Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 24. (9.6.1880)
- Date
- 1880-06-09
- Page
- Seite 205 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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205 guten Patrioten, in manchen Stücken anderer Ansicht sind | als der Reichskanzler und der Bundesrath, und daß sie im Reichstage die Gründe ihrer abweichenden Meinung nach besten Kräften zu vertreten pflegen. Aber darin liegt doch wahr« lich auch nicht ein Schatten von Reichsfeindlichkeit. Ihre Meinungen auszusprechen und mit Gründen zu vertheidigen, dazu schickt man ja die Volksvertreter in den Reichstag. Daß die national-liberalen Israeliten darauf ausgehen, das Reich zu untergraben, oder auch nur zu schwächen und ihm zu schaden, wird Niemand glauben, wenn nicht bündigere Beweise beigebracht werden. Wir wären begierig, auch nur eine einzige Thatsache zu vernehmen, auf welche sich der Schein eines solchen Makels begründen ließe. Dabei setzen wir freilich voraus, daß es zur Zeit noch nicht für Reichsverrath gilt, Kornzölle und Schutzzölle für schädlich zu halten. Merkwürdig ist übrigens, daß selbst in diesem Falle die Behauptung , einer specifisch jüdischen Reichsfeindlichkeit unhaltbar bleiben > würde. So hoch man den Einfluß der Israeliten im Reichstage anschlagen mag, an der Börse ist dieser Einfluß ohne Zweifel zehnfach größer. Im Reichstage sind die Israeliten Freihändler (auch nicht einmal alle) und an der Börse sind sie Schutzzöllner. An derjenigen Stelle, wo sie am meisten wirken können, gehen sie mit der wirthschaftlichen Politik des Reichskanzlers in gleichem Schritt und Tritt. Mit Gründen ist bei dem Feldzuge gegen die Deutschen mosaischer Confesiion augenscheinlich wenig zu machen. Wem der Feldzug sehr am Herzen liegt, thut besser, unnütze Mühe zu sparen, nach der Regel, welche in einem berühmten Drama des vorigen Jahrhunderts der „Patriarch" für solche Fälle aufgestellt hat. _ Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 4. Juni. Heute feiert die Stadt Magdeburg das 200. Jubelfest ihrer Zugehörigkeit zum brandenburgischpreußischen Staat. Die Stadt prangt im schönsten Schmucke. Der Kaiser, der Kronprinz, der vorgestern verlobte Prinz Wilhelm, Prinz Friedrich Karl, begleitet von den Ministern und großem kaiserlichen Gefolge haben vor wenigen Stunden ihren Einzug unter Kanonendonner, Glockengeläuts und den brausenden Jubelrufen der Bevölkerung gehalten. Auf dem reichdecorirten Marktplatz, Angesichts des Reiterstandbildes Kaisers Otto I. fand die Huldigungsfeier statt. Neben der Kaiser- Tribüne waren zu beiden Seiten Tribünen für die städtischen Behörden (Magistrat, Stadtverordnete, Bezirksvorsteher u. s. w.) und Deputationen aus der Provinz errichtet. Unter den mit städtischen Ehrenämtern Bekleideten befanden sich aus der israelitischen Gemeinde die Herren: Rabbiner vr. R a h m e r, Vorsteher Eduard und GottfriedFriedeberg und die Repräsentanten Adolph Rosenthal und Adolph Jacob y,*) die (sammt ihren Frauen) vom Magistrat zur Huldigungsfeier auf dem Marktplatz, woselbst sie gleich den anderen städtischen Behörden dem Kaiser vorgestellt wurden, ferner zu dem von der Stadt den allerhöchsten Herrschaften gegebenen F e st d i n e r im großen Saale der Loge und zur F e st v o rst e l l u n g im Theater geladen waren. — Hr. Hoflieferant B. Bernhardt hatte zu Ehren des Kaisertages die Hälfte der Tageseinnahme in seinem bedeutenden Modegeschäfte zum Besten der Stadtarmen ohne Unterschied der Confession bestimmt, was von den hiesigen Zeitungen rühmend hervorgehoben wurde. Magdeburg. In einem Artikel, dessen Conclusion wir auch unfern Lesern schon wiederholt ans Herz gelegt haben: »Folgen wir aufmerksam den Wandlungen des Kulturkampfes aber mischen wir uns nicht in den Streit. Vertheidigen wir uns, wenn man uns angreift — das ist unser Recht und unsere Pflicht; aber anzugreifen ziemt weder unserem *) Auch der Oberarzt des städtischen Krankenhauses, Herr vr. Auf« recht, befand sich unter den Ehrengästen. Charakter noch unserer Stellung" — erzählt „Univ. iSr.", daß mehrere clerikale Blätter darauf hingewiesen haben, daß auch in Bezug auf die Juden in Frankreich beschränkende Gesetze vorhanden seien, die noch nicht aufgehoben wären. Ja ein Advokat hatte den ingeniösen Einfall in einem Civil- Prozesse, der von einem Kaufmann angestrengt war, welcher einen jüdisch klingenden Namen trug, auf das den Handel der Juden von der Erlaubniß des Präfekten abhängig ma« chende Dekret vom Messidor des Jahres 12 und vom 17. März 1808 zu berufen, worauf unter ungeheurer Heiterkeit der Kläger sich als Christ legitimirte. Im Ernste aber liegt die Sache doch anders. Jenes Decret ist nur auf 10 Jahre gegeben worden und bedurfte zu seiner weiteren Giltigkeit einer ausdrücklichen Verlängerung (Art. 18). Im Jahre 1818 war Napoleon auf St. Helena und am 28. Juli 1819 erschien eine königliche Ordonnance, welche die „Administration der Consistorien" abweichend von jenem Dekrete regelt, ohne das Dekret selbst zu verlängern. Es wird auch nie mehr von den Todten erstehen. Mainz, 31. Mai. (Or.-Corr.) Am vergangenen Sabbath widmete unser Rabbiner vr. Salfeld im Anschluß an seine Predigt dem Andenken Aub's, seines Lehrers, einige tiefempfundene Worte, welche auf die zahlreiche Zuhörerschaft einen sehr günstigen Eindruck machten. Denn alle Gemeindemitglieder erinnern sich noch gern der vom vr. Aub, der hier 13 Jahre lang als Rabbiner fungirte, entfalteten energischen liebevollen seelsorgerischen Thätigkeit und rühmen ausnahmslos seine allseitig erzielten Erfolge. Wie es scheint, hat unsere Gemeinde in ihrem jüngst installirten Rabbiner einen gleich energischen tüchtigen Mann gefunden. Da über dessen Einführung Ihr geschätztes Blatt, das sich auch bei uns immer mehr Freunde erwirbt, bis jetzt noch kein Referat brachte,*) so bitte ich Sie um Aufnahme folgender Notizen. Donnerstag, den 5. d. M., ward vr. S. im Gemeindesaale vom Vorstande, der sich mit Dankesworten zuerst an den jetzt pensionirten Herrn vr. Cahn, welcher über 40 Jahre, zuerst als 2, dann als 1. Rabbiner segensreich gewirkt hatte, wandte, den Beamten der Gemeinde vorgestellt. Die offizielle Einführung fand darauf am Freitag Abend statt. Unter den Klängen der Orgel, welche ein Festlied intonirte, betrat vr. S. inmitten des Vorstandes die mit Blumengewinden, Palmen und Lorbeeren reich geschmückte Synagoge, ward vom Präses auf seinen Platz geleitet und mit kurzen herzlichen Worten begrüßt, die er im Anschluß an Hos. 2, 21 und 22 von der Kanzel herab ebenso warm und begeistert erwiederte. Die am Sabbathmorgen gehaltene Antrittspredigt behandelte in Anlehnung an die Segensverheißungen der Sidra 'JTlpro die der Gemeinde «nd ihrem geistlichen Leiter obliegenden Pflichten: Erhaltung des F r i e d e n s, Förderung des religiösen Fortschritts, Mehrung sittlicher F r e i h e i t und Ausübung echt jüdischer Wohlthätigkeit. Die bei dieser und den folgenden Predigten überfüllte Synagoge (es hatten sich auch viele Mitglieder der Religionsgesellschaft eingefunden) bewies uns und dem Redner, daß hier noch viel empfänglicher Sinn für alle jüdischen Interessen vorhanden und wird es Letzterem durch umfassende Thätigkeit für Cultus und Schule voraussichtlich gelingen, der fast 800 Familien zählenden Haup tgemeinde den alten Ruhm zu wahren. Seitens vieler Gemeindemitglieder sind Herrn vr. S. reiche Beweise des Entgegenkommens gegeben worden, man beschenkte ihn mit kostbaren Zimmereinrichtungen und anderen werthvollen Gegenständen zur häuslichen Einrichtung. Hildesheim, 2. Juni. (Or.-Corr.) Am 24. Mai wurde im Sitzungssaals der Synagogengemeinde Hannover die diesjährige Generalversammlung des „Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover" abgehalten, wozu außer dessen Ehrenmitgliedern, Herren Landrabbiner vr. Meyer-Hannover, vr. G u t t m a n y-Hildesheim und vr. B u ch h o l z-Emden eine *) Daß der hier erscheinende „JSraelit" darüber nichts bringt, nimmt nicht Wunder.