Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 24. (9.6.1880)
- Date
- 1880-06-09
- Page
- Seite 207 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Beirut 1× ep/1047833
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— 207 abbreviatum! des Cantor Peter" entlehnte Curiosum (leider ohne nähere Zeitangabe): Als einst eine gewaltige Dürre herrschte und alle Proceffionen keinen Regen bringen wollten, erbot sich der jüb. Vorsteher zu Folgendem: Ich verpflichte mich, mit allen Gemeindemitgliedern Christ zu werden, wenn ich nicht binnen drei Tagen Regen herbeischaffe, sobald mir gestattet wird, mit den Thorarollen eine Proceffion zu veranstalten. Ohne Bedenken wollten die meisten Geistlichen die Erlaubniß ertheilen, als Meister Alberich sich dagegen erhob: „Gott behüte, daß der christl. Glaube solcher Gefahr ausgesetzt werde, indem ein Jude durch seine Hexerei den Regen vom Himmel herabzieht, was Gott zulaffen kann wegen unserer Sünden, oder indem der Teufel ihm hilft. Hierdurch könnte die christl. Religion geschändet werden und alle Unserigen würden unbedenklich zum Judenthum abfallen." Daraufhin wurde die Erlaubniß verweigert. — Gegenüber dem Vorwurfe, der in einem ^uasi-wissenfchaftlichen Vortrage über Lamartine seinem Verleger Michel Levy gemacht worden ist und der „als wahre Judenart" bezeichnet wurde, bemerkt der Unlerinspektor bei der Post und Telegraphie in Saöne et Loire, Herr G. Cahen, in einem längeren Artikel mit Recht: „Niemand dachte daran, den berühmten Crsinieux „Jude" zu nennen, als er von seinem Privatvermögen 100.000 Fr. den Ueberschwemmten von Toulouse gab. Darum brauchen Sie auch dieses Wort nicht, sobald es gilt, einen schlechten Kerl oder eine undelikate That zu bezeichnen. Die Religion hat hierbei nichts zu schaffen." (Arch. isr.) — „Arch isr." beklagen viele bei der jüngsten Confirmation in Paris zu Tage getretene Mißstände. Die Eltern in den Hintergrund gedrängt, verständnißloses Herplärren der Recitationen, Mangel an Weihe. (Daß in Deutschland die Conftrmanden selbst singen, ist uns nicht bekannt, wohl aber daß die Synagogenchöre sehr viel durch feierliche Gesänge zur Hebung der Confirmation beitragen. Red.) Uebrigens waren die beiden Reden der Rabbiner vortrefflich, aber am Schluß liefen die Kinder wild durcheinander, anstatt in feierlichem Zuge gemeinsam die Synagoge zu verlaffen. — Unter den jüngst Confirmirten war auch der Sohn des Herrn Baron Alfons v. Rothschild. Dieser hat deshalb jeden der Confirmirten, welche Zöglinge des Waisenhauses in der me Lamblardie sind, eine silberne Uhr, und denen, welche die städti« schen oder Consistorialschulen besuchen, je 20 Fr. geschenkt. Palästina. Sased. Es ist ein schrecklich-trauriges Bild, welches das Schriftchen entrollt, das ein Herr Mendel Oelbaum aus Sisenzk gebürtig und in Safed wohnhaft als offenes Sendschreiben von Wien aus versendet hat. Der Verf. tyeilt aus seinen Erlebniffen eine Fülle von Gemeinheiten und Verbrechen, welche das Leben der „Frommen" in der heiligen Stadt Safed ausfüllen. Keine Macht kann gegen die Bande der Chaluka-Vertheiler oder richtiger der Chalukadiebe, siegreich kämpfen, denn falsche Zeugen. Bestechung. Mordversuche (?) sind keineswegs ungewöhnliche Vorgänge. Was aber dem Ganzen einen besonders prickelnden Reiz verleiht, ist die Bekehrung eines die Reinigung dieses Augiasstalles versuchenden Herkules zum Oberspitzbuben. Herr Oelbaum hat als Sekretär seines Kolel des „lieben Friedens wegen", so ein bischen milgeholfen, die Welt zu betrügen und scheint dabei seine Rechnung gefunden zu haben, so daß er im Jahre 1868 seinem entfernten Verwandten, einem Herrn Baerle, es ernstlich widerrieth. gegen die damals unter Anführung eines gewiffen Mose Charay herrschende Gaunerclique anzukämpfen. Doch dieser scheinbar von den edelsten Gesinnungen beseelt, ließ sich nicht zurückhalten. Er trotzt selbst der sein Leben gefährdenden Nachstellung und bestimmt den p. Oelbaum. 1870 dem Generalkonsul in Bayrut, und da dies nichts half, dem Ministerium in Wien die Klagen der Gemeinde wegen den Unterschlagungen, der Verschleuderung der eingehenden Unterstützungen, sowie der Willkühr des Vorstehers und des Agenten vorzulegen. Mit Hülfe des Herrn Ignatz Deutsch erwirkte er's auch, daß eine eingehende Untersuchung zugesichert wurde. Als er aber nach 17monatlicher Abwesenheit heimkehrte, hei! wie hatte das Blatt sich gewendet! aus dem Saulus war ein Paulus geworden. Reb Baerle war mit Reb Mansche und dem Agenten ein Herz und eine Seele geworden, das Streben für die Wohlfahrt Aller war der Habgier gewichen, und schlimmer denn je ward mit den allgemeinen Geldern gewirthschaftet. Die Untersuchung durch den Alles verhüllenden Generalkonsul ergab natürlich nichts für den Agenten Gravirendes, obschon Oelbaum seine Anschuldigungen vorbrachte. Die Rollen wurden neu vertheilt, Einer der eifrigsten Partisanen des Agenten wurde Apotheker, Einer Schänker (der Schnaps, den die Anführer und ihre Gesellschaft trinken, und nicht gar mäßig, wird aus dem Wohlthätigkeitsfonds bezahlt), ein Dritter Schreibutensilienlieferant. Wieder Einer vertheilt die Spenden an die Armen so, daß er statt Geldes ihnen Spezereiwaaren aus seinem Geschäfte aufnöthigt, der wird Gemeindediener und sein liederlicher Sohn Todtengräber; der Schreiberposten und das Amt eines Bauführers, der Aufsicht über's Fleisch und das Recht Koscherfleisch zu verkaufen, das Hohlen der Fremden von Chaifa sind weitere Sinecuren. Da Oelbaum sich durchaus weder zum „gemeinsame-Sache-Machen" noch zum Ausliefern der in seinen Händen befindlichen Briefe und Schriftstücke berbeilaffen wollte, ward ihm übel mitgespielt. Sein Sohn ward von einer berauschten Menge — der Wein wird aus Europa bezahlt — halbtodtgeschlagen, sein Haus demolirt, ihm Proceffe an den Hals gehängt, kurz er mußte Fersengeld geben. Von Wien aus, wo sich die Gabaim des Erez-JißroelgeldeS seiner annahmen, begann er auf Wiedererstattung zu dringen, und va ergiebt sich ein weiteres anekelndes Bild'der Rechts» Verweigerung, der Lüge und Verdrehung unter frommem Augenverdrehen, das hier zu entrollen die Feder sich sträubt; der Leser hat an der gegebenen Probe genug. (Das Herz blutet, solche Dinge aus Palästina mittheilen zu müssen; denn „wenn Israel geheilt werden soll, so müffen die Schäden bloß gelegt werden." Dnax'pS? Es ist der heilige Boden, auf dem die unsauberste Wirthschaft, es ist die Religion, unter deren Deckmantel das gemeinste Treiben en gros betrieben wird. Was resultirt daraus? Jeder Groschen Geldes, der dieser säubern Gesellschaft gegeben wird, ist eine Förderung des rohesten Truges und Diebstahles. Nur durch die Alliance und den Berliner Verein werde fortan Geld für Palästina verwendet und zwar nur für Unterrichts-, Erziehung^» und Ansiedelungszwecke für ehrliche Arbeit, — aber nicht für Faullenzer und Diebesgesindel, das den heiligen Boden nur entweihet. (Wir kommen darauf noch in besonderem Artikel zurück. „Um Zijons willen darf ich nicht schweigen." Red.) Amerika. New-Nork. Daß auch in Amerika confessionelle Befangenheit oft ziemlich bedeutungsvolle Gebiete innehaben können, würdejder Europäer kaum glauben. Wie soll da, wo ein christlicher Prediger in einer Synagoge seine Ansicht über das Judenthum ausspricht, möglich sein, daß confessionelle Abschließung in empfindlicher Weise sich geltend mache? Und dennoch constatirt ein Berichterstatter des „American Jsraelite", daß an den Universitäten Amerika's Verbindungen unter den Studenten bestehen, in welchen die Mitglieder sich gegenseitig beistehen, die aber prinzipiell keinen Juden aufnehmen. Mit Recht fordert der Berichterstatter mit dem Hinweis auf die Verlaffenheit der jüdischen Studenten zur Abhilfe auf und wünscht, daß jüdische Vereinskraft auch hier ihren bewährten Edelsinn zeige. Doch ist diese Sonderbarkeit unter den amerikanischen Studenten gewiß eine Folge des noch nicht zahlreichen Eintritts jüdischer Studenten in das Universitätsleben und gewiß zu erwarten, daß bei einem maßvollen und wohlwollenden Vorgehen der jüdischen Studenten diese Schranke fallen werde. Der Vertreter der Vereinigten Staaten in Rußland, Minister Foster, ist nach Petersburg mit dem ausdrück-