Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 24. (9.6.1880)
- Date
- 1880-06-09
- Page
- Seite 206 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 206 — ziemliche Anzahl seiner Mitglieder erschienen waren. Der langjährige, verehrte Vorsitzende, Lehrer Schlesinger -Göttingen, eröffnete die Sitzung mit einer herzlichen Begrüßung und ergriff sodann das Wort zu einem warmen Nachruf für den kürzlich in Hannover verstorbenen Profeffor vr. Frensdorf, der stets für die Verhandlungen des Vereins das regste Jntereffe gezeigt habe. Die Versammlung erhob sich zu Ehren des Verstorbenen von ihren Sitzen. — In die Tagesordnung eintretend, wurde als Gegenstand derselben die Reviston der Statuten unter Zugrundelegung der commiffionsseitig gemachten Vorschläge vorgenommen und der Vorstand betraut, dieselben nach den beschloffenen Veränderungen zu redigiren. — Hierauf beleuchtete Herr Landrabbiner vr. Guttmann-Hildesheim, wie er dies bereits in der vorjährigen Conferenz gethan, nochmals die Frage: „In wie weit verdient in einer israelitischen Volksschule die jüdische Geschichte beim Unterrichte der Weltgeschichte Berücksichtigung." Redner setzte auseinander, daß die Berücksichtigung der Hauptmomente aus der Geschichte des Judenthums beim Unterrichte in der allgemeinen Weltgeschichte nach zwei Seiten hin wünschenswerth und von Nutzen sei. Erstens werde durch ein solches Lehrverfahren der jüdischen Volksschule, der nach ihrer ganzen Organisation und dem Bildungsgrad ihrer Schüler ein ausführlicher und systematischer Unterricht in der jüdischen Geschichte unmöglich sei, die Gelegenheit geboten, eine gewiffe Kenntniß auch der nachbiblischen jüdischen Geschichte ihren Schülern zu überliefern. Zweitens sei die Berücksichtigung der jüd. Geschichte, insofern dieselbe mit den großen Ereignissen der Weltgeschichte in Verbindung stehe, wohl geeignet, die geschichtlichen Vorgänge und Persönlichkeiten in einem neuen Lichte erscheinen zu lassen und zur Berichtigung mancher weitverbreiteter Vorurtheile beizutragen. Redner wies dies nach, indem er an einzelnen Beispielen,*) namentlich aus der Geschichte des Alterthums und des Mittelalters zeigte, wie die Kenntniß der jüd. Geschichte wesentlich zum richtigeren Beurtheilen jener beitrage. — Dieser Vortrag gab Anlaß zu einer längeren, eingehenden Diskussion, deren Ergebniß Herr Landrabbiner Dr. Meyer Hannover in nachstehende Resolutionen zusammenfaßte, zu denen dann auch die Versammlung ihre Zustimmung gab. 1) Beim Unterrichte in der Weltgeschichte in den jüdischen Schulen ist der jüdische Gesichtspunkt nicht aus den Augen zu verlieren, um die Weltgeschichte nicht in einseitiger Weise den jüdischen Kindern zu lehren. 2) Wo sich passende Anknüpfungspunkte ergeben, soll in der Weltgeschichte die jüdische Geschichte herangezogen werden. 3) ES ist danach zu streben, daß eine Weltgeschichte in diesem Sinne für jüdische Schulen geschrieben werde.**) 4) Die Lesebücher für die jüdischen Schulen müssen Themata aus der jüdischen Geschichte, Lebensbilder und dergleichen neben dem allgemeinen Lesestoff enthalten. — Die um 1 Uhr unterbrochene Sitzung wurde Nachmittags 4 Uhr wieder ausgenommen. Zur Verhandlung kam ein Referat des Unterzeichneten über die häuslichen Arbeiten der Schüler, insbesondere der Religionsschüler. Das Thema war nach den folgenden Gesichtspunkten ausgeführt: 1) Sowohl für die Elementar-, wie auch für die Religionsschulen sind häusliche Aufgaben nothwendig, um die Arbeit der Schule zu unterstützen und um die Schüler an eigene Thätigkeit zu gewöhnen. 2) Aufgaben müssen nach dem Bedürfniß beim Unterrichte und nach der Leistungsfähigkeit der Schüler bemessen werden. 3) Keine Aufgabe darf gegeben werden, welche nicht durch den Unterricht genügend vorbereitet ist. 4) Die zuweilen vorkommenden Klagen über zu große Anforderungen an den häuslichen Fleiß der Religionsschüler sind in Bezug auf die häuslichen Aufgaben in der Religion und biblischen Geschichte nicht begründet, da auch alle anderen Schüler höherer Lehranstalten nach dieser Seite hin neben ihren übrigen Arbeiten häusliche Aufgaben zu bewältigen haben. 5) Jedoch ist nicht *) Wir hätten gewünscht, Referent hätte hier nicht mit unserem Raume gekargt, sondern einige Beispiele anführt. (Red.) ♦*) Ist aus manchen Gründen nicht räthlich. (Red.) zu verkennen, daß durch die Unterrichtsstunden im Hebräischen die freie Zeit der Religionsschüler verkürzt wird, und sind deshalb häusliche Aufgaben für diesen Unterrichtsgegenstand nur in mäßigem Umfage zu ertheilen.*) — Auch dieses Referat veranlagte eine längere Debatte, die mit Annahme der vom Referenten empfohlenen Thesen endigte. — Gegen 7 Uhr fand der Schluß der Versammlung statt, nachdem zuvor Ort (wo? Rd.) und Zeit der nächstjährigen Conferenz bestimmt worden waren. E. Stern, Schriftführer. Halle a/S. Zu dem Berichte über die jüngst hier abgehaltene „Conferenz der isr. Cultusbeamten Mitteldeutschlands" ist ergänzend hinzuzufügen, daß Hr. Rabbiner vr.; Leimdörfer-Nordhausen einen Doppeloortrag hielt. Zuerst über das im vor. Jahre auf der Conferenz zu Eisenach unerledigt gebliebene Thema: „Welches sind die Heilmittel zur Beseitigung der Schäden, die dem Religionsunterrichte anhaften?" das vom Hrn. vr. L. in erschöpfender Weise behandelt wurde. Daran reihte sich der interessante Vortrag über die Bedeutung des nach biblischen Geschichtsunterrichts in der Religionsschule. Die vom Vortragenden zum Schluß gestellten Anträge: 1) Die Wichtigkeit des nachbibl. Geschichtsunterrichts anzuerkennen; 2) die vorgeschlagene Methode der Kürze und Klarheit anzunehmen, (mit dem Zusatzantrage von Jacobsohn-Leipzig: daneben soll es aber keineswegs ausgeschlossen sein, einzelne Lebensbilder hervorragender geschichtlicher Persönlichkeiten in ausführlicher Weise zu bieten;) 3) das redliche Streben des Lehrers, dieser Methode durch ein Hilfsbuch nachzukommen, zu fördern und zu unterstützen; einstimmig angenommen.**) (Wir sind in der Lage, die beiden Vorträge des gesch. Collegen in uns. Bl. zu veröffentlichen. Red.) Oesterreich. Wien. Der verstorbene Moritz Rappaport wurde zu Lemberg am 9. Februar 1808 geboren, widmete sich, nachdem er in seiner Geburtsstadt das Gymnasium absolvirt hatte, in Wien dem Studium der Medizin, dem einzigen, welches seinen Glaubensgenossen damals freistand. Sein poetisches Talent näherte sich gleichzeitig an der älteren hebräischen Poesie und an der classischen Deutschen Literatur. Als er im Jahre 1833 zum Doctor promovirt worden war, kehrte er in seine Heimath zurück, in der er bis zum Jahre 1872 als Hospitaldirector lebte und eine segensreiche Thätigkeit eutfaltete. Er schuf zuerst in jenen Gegenden einen Mittelpunkt für das Deutsche Leben durch seine Zeitschrift „Leseblätter", an der leine Freunde und Studiengenossen, vor allem Nikolaus Lenau und Ludwig August Frankl, mitarbeiteten, er brachte Deutschlands Geistesherden in einem Lande zur Geltung und Würdigung, das sich vor allen anderen Provinzen deS Kaiserstaates am längsten dem Eindringen Deutscher Cultur verschlossen hatte. Zeugniß davon geben seine Gelegenheitsgedichte „Goethe, seinen Manen geweiht" (1857), „Prolog zur Schillerfeier" (1859). „Am Todestage Moses Mendelssohns" (1860), „Festgedicht zur Lessingfeier" (1860). Auch an den politischen Bewegungen und Kämpfen des Jahres 1848 nahm er regen Antheil und seine „Cousiitutionsweihe und Amnestie", war das erste ohne Censur in Galizien gedruckte Deutsche Gedicht. Er kämpfte und schrieb sein Leben lang für die Emancipation seiner Glaubensgenossen. Ehre seinem Andenken! Frankreich. Paris. In seinem „Das alte und neue iSraelit. Reims" berichtet Herr Rabbiner Emile Cahen folgendes dem „Verdum *) Aber gerade das Hebräische und besonders das Uebersetzen erfordern — mehr als bibl. Geschichte und Religion — häusliche Hebung und Vorbereitung. (Red.) **) Es sei der Vollständigkeit wegen auch noch erwähnt, daß beim Festmahle Hr. 0r. L. in längerer Tischrede einm Toast auf den Vorsitzenden Hrn. Landrabb. vr. Krön er, Hrn. Prediger F a ck e n h e i m auf den Präsidenten des Deutsch-Jsr. Gemeindebundes, Hrn. Jac. Ra. chod und Hrn. Nathanson (Magdeburg) auf die anwesenden Rabbiner und Lehrer ausbrachte.