Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 24. (9.6.1880)
- Date
- 1880-06-09
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 204 — Samoagründung Geld verloren. Und ähnlich verhält es sich bei allen Reichsgesetzen und, Reichsmaßregeln: überall laufen die confessionelleü und die Racengrenzen so bunt burch ein» ander, daß es hoffnungslos ist, ein Terrcsin specisisch Mischen Mißvergnügens äuszusondsin. Allenfalls könnte stlan auf den Einfall kommen, die Nichtachtung des Sabbaths seitens der Reichsgesetze bilde einen „jüdischen" Beschwerdepunkt. Aber die Juden beschweren sich gar nicht darüber. Sie sind verständig genug einzusehen, daß in solchen Dingen die Mehr« zähl entscheiden muß. Wohin wir auch blicken, nirgend finden wir jene behauptete „gleichmäßige Unzufriedenheit der Juden mit der Reichsgesetzgebung", mit anderen Worten eine Unzufriedenheit, die nur von Juden und die von allen Juden oder ihrer Mehrheit getheilt wird. „An der Spitze fast jeglicher Opposition gegen das Reich" sollen die Juden stehen. Als Rbichsgegner bezeichnet man gewöhnlich folgende Gruppen: 1) die Ultromontanen, 2) die Socialdemokralen, 3) die Particularisten (Welfen, süddeutsche Preußenfresier), 4) die fremdländischen Parteien (Polen, elsaßlothringische Protestler, Dänen.) Die „Nordd. Allg. Ztg." rechnet, glauben wir, auch noch die Fortschrittspartei hinzu, und der Einfachheit wegen wollen wir auch das noch gelten lassen. Mit diesen fünf Nnmmern schließt das Verzeichniß wohl jedenfalls ab, wenn man von minimalen Größen absieht. Die Juden müßten also, wenn die „Nordd. Allg. Ztg." Recht hat, mindestens an der Spitze von drei genannten Gruppen stehen. Von den Ultramontanen kann natürlich keine Rede sein; bte „Nordd. Allg. Ztg." selbst erkennt dies an. Die Socialdemokraten hatten einmal vor längeren Jahren einen jüdischen Führer, den übrigens Fürst Bismarck für weniger staatsfeindlich gehalten hat, als die jetzigen. Mit welcher Auszeichnung er sich über Lasialle geäußert hat, ist ja Allen erinnerlich. Man kann aber doch nicht sagen, daß seit Laffalle's Tode die Führung der Socialdemokratie vorwiegend in jüdische Hände übergegangen oder gar daß die Mehrzahl der deutschen Juden Socialdemokraten sei. Eine zuverlässige Statistik in dieser Beziehung steht uns nicht zu Gebote, soviel uns aber bekannt, sind die Socialdemokralen und ihre Führer ganz vorwiegend Nichtjuden, und andererseits stellt die jüdische Bevölkerung wahrscheinlich einen weit geringeren Procentsatz zur Socialdemokratie, als die nichtjüdische. Schon ihre größere Wohlhabenheit, welche sie den Mittelklasien zumeist, läßt dies vermuthen, und der Beweis, daß das Gegentheil stattfinde, würde dem Ankläger obliegen. Erinnern wollen wir aber doch daran, daß, während Fürst Bismarck und manche kirchlich orthodoxe Conservative für Lasialle und desien Lehren wenigstens eine gewisse Sympathie bekunden, gerade namhafte Schriftsteller israelitischer Abstammung, wir brauchen nur Bamberger zu nennen, an der Spitze der Gegner des socialistischen Systems stehen, und deshalb von den Socialdemokraten durch speciellen Haß ausgezeichnet werden. Unter den hervorragenden Welfen und süddeutschen Particularisten haben wir uns, abgesehen von dem einsam stehenden Herrn Sonnemann, vergebens nach jüdischen Namen umgesehen; bei den Polen wird man die deutschen Israeliten auch nicht zu suchen haben; Elsaß Lothringer mosaischer Confesiion haben sich unseres Wisiens bis jetzt noch nicht an irgend einer Spitze gezeigt, und die dänische Partei steht in ihrem bisherigen phönixartigen Vertreter am allerwenigsten orientalisch aus. Es bleibt also von „allen erdenklichen Oppositionen gegen das Reich" nur noch die Fortschrittspartei übrig. Es würde uns nie in den Sinn kommen, diese Partei reichsfeindlich zu nennen, aber, wie gesagt, wir wollen der Einfachheit wegen darüber nicht streiten. Es ist notorisch, daß die bedeutenderen Mitglieder der Fortschrittspartei christlicher Confesiion sind und daß von den hervorragenderen jüdischen Mitgliedern des Reichstags keines der Fortschrittspartei angehört. Noch mehr. Die Fortschrittspartei scheidet sich unter anderem dadurch von der nationalliberalen, daß jene sich zu den grundlegenden Arbeiten bei der Schöpfung des Reichs negirend verhalten hat und in diesem Sinne als zur Opposition gegen das Reich gerechnet werden kann, daß dagegen die nationalliberale Partei die positive Mitwirkung bei jener Reichsschöpfung recht eitzentlkch zu ihrer Bastgemacht fiat, den Gegenpol gegen die Fortschrittspartei bildet, im Verhältniß zum Reiche mithin me n ich t oppositionelle genannt werden kann. Gerade dieser eminent reichsfreundlichen Partei nun gehören die jüdischen Mitglieder des Hauses vorwiegend an. Nicht allein stehen sie keiner einzigen der fünf oppositionellen Gruppen vor, sondern sie schließen sich gerade derjenigen Gruppe an, welche die Sache des Reichs am entschiedensten an die Spitze ihres Programms stellt. Diesen leicht zu controlirenden Thatschen gegenüber fragt man sich erstaunt, wie es denn nur möglich sei, gegen eine ganze Confesiionsgemeinschaft von einer halben Million Seelen die Anklage der Reichsfeindschaft zu schleudern? Welche positive Jndicien liegen einem so schweren Vorwurfe zu Grunde? Folgende Momente führt die „Nordd. Allg. Ztg." an, (wohlgemerkt nur diese, weiter nichts). Erstens die Verhältnisse der Presse, die durch eine confessionelle Statistik leicht zu beleuchten sei. Diese Statistik wünschen wir baldthunlichst aufgestellt zu sehen, da wir überzeugt sind, daß sie dem Gerede von der geistigen Knechtung des deutschen Volks durch israelitische Journalisten ein gründliches Ende bereiten würde. So langen man aber mit bloßen Behauptungen ficht, ist es besser diesen Punkt auf sich beruhen zu lassen. Zweitens, bei den Wahlen bemerkt man selten oder nie, daß jüdische Wähler für conservatie oder auch gemäßigt liberele Candidaten stimmen. Da die Wahlen geheim sind, so kann man es natürlich nicht bemerken. Es wäre übrigens ganz erklärlich, wenn jüdische Wähler nicht für Candidaten einer Richtung stimmen möchten, deren Preßorgane wenigstens Gesinnungen verrathen, welche für jüdische Bürger wenig Beruhigendes haben. Daß sie selten oder nie gemäßigte Liberale wählen, ist uns neu, bedarf aber wohl erst einiger Nachweise, ehe man es als Factum einregistrit. Drittens, jüdische Abgeordnete stndet man unter den Conservativen und Freiconservativen gar nicht. Abgesehen von dem (allerdings getauften R.) vr. Strausberg, der eine Zeitlang zu den Freiconservativen gehört hat, ist diese Behauptung richtig.*) Die Furchtbarkeit dieses Belastungs Moments wird noch gesteigert, wenn man erwägt, (was der Ankläger übersehen hat,) daß man auch im diplomatischen Dienste, im Ossiciercorps und in den Hofchargen Juden selten oder nie bemerkt. Das zeigt doch klar, vaß sie Feinde des Reichs sind. Die Erklärung, daß conservative Wähler niemals einen Juden wählen, ist viel zu einfach, um ins Gewicht zu fallen. Viertens endlich und hauptsächlich: „sie, nämlich die jüdischen Abgeordneten, gehören der Regel nach formell der national-liberalen Fraction an, aber d/ich offenbar nur, um innerhalb derselben die fortschrittlichen Tendenzen wirksamer und zugleich gedeckter vertreten zu können. Die Firma Lasker, Bamberger, Wolffson findet fich an der Spitze jeder regierungsfeindlichen Bewegung innerhalb der nationalliberalen Partei, in der Unterstützungsreserve für jede fortschrittliche Opposition und in geschäftsmäßig freundlichen Beziehungen zu derjenigen des Centrums." Das ist Alles, und wir können Athem schöpfen. Die Sache ist schließlich nicht so gefährlich, wie wir anfangs befürchten mußten. Die große semitische Verschwörung gegen das Reich schrumpft zusammen auf die Thatsache. die nichts weniger als neu ist und bisher Niemanden in Schrecken gesetzt hat, daß die Opposition gegen verschiedene Maßregeln der Regierung (was himmelweit verschieden ist von Opposition gegen das Reich) innerhalb der national-liberalen Fraction bald lebhafter, bald gedämpfter auftritt, und daß unter den letzteren Opponenten zwei oder drei Israeliten sind. Wenn das deutsche Reich nie schlimmere Gegner stndet als die drei genannten ehrenwerthen Männer, dann können wir die Gnade des Himmels nicht hoch genug preisen. Es ist wahr, daß dieselben, mit ungezählten anderen ») Wenn wir nicht irrend gehörte auch R o t h s ch i l d zu ihnen. (Rd.)