder gar nichts verkauft, (natürlich wegen Veränderung der Plätze), dem antwortete Herr M. mit Geldaustheilung. Diesen vereinten Kräften gelang es, die Maßregeln ohne Dazwischenkunft der Polizei in Ordnung und Ruhe zur Ausführung zu bringen.