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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-06-16 · N° 25. (16.6.1880) · p. Seite 212

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 25. (16.6.1880)
Date
1880-06-16
Page
Seite 212 (sequence 2)
Language
German
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— 212 — stimmt, dann offen und gemein vom „Israelit" und ähnlichen Blättern angegriffen jwurde, so wurde eS auch mit der Alliance gehalten. Gern, sehr gern hätte der Mainzer Unfehlbare der Alliance etwas am Zeuge geflickt, aber einmal ist dieses In« stitut gottlob zu populär und z« mächtig, als daß Lehmann'- Maulwurfsarbeit es mit Erfolg untergraben könnte, und dann hat die Alliance ebenso wie der Deutsch-israelitische Gemeinde« bund jeder religiösen Anschauung Rechnung getragen, oder vielmehr keiner der auf religiösem Gebiete streitenden Parteien das Wort verstattet. DaS war denn dem Dr. Lehmann gar zu fatal. Irgendwo mußte doch wohl an die Alliance heranzukommen sein und siehe da, die Gelegenheit fand sich in Palästina. Den fanatischen Chalukajägern war die Ackerbauschule in Jaffa längst ein Dorn im Auge, ebenso wie alle Schulen und Institute, welche dazu beitragen konnten, dem Bettelwesen und der systematischen Faulheit zu steuern. Ein Paar höchst anrüchige Zeugen sagen aus, daß in der Ackerbauschule nicht genug gebetet und T'hillim gesagt werde, daß der Religionsunterricht nicht ausreichend sei und was der ganz vagen unqualificir* baren Verdächtigungen noch mehr waren, und die Verketzerung war fertig. Mit wahrem Wohlbehagen machte sich der „Israelit", zum Organ dieser Verdächtigungen, denen er in den Augen seiner urtheilslosen Leser dadurch einiges Gewicht zu verleihen sucht, daß auch der inzwischen verstorbene „Chacham Baschi von Jerusalem" (ein schrecklich türkisch klingender Titel) jene Verketzerung unterstützte. Von nun an ist natürlich die Ackerbauschule „geaffert", und man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, daß demnächst ein kleiner Cherem losgelaffen werden wird gegen alle die Eltern, so ihre Kinder dieser verd. Ackerbauschule anvertrauen; nicht nur „Chelek leaulom habbo“, sondern auch Antheil an der irdischen Chaluka wird ihnen abdicirt «erden, und die edlen Bestrebungen der Alliance israelite, die gerade jetzt beginnt, ihre segensvollen Fittige auch über Palästina auszubreiten, um auch dort Aufklärung und Arbeitsamkeit zu fördern, um auch dort das Loos der leidenden israelitischen Brüder zu verbeffern, werden succeffive lahmgelegt und paralysirt werden, damit der alte Schmutz und die tiefe Finsterniß undurchdringlich bleiben. Wer noch einen Funken Ehrlichkeit in sich birgt, wer noch ein Herz hat für wahrhafte jüdische Zwecke, muß mit uns in den Ruf einstimmen: Quousque tandem! Wie lange noch sollen wenige frömmelnde Fanatiker ganz Israel irre führen! Wie lange noch sollen Tausende und aber Tausende geopfert werden, um in das bodenlose Faß der Chaluka versenkt zu werden und dort nutzlos zu verschwinden. Es ist Zeit, daß unsere Glaubensgenoffen über diese brennende Frage aufgeklärt werden. Die Alliance israelite hat in richtiger Würdigung der Personen und Verhältnisse, die dabei in Betracht kommen, gegenüber allen jenen Verdächtigungen ein vornehmes Stillschweigen beobachtet. An der jüdischen Publizistik ist es, den Kampf aufzunehmen und Aufklärung über die palästinensischen Angelegenheiten zu schaffen. Die Alliance israelite hat ein besonderer Ressort für palästinensische Angelegenheiten eröffnet; in Berlin existirt ein Verein zur Erziehung der jüd. Waisen Palästina'- (Vorsitzender Hr. M. G. Lewy, Victoriastr. 10). Beide Vereine wollen — vgl. L. - Art. in Nr. 23 — für Unterrichts- und Erziehungsanstalten in Jerusalem sorgen. Bereits haben viele namhafte Glaubensgenoffen sich diesem Hilfswerke für Palästina angeschloffen und Beiträge beginnen in reicherem Maße hierfür zu fließen. Für alle Diejenigen, die bisher sich an regulären oder irregulären Sammlungen für Palästina betheiligt haben, muß fortan die Parole lauten: Seinen Pfennig für die Chaluka! Alles für das palästinensische Hilfswerk der Alliance israelite und des Berliner Vereins. Unter welchen Namen die Spenden für Palästina immer gegeben werden, ob als bpEH jvxnö oder als „Challah-Geld" oder für R. Meir Baal Neß rc. Nichts werde fernerhin nach Amsterdam geschickt, woselbst die Ordensgenerale der Chaluka residiren, auch nicht nach deren Hauptstationen in Deutschland: Mainz, Würzburg, Dürkheim, sondern Alles fließe der Alliance israelite und dem Palästinaverein in Berlin zu. Und nicht nur an die Geber allein wenden wir uns, sondern ganz besonders an alle Rabbinen, Lehrer, Vorstände jüdischer Gemeinden, daß sie die Propaganda g e g e n die alte Bettelei zu Gunsten Palästinas in die Hund nehmen und von den Hunderttausenden, die aus den Taschen frommer und wohlthätiger Glaubensgenossen in die unsaubern Hände der Chalukanehmer wandern, so viel als möglich für die wahrhaft jüdischen Cultu r zw ecke der gen. Vereine zu retten suchen. Daß wir sehr vielen Glaubensgenossen in Deutschland aus der Seele sprechen, deß sind wir überzeugt. Daß auch in E n g l a n d, wo der Edelste der Edlen, SirMosesMontefiore, nach so vielen Humanitären Heldenthaten von den undankbaren Fanatikern in Jerusalem so brüsk zurückgewiesen worden ist, unser Vorschlag günstigen Boden finden wird, haben wir Grund anzunehmen. Wir wiederholen, es soll heute nur eine erste Anregung gegeben und die Hoffnung ausgesprochen werden, daß diese von berufenen Männern ausgenommen und weiter gefördert werde. Die Angelegenheit darf nicht wieder von der Tagesordnung verschwinden. Wir wissen es genau, daß auch in orthodoxen Kreisen die Ansichten über das gerügte palästinensische Bettelwesen getheilt sind. Einer der ersten Vertreter der Orthodoxie ist bereits vor Jahren wegen einer etwas freisinnigern, aber ehrlicheren Auffassung dieser Dinge in „Cherem" gethan worden und hat seitdem seine Thätigkeit für Palästina eingestellt. Es herrscht auch hierin eben, ein ganz verwerflicher Terrorismus, den einige wenige Hauptschreier aus den verschiedensten Gründen ausüben. ES ist an der Zeit, daß diesem Terrorismus ein Damm entgegengesetzt nnd etwas mehr Licht und Reinlichkeit in diesen Augiasstall gebracht werde, damit endlich auch auf dem Boden unserer heiligen Vergangenheit Israeliten leben, die uns Ehre machen und die ihr Lebensglück selbst begründen zu können in den Stand gesetzt sind. Die Unruhen in Amsterdam. In der Judenbreetstraße und dem umliegenden Stadtviertel herrschte Freitag, den 21. Mai, ein ungewöhnliches Gedränge, ganz verschieden von dem oft bunten Gewühle, das man da gewöhnlich, besonders aber an Markttagen antrifft, wo längs der Straßen viele Israeliten in Krambuden oder auf umgekehrten Schubkarren Maaren feilbietend ihren Handel treiben. Die Ursache der Bewegung war diesmal ganz anderer Art. Der Beschluß des städtischen Raths, der das Ausstellen und Verkaufen in den erwähnten Straßen im Interesse des öffenllichen Verkehrs verboten hatte, sollte durch die Polizeibehörde in Ausführung gebracht werden. Dieser Beschluß besteht znar bereits einige Jahre. Allein der Bürgermeister ' hatte s. Z. die Ausführung dieser Verordnung auf unbestimmte Zeit sistirt. Vor einigen Monaten jedoch beschloß der Gemeinde'Polizei'Director, dieses Gesetz energisch zu handhaben.

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